Ausgabe 
23.7.1901
 
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(Nachdruck verboten.)

Ein Staatsstreich in Hessen.

Historische Erzählung von Wilhelm Wagner.

(Fortsetzung.)

Hans traf am Abend in seiner sieben Stunden entfernt liegenden Garnison Gießen ein; er hatte sein Pferd durch den tollen Ritt halb tot gehetzt. Alsbald begab er sich zu seinem Oheim, dem Regierungsrat du Thil.

Nun, wie steht es um die Freierei?" fragte der freundliche Herr lächelnd den sehr aufgeregten Neffen.

Tot kann ich sie haben, lebendig nie!" rief Hans.

Hahaha! Tas sieht dem alten Trotzkopf ähnlich! Doch tröste Dich, die Hessen-Darmstädter Regierung beschäftigt sich gegenwärtig sehr eifrig mit der Burg Friedberg. Auf dem Reichstag zu Regensburg hat man uns die Stadt Friedberg zugesprochen, wir haben von ihr am 6. Oktober 1802 Besitz genommen, und nun muß auch die Burg Fried­berg in unsere Hände. Freiwillig treten die Burgmannen die Burg nicht ab, warte deshalb, lieber Hans, bis ein Befehl kommt, daß wir die Burg mit Gewalt nehmen sollen, dann darfst Tu dabei sein."

Dauert das vielleicht auch, noch! hundert Jahre?" fragte Hans mißtrauisch.

Nein, wir arbeiten jetzt etwas rascher; das hat uns Napoleon beigebracht. Gehe nach) Hause, und! lege Dich schlafen mitsamt Deinem Liebeskummer; ich! lasse Dich! rufen, wenn der Befehl des Landgräfen Ludwig X. von Hessen-Darmstadt eintrifft."

Mit recht geringen Hoffnungen verließ der verliebte Leut­nant den Oheim; doch schon näch acht Tagen wurde er durch eine Ordonnanz zum Regierungsrat befohlen.

Als er das Haus betrat, waren dort bereits seine Vor­gesetzten: Major Beck und Hauptmann Moter anwesend. Regierungsrat du Thil begrüßte den Leutnant lächelnd und ergriff dann das Wort:

Meine Herren, ich habe Sie hierher geladen, um Sie mit einem Staatsstreich bekannt zu machen, den Hessen- Darmstadt in den nächsten Tagen auszusühren gedenkt. Doch schwören Sie mir zuvor, daß Sie kein Wort von dem Staatsgeheimnis verraten werden, und daß Sie bereit sind, Ihr Leben für das Vaterland zu lassen."

1901.

Vri'ni !J

er Erfolg ist offenbar,

Die Absicht aber ist niemals klar!

Drum wird man alle Menschengeschichten

Ewig nach dem Erfolge richten. Rückert.

Wir schwören es!"

Ich danke Ihnen, meine Herren. Hören Sie mich nun an. Mitten in unserem Lande besteht eine Einrichtung aus dem Mittelalter: die Burg Friedberg. Diese Burg bildet mit ihrem Burggrafen, ihren Burgmannen, ihren Soldaten und Beamten einen Staat mitten in unserem Staate. Tie Burg stützt ihr Dasein auf die Rechte, welche ihr vor vielen hundert Jahren das heilige römische Reich und die verschiedenen Kaiser verliehen haben. Es ist aber eine neue Zeit angebrochen; "die Zwistigkeiten zwischen der Burg und der Stadt Friedberg, sowie dem ganzen Lande ringsum, haben sich derart zugespitzt, daß ein friedlicher Vergleich nicht mehr möglich ist. Ter Burggraf will sich auch gar nicht ergeben, sondern hat sich zur Verteidigung gerüstet. Unser erhabener Herrscher, der Landgraf Ludwig X. von Hessen-Darmstadt hat sich! des­halb gestern entschlossen, nach langem Zögern, die Burg Friedberg mit Gewalt anzugreifen und erstürmen zu lassen."

Hurra!" rief Hans.

Schweige!" gebot sofort der Regierungsrat.Herr Major Beck, Ihnen übertrage ich die Ausgabe, von der Burg Friedberg Besitz zu nehmen. Sie werden mit der unter dem Herrn Hauptmann Moter und dem Herrn Leut­nant Rabe stehenden Kvlnpagnie in den nächsten Tagen nach Friedberg marschieren und dort Bürgerquartiere "be­ziehen. Der dortige Aufenthalt muß den Anschein erwecken, als wollten Sie nur auf dem Marsche nach Darmstadt in dem Städtchen übernachten. Die Einnahme der Burg über­lasse ich Ihrer militärischen Tüchtigkeit; ich bitte Sie nur, jedes Blutvergießen möglichst zu vermeiden. Ich selbst werde mich unauffällig nach Friedberg begeben, um nach der militärischen Aktion als landgräflicher Zivil­kommissär im Namen unseres Fürsten von der Burg Besitz zu ergreifen. Haben mich die Herren verstanden?"

Zu Befehl, Herr Regierungsrat!" ----

Am Nachmittag des 21. Januar war es, als die am Tage vorher in Friedberg einquartierte Kompanie hessi­scher Infanterie, die Breitestraße herauf marschierte, um anscheinend das Städtchen nach Norden zu wieder zu ver­lassen. Die Abteilung mußte dabei au dem südlichen Thore der Burg vorüber. Tas Thor war fest verschlossen, und an den Schießscharten und vor der .Wache standen Burgsoldaten, Tas Gewehr bei Fuß. Die Stimmung in der Burg war eine vollständig kriegerische.

Hm, ich dackste, die wollten nach Darmstadt ziehen", brummte Sergeant Kreß,aber sie schlagen ja einen an­deren Weg ein; das sind mir schöne Soldaten, die ihren Weg nicht kennen."

Ueber diesem militärischen Kritiker stand oben an der breiten Burgmauer Henriette, des Burggrafen Töchterlein.