Ausgabe 
23.4.1901
 
Einzelbild herunterladen

228

Ntänneru in gewissem Grade dafür, daß die Männerwelt den schwereren Teil der Lebensarbeit übernimmt, und sich .deswegen abnutzt, ein Zustand, über den der weib­liche Teil der Menschheit gewiß keinen Grund hat, sich zu beklagen.

Jedenfalls ist das heutige Streben der Frauen­bewegung, neue Beschäftigungen und Anstellungen zu er­ringen, nicht der richtige Weg zum Ziele. Wenn an Stelle eines Mannes, der einen Beamtenposten bekleidet, eine beamtete Frau oder Fräulein tritt, so ist damit nichts weiter erreicht, als daß wiederum für eine andere Frau die Möglichkeit aus der Welt geschafft wird, einen solchen Beamten zu heiraten. Das Zuviel an Frauen, welches ziffernmäßig ja thatsächjlich bei uns vorhanden ist, soweit es sich um die Verheiratungsfrage handelt, ist daher, nur dadurch zu beheben, daß eine weise Sozialpolitik mehr Männer in den Stand setzt, eine Frau ernähren zu können. Für beide Geschlechter ist es mit wenigen Ausnahmen, ein heißer Wunsch, nicht einsam durchs Leben zu wandeln, und die Frauenfrage ist dem Kern der Sache nach viel mehr eine Männerfrage.

Fürst Krapotkins Memoiren.

Im Verlag von Robert Lutz in Stuttgart ist ein ungewöhnlich interessantes Werk erschienen: ^Me­moiren eines Revolutionärs" in 2 Bänden von dem russischen Fürsten Krapotkin. Der Verfasser Peter Kropotkin ist ein geistreicher, hochgebildeter Mann, dessen Welt- und Menschenbetrachtung durch den leichten Anflug von Ironie nur noch interessanter wird. Wechselvoller und stürmischer noch als das Tolstois verläuft sein aben­teuerliches Leben. Zunächst Page am russischen Kaiserhof, dann Offizier, wird er in die revolutionäre Bewegung ver­wickelt, 1873 verhaftet und drei Jahre lang in der Pe- ter-Paul-Festung gefangen gehalten. Seine höchst roman­tisch bewerkstelligte Flucht bringt ihn nach England, dann in die Schweiz und nach Frankreich, von wo er für seine Ideen eine rege Thätigkeit entfaltete. Eine feurige Frei­heitsbegeisterung ohne aufdringliches Pathos und ohne alle eitle Selbstbespiegelung geht durch die Aufzeichnungen, die eine reine Liebe für die Sache atmen. Man braucht diese keinen Augenblick zu seiner eigenen zu machen und wird doch reichen Stoff zur Ueberlegung und zum Nach­denken in den Blättern finden. Sie sind ein Beitrag zur Seelenkunde des modernen Rußland, wie es außer den Tolstoischen Schriften wenige oder gar keine giebt. Krapotkins Leben ist ein Spiegelbild dieser sozialen Zu­stände. Wie Tolstoi ist auch er Idealist durch und durch, ein Idealist aber, der weit davon entfernt ist, neben der Religion etwa, wie es sein großer asketischer Volks­genosse thut, die Kunst und Wissenschaft gering zu schätzen. Mit der Schilderung der in Moskau und auf dem Lande idyllisch verlebten Kindheit setzen die Erinnerungen ein, patriarchalisch-friedliche, aber auch herzerschütternd grau­same soziale Bilder aus dem russischen Volksleben wechseln miteinander ab. Eines der letzteren sei hier wiedergegeben, als Beispiel, wie zur Zeit der Leibeigenschaft die russischen Gutsherrn mit ihrenSeelen" so nannte man seltsamer­weise die Leibeigenen umgehen durften.

.Eine unserer Mägde, Pauline, oder, wie sie ge­wöhnlich hieß^Polja", hatte die feine Stickerei ge­lernt, und leistete darin Bedeutendes. In Nikolskoje stand ihr Stickrahmen in unserer Schwester Helenens Stube, und oft nahm sie an unserer Unterhaltung teil. Ihrem Benehmen und ihrer Sprache nach glich Polja mehr einem gebildeten jungen Mädchen als einer Hausmagd.

Sie beging einen Fehltritt und merkte, daß sie bald Mutter werden würde. Sie erzählte alles meiner Stief­mutter, die in heftige Vorwürfe ausbrach:Ich will dieses Geschöpf nicht länger in meinem Hause haben! Ich will solche Schande nicht länger in meinem Hause dulden! O, das schamlose Geschöpf!" und so weiter.

Helenens Thränen konnten nichts ändern. Polja würde das Haar kurz geschnitten, und sie selbst in eine Meierei verwiesen. Da sie aber gerade eine besonders feine Stickerei angesangen hatte, mußte sie diese in einer schmutzigen Hütte der Meierei an einem kleinen Fenster­loch vollenden. Sie machte sie fertig, und noch zahl­reiche andere Stickereien, immer in der Hoffnung, sie würde Verzeihung finden. Doch die Verzeihung blieb aus.

Der Vater ihres Kindes, der Diener eines benach­barten Gutsbesitzers, bat flehentlich um die Erlaubnis, sie heiraten zu dürfen, aber da er kein Geld hatte, wies man ihn zurück. Poljas zufeine Manieren" wur­den als eine Beleidigung empfunden, und es stand ihr das bitterste Los bevor. Zu unserem Haushalt ge­hörte auch ein Mann, der wegen seiner Zwerggestalt als Postillon Verwendung fand; man nannte ihn all­gemeinkrummbeiniger Filka". Als er noch ein Knabe war, hatte ihn ein furchtbarer Hufschlag getroffen, und seitdem wuchs er nicht mehr. Seine Beine waren krumm, seine Füße einwärts gerichtet, seine Nase zerbrochen und nach einer Seite gewendet, seine Kinnbacken mißgestaltet. Dieses Schreckbild sollte Polja heiraten, und man zwang sie auch gewaltsam dazu. Das Paar wurde nachher auf unserer Rjäsanschen Besitzung angesiedelt."

Die schauerlichen Eindrücke, die der junge Peter beim Anblick der Leiden des Volks empfing, legten den Grund zu seiner späteren politisch-sozialen Denk- und Handlungs­weise. Ueber Thal und Höhen bewegt sich das weitere Leben Krapotkins. Hof und Gefängnis, Pagenkorps unfy Theater, SRüttär und Proletarierheim, Sibirien und Pe­tersburg, Zürich und Genf, Edinburg und London, Belgien und Paris, abermals die Schweiz, England und Frankreich das sind die bunt wechselnden Schauplätze des an romanhaften und gefährlichen Situationen überreichen, von der ganzen Bildung seiner Zeit getragenen Buches. Mitten aus geologischen Forschungen, die ihm die höchsten Erfolge versprechen, reißt den Verfasser der Gedanke an all die Armen und Elenden, denen die furchtbare Sorge um das -tägliche Brot alles Licht des Gedankens wehrt. Bon neuem setzt er sich als ein demütig lauschender Schüler zu den Füßen des Lebens, und der Reiche, der Gelehrte lernt von den Armen und Ungebildeten. Mag das soziale Ziel, das ihm vorschwebt, eine Utopie sein und bleiben, der Weg zu diesen Vorstellungen und Plänen, den er uns mit- ; gehen läßt, ist voller beherzigenswerter Erfahrungen und humaner Reformgedanken. Der gelehrte Geschichtsforscher wird aus dem Werke ebensoviel lernen können wie der ungelehrte Leser, der für sich in der Seele einer Zeit und eines Volkes lesen möchte. Beigefügt sind der Ausgabe drei Bildnisse, zwei des Verfassers aus verschiedenen LebenD- altern, eines von seiner schönen, sanften Mutter.

(Westermanns Monatshefte.")

Skataufgabe.

Nachdruck verboten.

(»bock die vier Farben; A; K König; D Dam«, Ober;

B Bube, Wenzel, Unter; V M H bte drei Spieler.)

V, der Spieler in Vorhand, gewinnt o-Handspiel ohne Sieben auf folgende Karte:

cD, 9, 8, 7; »A, K, 8; dA, K, 9.

Hl W

Die Gegner kommen nur bis 47. Im Skat lag b7 und b8. M hatte 11 Augen mehr in der Karte als H. Wie faßen die Karten? Wie ging das Spiel?

Auflösung folgt in nächster Nummer.

Auflösung des Delphischen Spruchs in vor. Nr.: Astern Austern.

O <>

<>QO <>

Aed«Ai»n: C. v»rkh«rtzt. »ruck uni «erlag kec vrShl'schm UeiiKtgttoMh* mrt Strtndruckerei (Ptrtsch Ctfcett) i« Girß«.