Ausgabe 
23.11.1901
 
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Schrittes aus seinem Nachdenken auf, und er hörte Hildes schmeichelnde Stimme:

Möchtest Dn Dich nicht auch für das Fest ankleiden, lieber Vater? Wir sind schon fertig, und Herbert ist eben gegangen, um Felicia abzuholen!"

Es handelte sich da um eine Wohlthätigkeitsveran- staltung, der die Familie Ignatius aus Rücksicht auf die amtliche Stellung des Kämmerers nicht fern bleiben durfte. Und wenn auch der Assessor anfänglich ganz entschieden abgelehnt hatte, mitzugehen, so war er doch durch die Bitten seiner Schwester umgestimmt worden, die ihn gar zu gern als Kavalier für Felicia gewinnen wollte. Aber er hatte nicht verhehlt, daß er sich ungern dazu entschloß, und daß man kaum einen sonderlich unterhaltenden Gesell­schafter an ihm haben werde.

(Fortsetzung folgt.) - s .

Ein Liebling unserer Kiuderzcit.

Zu Ludwig Bechsteins 100. Geburtstag, 24. November.

. Von Dr. Ernst Wilms-

\ . - (Nachdruck verboten.)

Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit Klingt ein Lied mir immerdar"

Das alte Zauberlied der Romantik. In der Kindheit find wir alle Romantiker, und selbst wenn die Zeit schon vorüber ist, wo wir den Unterschied zwischen Dichtung und Wahrheit noch nicht begreifen, und unserer Mutter ebenso gläubig lauschen, wenn sie uns von dein Riesen erzählt, der zehn Menschen zum Frühstück verzehrte, als luciut sie uns berichtet, daß die Bnttersemmeln vom Bäcker stammen, selbst dann noch übt das Wunderbare einen uuvermin- oerten Zauber auf uns, und streitet noch lange iit unserem Herzen mit dem Reiz des Historischen um die Herrschaft.

Welch ein geheimnisvoller Zauber liegt nicht allein fchon in dem WorteMärchen". Wer von uns war so wenig Kind, daß er nicht eine Zeit in seinem Leben hatte, in welcher ein Märchen ihm über alles ging?

O sing' uns ein Märchen, o sing' es uns oft, Daß ich und der Brnder es lerne;

Wir haben schon längst einen Sänger gehofft Die Kinder, sie hören es gerne."

So sehr auch manch kalte Vernünftler neuerdings dagegen loseifern, und allerhand Gespenster sehen, indem sie behaupten, die Kinder würden nervös, furcht­sam/ überspannt und wer weiß tvas alles ich möchte nicht Kind gewesen sein, ohne Märchen, und möchte nicht, daß meine eigenen Kinder ohne sie nufwüchsen. Gewissen­hafte Eltern werden natürlich nicht nur in der Auswahl vorsichtig verfahren, sondern auch auf Gesundheitszustand, Temperament und Empfänglichkeit ihrer Kinder Rücksicht nehmen; ich habe zahlreiche Kinder gekannt, die wohl nie eine Geschichte erzählt bekommen oder gelesen haben, und die trotzdem voller Furchtsamkeit und Ueberreizung waren. Die Märchen befruchten Gemüt und Phantasie, und bereiten den Boden des Herzens und Geistes für die ernstere Saat das müssen unglückliche Kinder sein, die nie etwas von Schneewittchen, Rotkäppchen, Aschen­brödel, Blaubart, Dornröschen, Schlaraffenland usw. hört haben!

Wie pochte das Herz, wenn die Amme uns Bon der Königstochter erzählte, Die einsam auf der Heide saß Und die goldenen Haare strählte.

Die Gänse mußte sie hüten dort Als Mänsemagd, und trieb sie Am Abend die Gänse wieder durchs Thor, Gar traurig stehen blieb sie.

Denn angenagelt über dem Thor Sah sie ein Roßhaupt ragen, Dos war der Kopf .des armen Pferd's, Das sie in die Fremde getragen.

Die Königstochter seufzte tief: .

O Falada, daß Dn hangest!

Der Pferdekopf herunter rief:

O wehe, daß Du gangest!

Die Königstochter senfzte tief:

Wenn das meine Mutter wüßte!

Der Pferdekopf herunter rief:

Ihr Herze brechen müßte!"

Unendlich viel erscheint alljährlich auf dem Gebiete der Kinderlitteratur, aber das meiste versinkt in den Ozean der Vergessenheit; nur eine Anzahl Namen und Werke ragen als unerschütterliche Fclseniiiseln aus diesem Ozean empor, und erheben immer wieder, alt und ehrwürdig und doch eivig jung, ihr Haupt stolz ans dem Wust des Neuen und Unbekannten. Robinson, Heys Fabeln, Hebels originelle Schatzküstleingeschichien, Struwwelpeter, 1001 Nacht, Grimms, Andersens, Bechsteins und Hauffs Märchen, werden sie je vom Weihnachtstische verschwinden? Nein unter den Tausenden von Erzeugnissen gleicher und ähnlicher Art sind und bleiben sie die einzigen:Die auf dem Gestade der Erinnerung an die Kuabeiizeit eine Spur in den Sand getreten, von welcher der Tritt ganzer Generationen nicht ein Sandkorn verrücken wird."

Diese schönen Worte, von Charles Dickens ans Robinson Crusoö angewandt, gelten für alle diese klassischen Werke der Kinderwelt und ihre Verfasser und unter den letzteren nicht zum wenigsten für den Mann, dessen 100. Geburtstag heute wiederkehrt, und dessen Name schon uns unsere Kindheit in Verbindung mit. mancher süßen, herr­lichen, sorglosen, heiligen Stunde zurückruft!

Ludwig Bechstein! "Tie meisten von uns haben seine Märchenbücher oder wenigstens seinDeutsches Märchen­buch" besessen, und sehen bei der Nennung seines Namens eine Reihe vertrauter, lieber Gestalten aus dem Bilderbuch ihrer Erinnerung hervorsteigen. Voranstolziert gar possier­lichDas tapfere Schneiderlein" im blanken Harnisch und mit der goldenen Inschrift auf dem Brustschild:Sieben! auf einen Streich", daun folgt derMeisterdieb", der beu Schulmeister und Pfarrer aus der Kirche stiehlt, und sie lebend in einem Sack in den Schornstein hängt, trotzig schreitet derSchmied von Jüterbog" mit Hammer und Schurzfell, welcher den Tod auf dem Birnbaum festhielt. Hänsel und Gretel" knuspern am Pfefferkuchenhäuschen, Rotkäppchen" spaziert au der Seite des Wolfs, Gevatter Tod, Hans im Glücke, der Däumling, der Hase und der Igel, die sieben Raben, der Dumme mit dem Knüppel aus dem Sack, Blaubart und Haus, der das Gruseln lernen wollte sie alle geben ihre Visitenkarten in unserem Geiste ab, und fordern uns auf, an seinem Gedenk­tage uns des Mannes zu erinnern, der sie geschaffen oder doch für die Jugend bearbeitet, und sich dadurch um unsere Kindheit ein so unvergängliches Verdienst er­worben hat.

Aber wir müssen nicht denken, daß Ludwig Bechstein nur ein Märchendichter war! O nein, feine Thätigkeit war eine äußerst vielseitige und fruchtbare. Er war ein Thüringer, aber nicht bloß von Geburt, sondern von Herzen, Leib und Seele; und Zeit seines Lebens war die Liebe zu seinem Vaterlande der Sporn seines Schaffens.

Thüringen, Du holdes Land, Wie war sein Herz Dir zugewandt!

Seine Wiege stand in Weimar, dem Bethlehem Deutschlands, wie Goethe es nennt,!vie Bethlehem in Juda, klein und groß", und ba er zu der Zeit ge­boren würbe, als noch die Göttersöhne Schiller nnb Goethe am deutschen Dichterhimmel strahlten, und dem Namen Weimar zu unsterblichem Ruhm verhalfen, (24. November 1801), so ist es kein Wunder, daß auch in ihm der poetische Drang mächtig sich; regte, wenn auch erst später, als er bereits in Verkennung seines Talents eine ganz andere Laufbahn eingeschlagen hatte. Frühzeitig Waise, nahm ihn sein Oheim, Johann Mathäus Bechstein, an Kindes Statt an, und gab ihm eine gute Erziehung. Nachdem er bis zum 18. Jahre das Lyceum zu Meiningen besucht, widmete er sich dem Apothekerberuf, beu er in Arnstadt erlernte, um seine Kenntnisse sodann in Meiningen und Salzungen als Gehilfe zu verwerten. Der Dichter in ihm war aber stärker als der Apotheker; erst 23 Jahr alt, veröffentlichte er seineThüringischen Volks­märchen", er trat also gerade mit dem zuerst hervor, was ihn überleben sollte, obgleich er vielleicht diesen Teil seiner schriftstellerischen Thätigkeit hinter sein anderes Schaffen tr n cf d c ff1f hnf.

Das Glück begünstigte ihn: seine 1828 in Arnstadt erschienenenSonettenkränze" lenkten die Aufmerksamkeit des Herzogs von Meiuiugen auf beit jungen Mann, bessert 'Unterstützung ihn in bett Staub setzte, sich fortan ganz den schönen Wissenschaften zu widmen. Drei Jahre lang studierte er, in Leipzig Geschichte und Philosophie,