Ausgabe 
23.6.1901
 
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Gunhilda haben die Leute nun einmal einen heillosen Re- ftiett. Doch davon später. Was mich ängstigt, tft, daß sie die Nixentreppe passieren muß. Zwar habe ich ihr streng untersagt, den verhexten Ort zu betreten. Aber was wollen Sie so sind einmal die Weiber gerade deswegen vielleicht reizt es sie immer, dort auf ihren Fahren auszuruhen und wenn daraus doch zuletzt em Unglück entsteht"

Mer, bester Herr", unterbrach ich ihn, aufs höchste von "dieser abergläubischen Schwäche des sonst so verstän­digen Mannes betroffen,wie können Sie sich gleich tn dieser Weise ausregen? Heute zwar kann ich verstehen, daß Sic gern Ihre Tochter unter Tuch und Fach sehen möchten, ehe das Gewitter ausbricht und tvenn sre wollen, nehmen wir sofort ein Boot hnd holen den Flücht­ling wieder ein." ,

Nein, nein, solche Eile hat es nicht", sagte er m seinem ulten Ton, mich. mit einer Handbewegung aus- ordernd, ihm ins Wohnhaus zu folgen.Gunhilda rudert wie ein Mann, und sie kann ja jeden Augenblick zuruck sein. Hier haben Sie unsere großen Gemächer, und setzt werde ich! mit Ihrer Erlaubnis der alten Dorthe mitteilen, was für einen Ehrengast sie heute zu bewirten hat. Sre hatten ja vorhin solch Verlangen, Jhxen Hunger und wurst zu stillen. Da muß ich. doch nachsehen, ob auch der Vorrat reschen wird!" . .

Ohne auf meine Bitten, doch ja memetwegen keine Umstände zu machen, zu achten, verließ er die Stube, ^ch. warf Hut und Reisetasche auf einen Stuhl und begann, mich, in dem geräumigen Zimmer mit der Balkendecke umznsehen. Hier war es altmodisch, aber behaglich. Hohe, lederbezogene Stühle, dunkle, eichene Schränke, mit Phan­tastischen Holzschnitzereien, welche die Wonne eines Kunst­liebhabers gewesen sein würden, eine alte, buntbemalte Wanduhr, deren lautes Tickeii mich etwas nervös machte, und in der Ecke ein kleines Spinett. Auf dem runden Tisch, mit der schneeweißen, gestickten Serviette stand eine schöne .cbinesische Porzellanvase mit einem Strauß von Feldblumen, welche ihren feinen und doch würzigeii Tust ausströmten. Dazu tarn noch am Fenster ein Tamenschreibtrsch von schöner, eingelegter Arbeit, welcher zu dem Bücherschrank an der Wand gegenüber paßte beide waren offenbar bedeutend jüngeren Datnms als ihre würdigen Stubengenossen, wirkten aber wunderbarerweisc nicht störend. Zwei mächtige Eis- bärenfelle waren als Teppiche angebracht unb_ sahen förm­lich grau aus auf dem weißgescheuerten Fußboden. ,

Tas Zimmer war offenbar für zwei Personen eingerichtet und machte doch keinen unharmonischen Eindruck, ^.mrs hauste der alte Schiffer. Tas zeigte der Rauchtisch,, die großen Karten an der Wand und das prächtig kolorierte Bild eines Fahrzeuges, welches mit vollen Segeln über azurblaue Wellen einer rosigen Küste zusteuerte.

Ich öffnete den Bücherschrank; Romane der verschie­densten Art von Paul und Virginie und Thomas Thyrnau bis zu den Novellen einer Carlen und Friederike Bremer.

So sieht also die Bibliothek eines jungen Mädchens aus", sagte ich geringschätzig, die unteren Reihen musternd.

Kein einziges gediegenes Werk oder doch.? Beckers Welt­geschichte, die Edda, P. A. Munch gar nicht so übet. Ob man dies auch liest? Ich wette, die Liebesgeschichten sind fleißig abgenutzt, und die übrigen füllen nur oen leeren Raum."

Wieder fehlgeschossen. Beim Oeffnen desEitlen Weibes" flog mir ein feiner Staub in die Augen. In Munchs Geschichte 'des norwegischen Volkes" lagen dagegen mehrere Lesezeichen, und einzelne Stellen waren sogar nut Rand­bemerkungen versehen. Eine Reihe prächtig gebundener Bücher füllte ein ganzes Regal: lauter Reisebeschreibnngen, darunter sehr kostbare, illustrierte Werke.

Ich las die Widmung, mit einer sesten, kaufmännischen Hand geschrieben:An Gunhilda von Sigurd. Tann Datum'und Jahreszahl.

Aha, der Bücherwurm verleugnet sich nicht", ries der Leuchtturmverwalter wieder eintretend.Jetzt kommen Sie aber mit. Ter Tisch, ist gedeckt. Sie müssen schon vorlieb nehmen einfache Schifferskost."

Tas anstoßende Zimmer war schmal und lang; es, er­innerte in seiner ganzen Ausstattung an die Kajüte eines

Schiffes. Unter der Decke hing das vollständige Modell einer Brigg, und mein Wirt erklärte wohlgefällig, er habe die Sofas ohne Lehne, welche an den Wänden entlang standen, den Teppich aus karriertem Wachstuch und die Taburetts zurückbehalten, als er sein Fahrzeug verkaufte. Durch das kleine Fenster sah man nach der Insel hm. Graue Felsen erhoben sich nebeneinander, und hier, wo das Meer fehlte, hatte die Gegend einen ernsten, fast trost­losen Charakter.

Mir blieb aber nicht lange Zeit, Umschau zu halten: denn mein Wirt hatte schon an dem Tisch, der fast ganz das Zimmer ausfüllte, Platz genommen und nötigte mich eifrig, Dorthes Kochkunst Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Ich ließ, mich nicht lange bitten. Ein Norweger, der vom Auslände zurückgekehrt, versteht es allein, ein korrekt znbereitetes Fischgericht zu würdigen; und als mir zuletzt ein alter spanischer Wein und echte Havanazigarren, vom Hausherrn selbst importiert, bargeboten wurden, pries ich im stillen meinen Glücksstern, der miet) zu diesem herrlichen Zufluchtsort geführt hatte.

In meiner aufgeräumten Stimmung merkte ich. nicht, daß. mein Wirt immer einsilbiger, und der Himmel immer trüber wurde, bis ein plötzliches Wetterleuchten jäh und grell das gefurchte Gesicht meines Nachbars beleuchtete. Er war zu höflich, um den Gast zum Aufbruch zu mahnen, saß aber offenbar wie auf Nadeln, um fortzukommen.

Ich. beeilte mick, gesegnete Mahlzeit zu wünschen, und vertauschte auf Zureden des alten Schiffers meinen leichten Reifeanzug mit derben Seemannskleidern und einem großen Südwester. Jetzt fiel mir ein Mangel im Hause auf : es aab hier keinen einzigen Spiegel, nur ein paar kleine Glasscherben in schmalen, goldenen Rahmen, welche so hoch, an der Wand angebracht waren, daß sich kein ver­nünftiger Mensch darin spiegeln konnte.

Mein Wirt, der sich ähnlichangetakelt" hatte, tote er sich ausdrückte, nickte aber zufrieden.

,So, jetzt sehen Sie anders aus. Sind ja meiner Treu ein ganz stattlicher Kerl, der wohl einen Sturm auszuhalten im stände sein wird denn Sturm gtebt es, darauf können Sie sich verlassen, und unglaublich schein: es mir, daß mein Mädchen nicht längst zurück ist. Gott gebe, daß ihr kein Unglück widerfahren ist!"

Drittes Kapitel.

Eine heiße, drückende Luft schlug uns entgegen, als mir aus dem Hause traten. Und wie verändert war die Land­schaft! Noch regte sich kein Wind, doch dumpf grollte schon in der Ferne der Donner; der bleifarbene Himmel schien mit der Meeressläche in eins zu verschmelzen, und laut aufkreischend slatterten die Möwen, diese sicheren Vor­boten des Sturmes, umher. . .

Unten an der Mole stand ein junger Mann nut einem offenen, wettergebräunten Gesicht und klaren, blauen Augen. Jede Bewegung verriet den, Seemann, doch lag im Schnitt der Kleider, die vom feinsten, dunkelblauen Tuch waren, sowie in der ganzen Treten Haltung ein etwas, das deutlich, davon zeugte, der junge Mann sei kein gewöhnlicher Matrose.

Er kam uns eilig entgegen, und rief schon von weitem:Ich. weiß, wohin der Kurs geht, Onkel Hansen. Thorstein sagte mir eben, daß Gunhilda noch, nicht zuruck­gekehrt sei. Willst Tu mich mitnehmen, oder" Er hielt zögernd inne, und sandte mir einen prüfenden, nicht allzu wohlwollenden Blick zu.

Ter Alte nickte zufrieden.

Kannst mitkommen, mein Junge. Ter Doktor da, wird wohl das Rudern so ziemlich vergessen haben, und nachher kann ich Dich gerade- am Steuer gebrauchen. Jetzt aber flink eingestiegen, wir haben keine Zeit zu verlieren!" Stillschweigend nahmen wir unsere Plätze ein, und schnell wie ein Pfeil flog das Boot über die Meeressläche dahin.

Tie Fischer, welche ihre Boote fester vertäuten, und ihre Geräte in Sicherheit brachten, blickten uns einen Moment kopfschüttelnd nach, und machten sich bann wieder an die Arbeit. Kein Fahrzeug war aus, der See zu er­blicken, und unheimlich, erklang das heisere Geschrei der Lohmen und anderer Wasservögel, die hier in den Schären zu Tausenden nisten. Ich fühlte mich müde und abgespannt, und obgleich mich das Wesen des neuen Bekannten nicht