Ausgabe 
22.12.1901
 
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himmlisch tanzen konnten! Wer der Schönste von allen Waldeck (ach, ich weiß seinen Namen noch so genau, habe seine Visitenkarte als Rarität zum ewigen Andenken aufgehoben), der war hinauf in sein Zimmer gegangen, und darum weinte ich noch spät am Abend, und Made­moiselle sagte zu Großchen:Sie 'at die Katzejammer!" Oh, wenn sie geahnt hätten!! Nur Du allein erfährst die Wahrheit, Klärchen! Und siehst Du, so wie Waldeck, so muß einmal mein Zukünftiger aussehen! So ernst, mit so schönen, dunklen Augen, so groß und schlank, so elegant, und so. . . so gut! Ja, Klärchen, gut war er, wenn er uns beide auch noch wie Kinder be­handelte; das sah ich an seiner Sorge um die Soldaten, welche bei der großen Uebung den Sonnenstich bekommen hatten, und dann. . . erinnerst Du Dich, wie er nicht litt, daß der Gärtner den Willmers Fritze durchprügelte, weil er auf dem Apfelbaum gewesen? Ach, das vergesse ich nie! es -war gar zu brav und gut von ihm! Aber wohin verirren sich meine Gedanken! Das ist alles das trübe Weihnachten, wo jede Sehnsucht neu erwacht. Aber einen Witz muh ich Dir noch erzählen! Großchen sagte mir vor ein Paar Tagen:Nun schreib mir einen Weihnachts­wunschzettel, Tassy! ich iveiß ja noch gar nicht, was ich Dir schenken soll!" Mir fiel beim besten Willen nichts ein, und da machte ich mir den Witz, und schrieb nur auf:Einen Leutnant!" Großchens Gesicht war zum Totlachen. Erst sah sie ganz betroffen aus, und seufzte: Ach Liebling, gerade diesen Wunsch kann ich ja beim besten Willen nicht erfüllen!" Da lachte ich sie tüchtig aus, und werde nun aus der Stadt einen Hampelmann, wie es auch solche in Uniform hier zu kaufen giebt, mit­bringen. Den baue ich dann dem Gvoßchen auf, und necke sie:Du hast Dir ja noch vielmehr einen gewünscht, wie ich!!" Nun aber Addio für heute, liebes, liebes Klärchen! Ich nehme diesen Brief mit in die Singstunde, und lege Dir noch einen Zettel mit den Namen der ge­wünschten Musikalien ein, meine Lehrerin weiß sicher, wie Stücke für Mäxchen Passen, und bestellt sie Euch sofort bei Bote und Bock. Und nun nochmal Addio! Wie sehr werde ich am 24. an mein geliebtes Klausendorf an Euch, Ihr Herzens-Menschen denken! Grüß Deine lieben Eltern und die Kleinen tausendmal, und schreib bald, sehr bald wieder. Deiner getreuen Tassv."

(Schluß folgt.)

Meeresforschung und Meeresleben.

Won Dr. Janson. Mit zahlreichen Abbildungen. Geh. 1 Mk., geschmackvoll geb. 1.25 Mk. (Aus Natur und Geistes­welt". Sammlung wissenschaftlich-gemeinverständlicher Dar­stellungen aus allen Gebieten des Wissens. 30. Bändchen.)

Verlag von B. G. Teubner in Leipzig.

Gerade jetzt, zu einer Zeit, wo unser deutsches Volk seine Blicke weit hinaus in die Ferne richtet, erschien eine den Msichten der Sammlung entsprechend im engsten Rahmen gehaltene Zusammenfassung der hauptsächlichsten Erfolge und der zunächst ins Auge genommenen Ziele der modernen systematischen Meeresuntersuchiung umsomehr geboten, als Hand in Hand mit dem zunächst aus rein handelspolitischen Beweggründen hervorgegangenen Ausdehnungsbestreben Unseres Volkes auch eine Vertiefung des wissenschaftlichen Interesses an allen den Erscheinungen und Verhältnissen ging, die ihm gerade durch die neueren Beziehungen zu fernen Erdgegenden so nahe gerückt wurden. Einer kurzen Darstellung der Entwicklungsgeschichte der modernen Meeresforschung und ihrer Ziele folgt eine Betrachtung der Verteilung von Wasser und Land auf der Erde, der Tiefen des Meeres, der Erhebungen seines Bodens und der ihn bedeckenden Ablagerungen. Daran schließen sich die physi- mlischen und chemischen Verhältnisse des Meerwassers in Beziehung auf Wärmeverteilung, vertikale und horizontale Strömungen der Massen, Licht und Druck in der Tiefsee und dre Zusammensetzung und Farbe des Meerwassers an. Den Schluß bildet eine kurze Beschreibung der wichtigsten Orga­nismen des Meeres, der Pflanzen und Tiere, der Werk- zeuge und Methoden ihres Fanges und ihrer Anpassungs- erschemungen an die so eigenartigen Lebensverhältnisse der Ozeane. Bei dem sehr mäßigen Preise wird sich das Bändchen sicher bald viel Freunde er­werben.

Wilhelm Raabe,

Gesammelte Erzählungen, Bd. 1 u. 2. 2. Aufb Abu Telfan, 3. Stuft. Der Schüdderump, 3. Ausl.

Preis gebunden je Mark 5..

Verlag von Otto Janke, Berlin.

Es giebt geborene Mediziner, die, obwohl sie kaum je im Leben diesen Beruf wirklich ergreifen, alles, was ihnen unter dre Finger kommt, an das Seziermesser liefern müssen und nicht eher ruhen, als bis sie jedes Glied aus dem Zusammenhänge gelöst haben und den Knochen ins innerste Mark gedrungen sind. Ob sie freilich damit sich selbst, noch irgend jemand sonst wirklich gedient haben, ist eine andere! Frage. Soviel steht indes fest, daß sie dem Ding an sich mrt der Zergliederung all und jeden Reiz genommen haben, und daß eine gewisse Nichtbefriedigung das Ende vom Liede ist. So widerfährt es auch manchem Kritikus, daß ihm über der Sucht, einzelnes zu meistedm, die Schönheit des ganzen Gebildes unter den Händen zergeht. Darum halte ich dafür, Geschichten soll man nicht zergliedern, son­dern den Gesamteindruck auf sich wirken lassen, ihn fest­halten und daraus Gewinn zu ziehen suchen.

Die Familien blätter hatten letzthin wiederholt erfreulichen Anlaß, sich mit Wilhelm Raabe, dem begnadeten Dichter, der allerdings wie so mancher andere erst zu Jahren kommen mußte, ehe man ihn zu Ehren kommen ließ, zu beschäftigen, und immer mußten sie zugestehen, daß er aus einem unversieglichen Born schöpft, daran jedermann sich setzen kann. Auch der Inhalt der vorstehenden vier Bände bekräftigt dies vollauf.

Wem über der faden Künstelei so mancher Richtung unserer Zeit die Freude am urwüchsigen, volkstümlichen Leben und Schaffen nicht abhanden gekommen ist, der greife nach der Raabenweisheit und setze sich mit gesundem Humor hinweg über alles das, was ihn an seiner Zeit ver­drießt, ohne ihr deshalb gute Seiten rundweg abzusprechen.

Die Menschen sagen immer: Tie Zeiten werden schlimmer; Die Zeiten bleiben immer; die Menschen werden schlimmer!

Bdt.

Schachaufgabe.

Von M. Trcala in Kromenz.

(Turnier der St. Petersburger Zeimug.) (Nachdruck verboten.)

a b c d e f g h

ab cdef gh

8

8

6

6

5

4

3

Weiß. (8 + 5)

Weiß zieht an und setzt mit dem dritten Zuge matt.

(Auflösung in nächster Nummer.)

Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr.r Phantasien.

W Wohlfeiles Schachspiel "W für 20 Pfennige

zu haben in der Geschäftsstelle der Gießener Familienblätter.

Redaktion: E, Burkhar dt. Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Universitäts-Buch. und Eteindruckerei (Pietsch Erben) in Gieße«.