Ausgabe 
22.12.1901
 
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ülle Jahre und wurde er auch immer älter vion neuem den süßen Zauber auf ihn übte, wie ehemals in der Kinder­zeit, wo er noch hochklopfenden Herzens auf die Klingel des Christkindchens lauschte und der wunderholde Duft von Tannengrün und Christgebäck ihn bis in die tiefsten, glück­seligsten Träume begleitete.

Und dieses Jahr?

Der junge Offizier seufzte tief auf, sein Blick schweifte traurig über die Menschenmenge, und haftete plötztich auf einem schlanken Mädchenkopf, dessen goldblonde Löckchen sonnebeglänzt unter dem breitkrempigen, Feder umwallten Hut hervorleuchteten.

Gerade solches Haar hatte Lenore, seine Schwester. Egon blickt unwillkürlich aufmerksamer nach der schlanken Gestalt, welche just von dem Schaufenster zurucktritt und ihm das reizendste, rosige, zartgeschnittene Gesichtchen zu­wendet. Welch' ein entzückender Ausdruck der Freude ver­klärt es, tote vertiefen sich die Grübchen in den Wangen beim Anblick eines Jungen, welcher ihr voll etwas zudring­licher Liebenswürdigkeit einen uniformierten Zappelmann änpreist und mit krähender Stimme versichert,den nehme Se sich man mit, Freileinchen! So ein feiner Leitnant is jrade wie jeschafsen vor Ihnen I" Sie lacht, zieht das Geldtäschchen und ersteht für 20 Pfennige den Ange­priesenen.

Ihre Wangen deckt jähe Röte, welche sich itvch ver­tiefte, als ihr Blick flüchtig die nächsten Passanten mustert; Gottlob, niemand hat die kleine Szene beobachtet Egon steht zu entfernt, um von der jungen Dame bemerkt zu werden, und so läßt sie ihren Leutnant von Pappe flink in die große Musikmappe am Arm gleiten und eilt weiter, dem Pfahl an der Haltestelle zu. Und plötzlich zögert sie und blickt aus das blasse, elende Geschöpfchen nieder, welches ihr mit blaugefrorenen Händchen einen Veilchenstrauß ent­gegenhält und flehentlich bittet:Ach, liebes Freileinchen! Kaufen Sie! Man blos 10 Pfennig! Mein Vater ist so krank!"

Beinahe erschvocken blickt die junge Dame in das blasse, verhungerte Kindergesicht, ein Ausdruck solch tiefen, warm­herzigen Erbarmens, liegt plötzlich auf dem erst noch so schelmisch lachenden Gesichtchen, daß Egon fühlt, wie ihm das Blut zum Herzen schießt.

Die Fremde zieht abermals das Geldbeutelchen, ent­nimmt ihm anscheinend ein Markstück und reicht es dem kleinen Mädchen.

Laß nur, Du brauchst nicht herauszugeben! Ich schenke es Dir zum heiligen Christ!" sagt sie mit einer Stimme, so weich und herzlich, so rein und hell, wie Glockenklang, und sie beuch sich, nimmt das Sträußchen und streicht mit der Hand über die hageren Wangen des Kindes, welche sich vor Freude mit roten Flecken färben.

Da klirren Sporen neben ihr.

Kann ich auch einen Strauß haben?" frägt Egon, sucht sich unter den vielen, welche noch das Körbchen füllen, einen stus und legt einen Thaler in die bebende Hand des Kindes: Was überhin ist, schenke ich Dir auch zum heiligen Christ!" sagt er freundlich, und während die Kleine ihn anstarrt, wie eine Vision, klingelt die Straßenbahn neben ihnen, und Waldeck klappt höflich die Hacken zusammen und tritt zurück, Um die junge Dame einsteigen zu lassen.

Das herzige Gesicht ist unter dem weißen Schleier abermals heiß erglüht, ein schüchterner und doch so glänzend beredter Blick, welcher ihm im Namen des sprach­losen Kindes zu danken scheint, trifft ihn, und dann schwingt sie sich! voll anmutiger Hast in die Straßen­bahn, und nimmt in derselben Platz.

Er folgt ihr, und setzt sich der reizenden Fremden gegenüber nieder.

Es ist eine Strecke, welche außer dem großen Ver­kehr liegt, außerdem geht jeder, der es nicht allzu eilig hat, bei dem Prachtwetter heute zu Fuß, Egon und die junge Dame ftnd die einzigen Fahrgäste in dem Wagen.

Nun hat er rechte Muße, das liebe Gesichtchen ver­stohlen anzusehen, diewell sie in jäher Verlegenheit das Köpfchen nach der Fensterscheibe wendet, und auf die Straße schaut.

Wie reizend ist siel Wie viel unberührte, süße Kind- ltchkeit liegt noch auf den weichen Zügen, wie unendlich viel des Guten und Schönen liest der ernste Blick Egons kn diesem aufgeschlagenen Buch holder Mädchenseele. Noch Ni« zuvor hat ihn «in Gesichtchen derart gefesselt, und bis

ins innerste Herz erwärmt. Eine jähe, beinahe leiden­schaftliche Sehnsucht überkommt ihn, sie kennen zu lernen, und doch schließt ihm eine gewisse Scheu den Mund.

Der Gedanke, von ihr mißverstanden zu werden, ist ihm unerträglich.

Ein Herr steigt ein, wirft sich in die Ecke neben die Thür, öffnet eine Zeitung und liest. Die junge Dame hat aufgeschaut, ihr Blick begegnet dem des jungen Offiziers, und abermals erglüht sie.

Welch eine holde Verlegenheit dies stumme sich Gegen­übersitzen, welch eine süße Pein, dieses verstohlene An­sehen, dieses sich Suchen und Fliehen mit den Blicken!"

Beide merkten nicht, wie schnell die Zeit vergeht, und Mtzlich erhebt sich die junge Dame hastig, und eilt zur

Egon hat kaum Zeit zu grüßen, noch im letzten Moment muß sie sich von dem Perron herabschwingen. Egon sieht, daß bei der hastigen Bewegung, mit welcher sie die Musikmappe faßt, etwas Weißes aus derselben her- ausgleitet und niederfällt, jetzt, als sich die Bahn schnell wieder in Bewegung gesetzt hat, kehrte sein Blick darauf zurück,--ein Brief!

Jählings neigt er sich, und rafft ihn empor.

Er trägt keine Adresse und ist unverschlossen. Soll er der Fremden nacheilen? Unmöglich, sie ist längst in dem Menschengewühl verschwunden. Mechanisch schiebt Egon

--- Die Lampe brennt auf Waldecks Schreibtisch, und der junge Offizier sitzt vor demselben, und starrt mit brennendem Blick auf den Brief der reizenden Fremden! nieder, welcher vor ihm liegt.

Ist es indiskret zu öfsuen?

Dieses Blatt ist ja herrenloses Gut, es enthält viel­leicht nur eine Rechnung oder auch den Namen der Dame ihre Adresse, dann wird er ihr das Verlorene zurückerstatten.

Mit etwas unsicherer Hand schlägt Egon den Umschlag zurück. Zwei enggeschriebene Bogen-

Berlin, 20. Dezember 1900. Potsdamerstraße Nr. . z Und nach dieser genauen Adresse die Anrede."

Mein Herzens-Klärchen!

Soeben haben wir die große Kiste voll Geschenke für die Dorfarmen an Deine liebe Mutter abgesandt, als Groß­mama einfällt, daß sie keinen Zettel an die sechs Paar Wvllsocken gesteckt hat! Sie sind für den alten Thiessen bestimmt, da der Aermste ja so viel Rheuma in den Füßen bat! Ach, Klärchen, was gäbe ich darum, könnte ich in diesen Brief hineinkriechen, und zu Euch! nach- dem lieben Klausendorf eilen! Wir wären ja auch heim auf das Gut gereist, wenn Gooßmütterchen nicht gar zu erkältet wäre! Das wird ein stilles, trauriges Weihnachten für uns werden! Berlin ist ja eine herrliche Stadt, wenn man aber keine einzige bekannte Seele hier hat, wie wir, dann ist es trostlos! Großchen und ich! sind ja so wie allein auf her Welt, aber in Klausendorf haben wir doch wenigstens Euch Ihr ließen Menschen, und da giebt es so viele, für welche Großchen als Gutsherrin sorgen muß, aber hier?! Den Portierskindern darf ich be­scheren, das wird aber auch meine einzige Freude sein! Es war so gut gemeint von Großmutterchen, für den Winter mit mir nach Berlin überzusiedeln, ich soll noch singen und malen lernen, und Bälle und Gesellschaften mitmachen! Das Erstere geschieht ja, und macht es mir auchü. viel Spaß, aber mit Bällen und Gesellschaften sieht es sehr traurig aus, wir kennen ja niemand! Großchen hat sich das wohl auch nicht so schwierig Vvrgeftellt, sie ist selber ganz traurig, und sagt immer:Du bist nun 18 Jahre alt, Tassy! es ist tue höchste Zeit, daß Du mal unter Menschen kommst!" Und damit meinte sie int Grunde ihres Herzens wohl, es sei Zeit, daß ich heirate! Aber weist Du, Klärchen, daran denke ich nicht, ich wüßte auch keinen Einzigen, den ich mir zum Bräutigam wünschen möchte, der so ganz meinem Ideal entspräche! Weißt Du noch, wie vor vier Jahren das Manöver bei uns war, und wir die viele, reizende Einquartierung hatten? An die Zeit denke ich ewig zurück I Damals schworen wir ja beide, Klärchen ,,nur einen Leutnant!" Mir gefiel der hübsche, dunkeläugige Dragoner so gut, entsinnst Tu Dich noch? Er hatte Trauer und tanzte nicht mit, als der nette, dicke Oberst nach Tisch aufspielen ließ, und Mademoiselle, Du und ich, und Deine Cousine Ma so.