Ausgabe 
23.11.1901
 
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Das Verhältnis zwischen Miß Felicia Rnbarth und ihrer Stiefmutter soll indessen von allem Anbeginn ein sehr schlechtes gewesen sein, nnd man erzählt von vielen stürrni- schen Szenen, die sich damals im Rubarthschen Hause ab­gespielt haben sollen. Schließlich war junge Mädchen, das als sehr exzentrisch geschildert wird, sogar eines Tages ganz verschwunden, und man glaubte allgemein, daß sie sich ans Verzweiflung über die unglücklichen häuslichen Verhältnisse gleich ihrer Mutter ein Leid angethan habe, bis sie neun Monate später plötzlich wieder auftauchte, nachdem Mrs. Lillian Rnbarth kurz vorher nach nur zwei­tägigem Krankenlager an einer Lungenentzündung gestorben war. Man erfuhr jetzt, daß. sie die Zeit ihrer Abwesenheit bei Verwandten in Kalifornien zugebracht-habe, und es scheint, daß sie seitdem in bestein Einvernehmen mit ihrem Vater gelebt hat. Da sie für eine der ersten Schönheiten von Boston gilt, sollen sich während der letzten Jahre viele junge Herren aus den besten Familien nm ihre Hand be­worben haben, doch hat sie alle Anträge abgewiesen, und man sagt, daß sie überhaupt nicht heiraten wolle. Mr- George Rnbarth ist seit längerer Zeit halb gelähmt, sodaß er sein Haus und seinen Garten nicht mehr verläßt. Bis vor Jahresfrist führten Vater und Tochter ein sehr ein­gezogenes Leben, und erst während der letzten Saison zeigte Miß Felicia zur allgemeinen Ueberraschung ein sehr großes Interesse für gesellschaftliche Vergnügungen. Sie besuchte viele Bälle und andere Veranstaltungen, wie denn auch im Hause ihres Vaters häufig glanzende Feste gefeiert wur­den. Ihre plötzliche Abreise nach Europa hat deshalb großes Erstaunen hervorgerufen, und man erblickt darin wieder eine der exzentrischen Launen, deren die junge Dame sehr viele zu haben scheint. Jedenfalls aber hat sie diesmal im voller: Einverständnisse mit Mr. George Rnbarth ge­handelt, und von einem neuen Zerwürfnisse zwischen Vater und Tochter ist keine Rede."

Der Stadtrat Ludwig Ignatius überlas das Blatt, das er einem soeben aus Amerika eingetroffenen Briese entnommen hatte, mit großer Aufmerksamkeit noch ein zweites Mal und saltete es dann mit einem leichten Seufzer zusammen. Tie Mitteilungen, die ihm da aus seine vor kaum vier Wochen abgesandte Anfrage von einem der ersten Uuskunftsbureaus der Bereinigten Staaten gemacht wurden, waren ja erschöpfend und günstig genug; eine rechte Freude aber vermochten sie ihm doch nicht zu bereiten. Denn die Angelegenheiten hatten in diesen vier Wochen nicht den Verlauf genommen, den er erhofft und vielleicht auch er­wartet hatte. Wohl war die drohende Gefahr einer Ent­deckung der von Lindemann begangenen Unterschleife vor­läufig noch abgewendet worden. Der Oberbürgermeister hatte seinen Antrag aus eine Teilung der Kassenverwaltung zurückgenommen, und wenn der Name des Rendanten in den Büchern des glücklich entkommenen Jrmischi überhaupt verzeichnet gewesen war, so hatte man darin doch jeden­falls nichts Verdächtiges gefunden, da er weder von dem Polizeikommissar noch von dem Untersuchungsrichter ver­nommen worden war. Aber der Kämmerer konnte doch keinen Augenblick vergessen, daß die damit gewonnene Frist nur eine Galgenfrist war. Bei der nächsten Kassen­revision mußte das begangene Verbrechen unsehlbar an den Tag kommen, wenn es nicht bis dahin gelungen war, den fehlenden Betrag aufzutreiben. Und die Summe war viel zu groß, als daß Ludwig Ignatius daran denken durfte, sie durch Darlehen bei seinen Freunden oder bei gewerbs­mäßigen Geldverleihern zu erlangen. Die schlechte Beschaffen­heit seiner Bermögensverhältnisse war trotz feiner glänzen­den Lebensführung zu bekannt, als daß man ihm auch nur den zehnten Teil jenes Kapitals anvertraut haben würde. Und von allem Anbeginn hatte er auf die Mög­lichkeit dieses Answeges nicht die geringste Hoffnung gesetzt.

Wohl aber hatte er sich mit ganzer Seele an den rettenden Gedanken geklammert, der blitzartig in seinem Meiste aufgetaucht war, als er gesehen, mit wie leidenschaft­licher Inbrunst Felicia das Bild seines Sohnes geküßt hatte. Wenn es gelang, eine Verheiratung Herberts mit ber Millionenerbin zu stände zu bringen, so gehörte die Beschaffung von hunderttausend Mark Ludwig Ignatius liebte es, mit runden Summen zu rechnen nicht mehr Ku den unmöglichen Dingen, gleichviel, ob sie von Felicias Mitgift genommen oder auf ihren künftig zu erwartenden Reichtum hei Wucherern entlehnt würden. Zwar hatte er

die Schwierigkeit des Unternehmens von vornherein richtig gewürdigt, aber er hatte doch mit der so unzweideutig kundgegebenen Leidenschaft der jungen Amerikanerin als mit einer mächtigen Bnndesgenossin gerechnet, und daß es gerade diese war, die ihn nun allem Anscheine nach völlig im Stiche ließ, war die einzige Ursache seiner Ent­mutigung; denn im übrigen ivar ja der Weg für einen! günstigen Fortgang der Angelegenheit auf das beste ge­ebnet. Herberts Verlöbnis mit Margarete Lindemann war gelöst, ohne daß es zu einer Aussprache zwischen den beiden gekommen wäre, und ohne daß der Assessor den eigent­lichen Beweggrund des so jäh herbeigeführten Bruches ahnte. Er hielt sich für den schmählich Getäuschten und war von jenem tiefen Groll erfüllt, der nach alter Erfahrung den besten Nährboden für eine neue Neignng abgeben mußten Wie ernst und schweigsam er auch umhergehen, wie finster er auch dreinschauen mochte, dem berückenden Zauber von Felicias Schönheit nnd Liebenswürdigkeit hätte er nach des Kämmerers Meinung doch unmöglich lange widerstehen! können, wenn sie alle die tausend Künste weiblicher Gefallsucht anfgeboten hätte, um ihn zu gewinnen.

Aber sie dachte augenscheinlich nicht im entferntesten daran, etwas derartiges zu versuchen, nnd ihr Benehmen/ das seinen Erwartungen so wenig entsprach, brachte den Stadtrat nachgerade fast zur Verzweiflung.

Bei ihrem ersten Besuche nach dem mehrtägigen Aus­fluge hatte Felicia aus Hildes Munde erfahren, was sich inzwischen zugetragen, und die Mitteilung ihrer tief be­trübten jungen Freundin, daß ihr von dem Vater und dem! Bruder jeder Verkehr mit Margarete Lindemann untersagt!! worden sei, hatte sie sogleich von der Unheilbarkeit des Bruches überzeugen müssen. Wohl hatte sich von. diesen Stunde an ihr Verhalten gegen den Assessor auffällig ge­ändert; aber es war keine Veränderung nach dem Sinne! des Stadtrates gewesen. Sie forderte Herbert nicht mehr zum Widerspruche heraus und führte keine hitzigen Wort­gefechte mehr mit ihm, wie zur Zeit seines Verlöbnisses mit der anderen. Aber sie vermied auch geflissentlich, in! seiner Gegenwart das Brillantfeuerwerk ihres Geistes spielen zu lassen, und wenn ihre dunklen Augen sich imi Laufe der Unterhaltung auf ihn richteten, so war nichts von süßer Lockung oder ermutigender Verheißung in ihnen zu lesen. Nur von sehr ernsthaften und sehr unverfänglichen Dingen war zwischen ihnen die Rede. Es gab keine Meinungsverschiedenheiten, doch auch keine temperament­vollen Aeußerungen mehr, die ein lebhaftes Interesse des! einen an den: anderen hätten erkennen lassen. Dem luftigen Kriegszustände war ein langweiliger Friede gefolgt. Und! aus der Art ihres gegenwärtigen Verkehrs mochte sich vielleicht mit der Zeit eine lauwarme Freundschaft, ninuner- mehr aber eine stürmische Leidenschaft entwickeln. Hier und! da hatten sie sogar wieder miteinander gesungen, obwohl! es vielen Zuredens seitens anderer bedurft hatte, sie dazu! zu bewegen. Aber es war nicht mehr dasselbe gewesen!/ tote an jenem ersten Abende. Sie dachten jetzt offenbar nur noch an die Musik, und es war ihnen höchst gleichgiltig,- ob ihre Stimmen sich in einem feurigen Liebesduette oder in einer feierlich ernsten kirchlichen Komposition miteinander verschmolzen.

Wie scharf auch Ludwig Ignatius sie beobachten mochte, es wollte ihm nicht gelingen, ein Wort oder einen Blich zu erhaschen, die seinen hinschwindenden Hoffnungen neues! Leben eingeflößt hätten. Und da er Felicia doch nicht! auffordern konnte, dem Zuge ihres Herzens zu folgen und; seinen thörichten Sohn zu umwerben, so nahmen die dunklen Schatten der Sorge mit jedem ergebnislos ver-j lanfenen Tage drohendere und Unheimlichere Gestalten an'v

Nahezu ein Monat war jetzt bereits seit dem Geständ­nisse des Rendanten verstrichen, und der Stadtrat sah sich! von der Verwirklichung seines rettenden Planes noch ebenso! weit, wenn nicht weiter entfernt als am ersten Tage. Nur ein Wunder konnte noch zur rechten Zeit die ersehnte Wendung herbeiführen, und es kamen Stunden, wo sich Ludwig Ignatius in tiefster Entmutigung sagte, daß es! offenbar Wahnwitz fei, auf ein solches Wunder zu hoffen.-

Auch der Empfang des amerikanischen Briefes, der ihn bei günstigeren Aussichten wahrscheinlich! mit der größten! Befriedigung erfüllt hätte, hatte ihn anfs neue in Grübelereü versinken lassen, die einen immer unerfreulicheren Cha-, ratter annyhinen. Da störte ihn der Klang eines leichten