Ausgabe 
23.5.1901
 
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Weise: , .

.Nicht doch! Was ich da angefangen habe, ist eigenk

es schon um Deiner armen kranken Mutter willen sehr erfreulich wäre, wenn die Vermögeusverhältnisse meines Vaters eine Wendung zum besseren nähmen um von Dir und von ihm selbst gar nicht zu reden."

Zuge schwieg; aber ihre Wangen waren noch immer totenbleich, und der Ausdruck von Angst und Verstörtheit war noch immer in ihren Augen. Nach einer kleinen Werte sragte sie mit gepreßter Stimme: ,

Wann willst Tu dem Gericht diesen Brref vorlegen, Bernhard?" r , ...

Tas wird zunächst von dem Ergebnis der heutigen Besprechung mit Teinem Vater und sodann noch von mancherlei anderen Umständen abhängen. Vielleicht werden wir dazu überhaupt nicht genötigt sein; denn es scheint mir keineswegs undenkbar, daß der Regierungs-Assessor Wedekinq eine gütliche Einigung anstreben wird, nachdem er sich von der Gerechtigkeit unserer Forderung uher- §eUy to'ar, als fühlte sich Inge durch die Aussicht, die er ihr da eröffnete, ein wenig erleichtert.

Papier wird also vorläufig noch in Deinen Händen bleiben? Es wird zunächst nichts damit ge- f (fiel) cn ?z/

Ich werde es jedenfalls zurückhalten, bis die Antwort des gegnerischen Anwalts eingelaufen ist, an den ich noch heute schreibe." r ,

Und wieviel Zeit kann darüber vergehen ich meine, bis zum Eintreffen jener Antwort?"

Tas weiß ich natürlich iiicht. Mindestens aber werden es doch, drei oder vier Tage sein. Wenn ich nur endlich begriffeu

Inge ließ ihn nicht cmsspnchen. Sie war aufgestanden, und es schien, daß sie es plötzlich überaus eilig hatte. Es war eine seltsame Hast und Unruhe in ihrem Wesen, tote Bernhard sie nie zuvor bemerkt hatte. Und er suhlte sich

i verletzt; denn die Sehen, mit der sie jetzt bei der Verab- i schiedung vor ihm zurückwich, erschien ihm nicht mehr toie vorhin als eine Aeußerung mädchenhafter Befangenheit und Schamhaftigkeit. Er glaubte etwas von Furcht bann zu

| bemerken oder gar wie sehr er sich auch in seinem Herzen^ gegen diesen Argwohn sträubte von Widerwillen. 00

I schnell hatte sie sich losgemacht, daß er sie nicht einmal fraaen konnte, wann er sie Wiedersehen wurde, und als

I er sich wieder allein sah, war von ihrem Besuche nicht, als eine höchst unbehagliche Empfindung in ihm zuruck-

Wie gut sich doch Hanna auf die Beurteilung der Menschen versteht!" dachte er.Ich glaube, es wäre wirk­lich besser gewesen, ivenn ich ihr vorläufig nichts gesagt hätte. Sie, die so rührend tapfer und standhaft iw1 Un­glück sein kann, fürchtet sich wahrhaftig vor dem Gluck, wie wenn es etwas Entsetzliches wäre. Und ich habe mem Versprechen gebrochen, weil ich ihr eine gewaltige Freude zu bereiten gedachte."

Neuntes Kapitel.

Verzeihen Sie, Harro - ich wußte nicht, daß Sie noch allein seien. Es war mir, als hätte ich Fraulein Syl- vander kommen gehört." . ,

Nein, sie ist noch, nicht da. Aber sie mutz tn jedem Augenblick eintreten; denn sie pflegt sonst sehr pünktlich zu sein. Wollen Sie nicht hier bleiben, sie zu erwarten?

Es war in Professor Herbolds Atelier, wo diese Worte zwischen seiner Tochter und seinem Schüler gewechselt wur­den. Erika hatte den Vorhang, der die Thürösjnung des Verbindungsganges abschloß, noch in der Hand, und ste schien unschlüssig, ob sie der Aufforderung des jungen Bild­hauers Folge leisten oder sicy wieder zurückziehen solle. Nach kurzem Zaudern aber hatte sie sich doch für das erste entschieden und trat vollends herein.

Ich. bitte Sie jedenfalls, sich durch Mich nicht tn Ihrer Arbeit stören zu lassen. Ich sehe ja, daß Ste sich in voller Thätigkeit befinden."

Aber Harro hatte das Modellierholz, mit dem er in einem noch ziemlich formlosen Thontlumpen arbeitete, bereits beiseite gelegt, nnd indem er einen Stuhl für Erna herbeibrachte, sagte er in seiner liebenswürdig herzlichen

zu vernichten."

Nein für so unverantwortlich thöricht halte ich ihn allerdings' nicht. Was in aller Welt sollte ihn denn auch veranlassen, ein Dokument zu vernichten, das ihm unter Umständen eine Million eintragen kann?

Es wird ihm nichts eintragen - glaube mir ooch, Bernhard - nicht einen Pfennig! Und wenn es ihm etwas einbrächte, fo wäre es um so schrecklichei. Es konnte ja kein Segen fein an solchem Gelde."

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scheinst seine Wichtigkeit noch gar nicht recht zu begreifen, liebste Inge, da Tu Dich so wenig erfreut zeigst

Unter des Oheims nachgelassenen Papieren, sagst ^u. Unter denen, die ich durchgesehen und geordnet habe?

freilich' ^n diesem Bündel hier und er warf das ! ganze Päckchen auf den Schreibtisch.Tu hattest ihn eben übersehen. Und das ist wahrhaftig nicht so verwunderlich, wenn man es mit einem solchen Wust durcheinander ge- I wiener Skripturen zu thuu hat. Hoffentlich wirst Tn Dir nicht nachträglich Vorwürfe darüber machen. I

Zn diesem Bündel? Aber das ist unmöglich. Hanna muß" sich täuschen. Sie kann ihn auch an einer anderen Stelle gefunden haben, nicht wahr? an einer ganz anbereni ©teile ?"^ng nnberen Stelle? Ich verstehe nicht, liebes Herz, was Tu damit meinst?"

Ich meine: nicht unter den Papieren, die durch mein I Hände gegangen waren." t

Aber natürlich war er unter diesen. Alles andere batte ja Tein Vater als völlig wertlos zuruckbehalten. |

Unverwandt blickte sie mit großen, starren Augen au - das Blatt nieder, und Bernhard gewahrte mit wachsendem Befremden, daß die zarten, frischen Farben ihrer Wangen einer erschreckenden Blässe^ gewichen waren.

So sage mir um des Himmels willen, ^nge , drängte erwas Dich so bestürzt macht. Du stehst ja aus, al» iväre es Tein eigenes Todesurteil, das ich evtr da tu die W Wi-^fie1 schenkte seiner Frage gar keine Beachtung. I

Sagte Dir Hanna selbst, daß sie ihn da gefunden. ; Tn kannst Dich gewiß nicht darüber täuschen.

Nein, gewiß nicht. Und tm übrigen kannst Tu es Dir ja von ihr bestätigen lassen, wenn es Dir von so großn Bedeutung scheint Mir ist es, offen gestanden, höchst gleichgiltig, ob sich der Brief in diesem oder tn einem anderen Päckchen befunden hat. Die Hauptsache ist, daß wir ihn haben, und daß wir mit seiner Hile die Berech­tigung des von Deinem Vater erhobenen Anspruches be- weisen^itoerdem uicht daran, ihn dem Gericht vor-

Natürlich denke ich daran, Du närrisches Lieb! Was sollte er uns denn nützen, wenn ich es nicht tyun W°Itt,2l6er das kann nicht sein. Es ist unmöglich. Es darf nicht geschehen, Bernhard!"

,Fch begreife Dich immer weniger. Warum ist es un­möglich? Warum darf es nicht geschehen?"

'ggeit weil es uns alle ins Unglück bringen tourte/' ,.t _ange ,d) an su verstehen. Tu fürchtest", daß bas Gelb Teiuem Vater nicht zum Segen gereichen, baß es ihn erst recht zum Verschwender machen wird?

Nein nein, das ist es nicht. Oder doch wenn Tu glaubst, baß es bies ist, so will ich Dir Nicht wwer- sprechen. Jedenfalls darfst Tu keinen Gebrauch von dem Briefe machen! Verbirg ihn, zerreiße, verbrenne ihn - thu mit ihm, was Du willst! Nur sorge, daß mem Vater niemals etwas von seinem Vorhandensein erfahrt.

Die Bitte käme zu spät, liebe Inge, auch wenn ich überhaupt daran denken dürfte, sie zu erfüllen, ^te bnes- licbe Mitteilung, daß in unserer Prozeßangelegenheit eine äusserst wichtige, ja entscheidende Wendung eingetreten sei und daß ich ihn zu näherer Besprechung heute nachmittag erwarte, muß sich jetzt bereits in den Händen meines '°ater|) mÄi?Gott! Und er wird sich natürlich des Briefes bedienen wollen; er wird sich nicht bewegen lassen, ihn