Ausgabe 
23.7.1901
 
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verheißungsvoll zu, als wollten sie sagen:Komm herauf zu uns und sieh Dir die Welt einmal von oben an."

Wer hartnäckig dem Grundsätze huldigt, daß man die Kirchen von außen, die Berge von unten und die Wirts­häuser von innen betrachten soll, hat freilich! keine Ahnung, welche neue entzückende Welt sich bei einer Berg­wanderung den Sinnen aufthut; er mag getrost seinem Bequemlichkeitsstandpunkte Rechnung tragend, unten bleiben; denn er verdient den auserlesenen Naturgenuß einer Bergwanderung gar nicht. Aber Hunderttausende, die den beschwerlichen Aufstieg zu den lichhen Höhen nicht scheuen, sind klüger als er, und ihnen, soweit sie noch! nicht durch eigene Erfahrung kundig geworden sind, gelten nachfolgende Zeilen, ob nun das Ziel ihrer Reise die firnbedeckten hohen Alpengipfel sind oder die bescheidenen Bergzüge des Riesengebirges, des Harzes, des Schwarz­waldes'oder der anderen deutschen Mittelgebirge.

Zwei Irrtümer, oder besser gesagt, Vorurteile sind nun hinsichtlich der Bergwanderungen weit verbreitet; erstens, daß nur muskelstarke Personen für Bergbesteig­ungen befähigt seien und zweitens, daß. es nur bei wirk­lichen Hochtouren und Kletterpartien besonderer Vorsichts­maßregeln bedürfe. Beides ist grundfalsch Gesundheit und - ein den Willensantrieben genau gehorchender Körper ist natürlich die erste Vorbedingung, und es ist ein bedauer­liches Unterfangen, wenn ein an vorgeschrittener Lungen­tuberkulose Leidender oder ein Asthmatiker oder ein, mit einem Herzfehler oder einer Arterienverkalkung Behafteter einen auch nur mäßigen Berg ersteigen will; derartige Personen gefährden direkt ihr Leben und thun besser daran, unten zu bleiben. Im übrigen aber ist hervor­ragende Muskelkraft durchaus keine Bürgschaft für den Erfolg. Wer viel in den Bergen gewesen ist, wird gewiß schon oft beobachtet haben, daß der fleischmassige Herkules, der wie August der Starke ein Hufeisen mit leichter Mühe durch den Druck seiner Hand zerbricht, mit gerötetem Ge­siebt und fliegenden Pulsen, überhaupt mit allen Zeichen der Atemnot und Herzschwäche zurückbleiben muß, während ein hagerer, unansehnlicher und schwächlich aussehender Tourist ihm einfach davonläuft und ohne Anstrengung den Gipfel erklimmt. Wer also mit einem zarten, schlanken Körper durchs Leben wandelt, braucht deswegen, falls er sonst nur gesunde Organe hat, keineswegs aus das Ver­gnügen einer Bergpartie zu verzichten; denn es ist der Geist, der sich den Körper baut und biefeit durch! die Willenskraft zu Leistungen befähigt, die man von ihm beim ersten Anblick oft nicht erwarten zu dürfen glaubt.

Andererseits sind es nicht nur die schneebedeckten Häupter der gletsehergepanzerteu Alpenkette, bei deren Besteigung ein unzweckmäßiges Verhalten des Touristen Gefahren für die Gesundheit heraufbeschwören kann; nodji einer durchkneipten Nacht kann auch eine Tour auf die Schneekoppe, den Brocken, ja sogar auf die doch! recht zahme Bastei den begangenen Trinkverstoß durch Nasen­bluten, Ohnmächten, Anfälle von Sonnenstich! und Hitz- schlag, ja sogar durch einen lebenzerstörenden Schlagfluß rächen, und es ist unverantwortlich!, wenn man nach einer weit über Mitternacht bei obligatem Münch>ener Bier aus­gedehnten Skatpartie den nicht ordentlich! ausgeruhten, eine große Menge Wasserballast in den Säften mit sich schleppen­den Körper zu Anstrengungen zwingt, welche er nicht ge­wöhnt ist, zu ertragen. Der Körper muß vielmehr -- um es mit wenigen Worten zu sagen sich! in denkbar kräftigster Beschaffenheit befinden.

Dazu gehört nun keineswegs, daß man auf einer Bergreise ungeheure Mengen eiweißhaltiger Nahrung verschlingt und diese mit Kognak und literweise getrun­kenem Wein hinunterspült. Aber schon vor Beginn der Reise muß der Körper insofern gut ernährt sein, als er über den nötigen Kraftvorrat verfügen muß, damit die Maschine nicht, sobald die erste größere Leistung von ihr gefordert wird, mangels des erforderlichen Heizmate­rials versagt. Es ist also gänzlich verfehlt, wenn man, nachdem man das ganze Jahr in der Großstadt eine wenig nahrhafte Kost genossen, welche gerade dazu aus­reicht, den bei andauernd sitzender Lebensweise ziemlich bedürfnislosen Körper im Gleichgewicht zu halten, in die Berge geht, in der Hoffnung, daß sich infolge der Berg­partien ein so mächtiger Appetit einstellen werde, daß

der abgemagerte Körper sich! in wenigen Wochen durch einen bedeutenden Fleischansatz bereichern werde. Tenn die Kraftleistungen des Organismus werden zum allerge­ringsten Teile unmittelbar ans der zugesührten Nahrung bestritten, sondern in der Hauptsache aus den angeglichenen Körperbestandteilen, wie Fett und Zucker, gedeckt, die der Organismus schon lange vorher aufgespeichert hat. Im übrigen sei man aber auf Bergwanderungen bedacht, außer dem' knoblauchduftendenSchunken" und den wie Blei im Magen liegenden harten Eiern, wie sie namentlich in Tirol und den anderen deutschen Alpenländern zur uner­läßlichen Touristenkost gehören, dem Körper das kräfte- cheudende Fett, Zucker und andere Kohlehydrate in größeren Mengen als üblich zuzuführen. Besonders verdienen in dieser Beziehung die leicht verdaulichen Mehlspeisen, wie Eierkuchen, Schwarm, Omelette usw. besondere Beachtung; auch eine Tafel guter Chokolade sollte in der Tasche des Touristen nie fehlen.

Eine leidige Aiigewohnheit des deutschen Touristen ist ferner der durch nichts gerechtfertigte Verbrauch starker Alko­hole. Gegen ein Gläschen guten Rums oder Kognaks zur rechten Zeit wird man füglich nichts einwenden können; wenn man aber schon in früher Morgenstunde der Marke fine champagne mit den drei Sternen über Gebühr zu­spricht, so wird dem anfänglichen trügerischen Kraftgefühl bald die Erschlaffung folgen, da das Reizgefühl, das zuerst nach dem Alkoholgenuß eintritt, schnell in Ermüdung über­geht. Weitaus zweckmäßiger ist es, in einer mindestens einen halben Liter fassenden Feldflasche einen au Extrakt streifenden starken sehr gesüßten kalten Kaffee oder noch, besser Thee, mit sich zu sühren, von welchem man am ersten besten Quell eine kleine Menge mit dem vier- bis fünffachen Quantum Wasser verdünnt, um ein Getränk her­zustellen, das ganz vorzüglich den Turst stillt, ohne zu ermüden. Befindet sich der Tonrist in einer wasserarmen Region, so ist auch die erfrischende Kraft einer Citrone nicht zu verachten, von welcher man ein Stück abfchneidet und, so wie es ist, int Munde anssaugt. Den Kognak aber sollte man als Medizin aufsparen, wenn es gilt, einen er- hebUchen Schwächeanfall zu überwinden.

Wer schon zu Hause in der Stadt den dritten oder vierten Stock eines .Hauses nicht ohne, sichtliche Ermüdung und Schmerzgefühl in den Beinen rsteigen kann, darf nicht erwarten, daß er die Berge wie eine Gemse erstürmen wird. Er muß daher mindestens etliche Wochen vor Be­ginn der Reise durch anfangs kürzere, später aber aus­gedehntere Fußtouren den Körper an das Ertragen größerer Anstrengungen gewöhnen und wird einen um so höheren Genuß haben, je weniger ihn ein Marsch von etlichen Stunden anstrengt.

Unberingt erforderlich ist auch! eilte angemessene Kleid­ung. Eine große Anzahl von Bergsteigern uilternimmt die Partien in der gewöhnlichen städtischen Kleidung und brüstet sich damit, eine Hochtour in diesem Kostüm aus­geführt zu haben. Wenn aber jemand, wie es schon mehr­fach geschehen, den Ortler im Kammgarnanzug und mit dem Regenschirm bewaffnet, erklimmt, so ist dies viel weniger feilt eigenes Verdienst als das feines Führers, und Sache des Wet'terglücks. Man wird auch! nicht gleich in den Verdacht eines Salontirolers, wie ihn uns Defregger in seinem prächtigen Bilde auf die Leinwand gezaubert hat, geraten, wenn man sich in wollene oder seidene Trikotunterkleider steckt und darüber einen lockeren, aber wasserdichten Lodenanzug zieht, und die Füße in doppelt gesohlte, mit Randnägelu beschlagene, rindslederne Schuhe steckt; wenn mau sich aber auf einer Tour von schlechtem Wetter überrascht sieht, wird man die Wohlthaten dieser Kleidung erst schätzen lernen, besonders wenn man da­neben in einem mit seiner städtischen Kleidung bei Regen- weiter Mißerfolge erzielenden Touristen das abschreckende Beispiel vor Augen hat.

Auch eine kleine Reiseapotheke kann oft unschätzbare Dienste leisten; man muß sich hier natürlich mit dem aller- nötigsten behelfen; aber im Raume einer Cigarrentasche lassen sich immerhin eine Müllbinde, englisches und Heft­pflaster, einige Antipyrinpulver, ein Fläschchen Optuin- tropfen, eine Schachtel Schweizerpillen, eine Salicylsalbe und eine Büchse Gnajacolcarbonat unterbriugen, mit welchem letzteren man so ziemlich! jeder Erkältung, die