Ausgabe 
23.11.1901
 
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(Nachdruck verboten.)

Gesprengte Fesseln.

Roman von Reinhold Ortmann.

(Fortsetzung.)

Er schien Willens, zu gehen, und der Kämmerer glaubte nun auch vor dem letzten Mittel nicht mehr zurückschrecken zu dürfens um ihn an der Ausführung seines gefährlichen Borhabens zu hindern.

Und wenn Dir diese Erklärung nur eine noch schwerere Demiitigung brächte, Herbert?" fragte er.Ich hätte Dich für zu stolz gehalten, um Dich ohne Not einer solchen auszusetzen." r r _L

Der Assessor war wieder umgekehrt. Eine aufs äußerste gespannte angstvolle Erwartung spiegelte sich in seinen auf den Vater gerichteten Augen.

Du weißt also noch mehr? Du hast mir bisher noch etwas verheimlicht?"

Ich wollte den Stachel der schmerzlichen Enttäuschung nicht noch tiefer in Deine Seele drücken, mein Sohn denn ich sehe ja, wie es Dir zu Herzen geht, und Dein Kummer ist mir bei Gott nicht gleichgiltig. Aber es ist doch Wohl besser, wenn ich Dir's sage. Die Erklärung, nach der Du vergebens suchst, ist einfach die, daß Margarete einen anderen lieber gewonnen hat als Dich."

Stumm und bleich, mit zuckendem Gesicht und fest zu­sammen gepreßten Lippen stand Herbert da. Tief gruben sich seine Finger in das Polster der Sessellehne, die er mit beiden Händen erfaßt hatte, und dem Stadtrat war keineswegs wohl während des langen Schweigens, das seinen Worten fogte.

Ist das gewiß, Vater?" kam es endlich mit halber Stimme aus dem Munde des Assessors.Hast Du hast Du dafür einen Beweis?"

Keinen außer den allerdings kaum mißzuverstehen­den Andeutungen, die mir Margarete heute machte."'

Und wer wer sollte dieser andere sein?"

Das hat sie mir selbstverständlich nicht gesagt, und

Samstag den 23. November.

Nr. 168.

1901

TEdsTHg

MM üde sinkt hinab das Jahr;

Noch ein letztes Blühen

Ohne Sang und ohne Klang; Auch die Sonne läßt so bang Ihre Kraft versprühen.

Sinne, liebe Seele mein,

Lausche tief in dich hinein:

So, nach überstand'ncr Pein, Sollst auch du bald wird es wahr Blütenarm verglühen. Eugen Reichel.

ich kenne ihren Umgang zu wenig, um in dieser Hinsicht auch nur eine Vermutung zu hegen. Aber ich denke, man wird es Wohl früher oder später erfahren."

Ja, ich werde es erfahren. Und dann"

Dann wirst Du, wie ich hoffe, vernünftig genug sein. Dich nicht in der Rolle des unbefugt Eifersüchtigen lächerlich zu machen. Auch die wildeste Leidenschaft soll uns nie­mals unsere Selbstachtung vergessen lassen, mein Sohn."

Dies in väterlich mildenr Tone gesprochene Wort ver- fehlte seine Wirkung nicht. Ludwig Ignatius kannte den Stolz und das beinahe überfeine Ehrgefühl seines Sohnes zur Genüge, um zu wissen, wie er zu behandeln war. Von vornherein hatte er gewußt, daß dieses Mittel unmöglich versagen könne, und nur die Gefahr, von Herbert früher oder später einer Lüge überführt zu werden, hatte rhn so lange zögern lassen, es in Anwendung zu bringen. Nun aber, da es geschehen war, wartete er, seines Erfolges sicher, ruhig auf die Erwiderung des Assessors. Und sie lautete ihrem Sinne nach ganz so, wie er es erwartet hatte.

Seine Hände von der Sessellehne lösend und sich plötz­lich hoch aufrichtend, sagte der junge Mann:

Ja, Vater, Du hast recht. Wenn dies die Erklärung für ihr Verhalten ist, habe ich Margarete nichts mehr zu fragen. Und Du bist gewiß. Dich nicht zu täuschen es ist Deine feste Ueberzeugnng, daß Du sie nicht mißverstanden, ihren Worten nicht eine irrige Deutung gegeben hast?"

Es ist meine feste Ueberzeugung, Herbert! Und wenn Du ihren Brief noch einmal daraufhin ansiehst, wirst Du auch in ihm eine Bestätigung dafür finden."

Nachdem ich Dein Wort habe, bedarf es dessen nicht mehr. Vergieb, wenn eine meiner Aeußerungen Dich ge­kränkt hat, und laß uns nicht mehr davon reden. Diese Seite ist nun für immer aus meinem Lebensbuche gelöscht Gute Nacht, Vater!"

Er ging, und der Kämmerer lauschte auf feinen sich langsam entfernenden Schritt.

Das war der leichtere Teil der Aufgabe", sagte er vor sich hin,nun zu dem anderen! Was immer es kosten mag, auch das muß gelingen!"

Zehntes Kapitel.

Mr. George Rubarth ist eine der angesehensten Per^ sönlichkeiten in der deutschen Bevölkerung von Boston. Er hat sich schon seit Jahren von den Geschäften zurückgezogen, und man schätzt sein Vermögen auf mindestens zwei Millionen Dollars. Er war in erster Este mit einer deutschen Dame verheiratet, die, wie man sagt, in einem Anfall von Geistesverwirrung ihrem Leben freiwillig ein Ende machte. Ans dieser Verbindung stazmnt sein einziges Kind, eine Tochter Namens Felioia, die sich augenblicklich' zum Zwecke ihrer musikalischen Ausbildung in Deutschland aufhalt. Vor vier oder fünf Jahren verheiratete sich Mr. Rubarth zunt zweiten Male und zwar mit einem mittellosen, aber sehr schönen Mädchen irischer Abkunft, namens Lillian O'Eonnor,