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sie dies seltsame Schweigen nicht mehr zu ertragen, und mit den innigsten Tönen ihrer weichen Kinderstimme bat sie:
„So sprich doch ein Wort, liebste Felicia! Sieh, ich muß ja von diesen schrecklichen Dingen reden, damit Tu die Größe der Gefahr erkennst, in der Du Dich befindest. Aber ich denke ganz gewiß nicht daran, mich zur Richterin über Dich zu machen. Und ich glaube sicher, daß Tu zu allem, was Du gethan, durch Gründe getrieben worden bist, die wir anderen nicht kennen, und deshalb auch nicht verstehen. Jetzt, da der Doktor, Gott sei Dank, außer Lebensgefahr ist —"
Mit einer ungestümen Bewegung entriß sich Felicia dem sie umschlingenden Arm des jungen Mädchens und richtete sich auf:
„Ist er das, Hilde? Du weißt es ganz gewiß."
„Ja, Du darfst in dieser Hinsicht vollkommen beruhigt sein. Ich weiß es ganz getviß."
Ein Laut, der fast wie ein spöttisches Auflachen klang, kam von den Lippen der Amerikanerin.
„Ich danke Dir für diese gute Kunde, kleine Hilde! Und auch für alles andere muß ich Dir ja wohl von Herzen danken. Es fällt mir natürlich nicht ein, auch nur ein einziges von den schwarzen Verbrechen zu leugnen, deren Du mich da soeben angeklagt hast. Ich sehe, daß ich das Spiel verloren habe, und es bleibt mir nur noch übrig, wie ein rechtschaffener Spieler meine Schuld auf Heller und Pfennig zu bezahlen. Das ist es doch wohl auch>, was ihr von mir erwartet?"
„Wir erwarten von Dir nichts anderes, Felicia, als daß Du alle erdenklichen Mittel aufbietest. Dich so schnell wie möglich in Sicherheit zu bringen. Und was Einer von uns thun kann. Dir dazu behilflich zu sein, das soll sicherlich geschehen."
„Wie? Verstehe ich. Dich recht? Tu rätst mir zur Flucht? Und Du forderst nicht, daß ich hingehe, Deinen Bruder zu rechtfertigen?"
„Nein, nein! Herberts Schuldlosigkeit wird ohnedies bald an den- Tag kommen. Und er selbst wäre gewiß der letzte, der seine Untersuchungshaft um solchen Preis abgekürzt sehen möchte."
„Wohl — was ihn betrifft, so magst Du seine Denkungsart wohl richtig beurteilen. Aber Fräulein Margarethe Lindemann — sie, die mitt) so lange als eine siegreiche Nebenbuhlerin gehaßt hat — wird auch sie damit einverstanden sein, daß ich meiner verdienten Strafe entgehe."
„O, wie wenig Du sie doch kennst, Felicia, wenn Tu eine solche Frage stellen kannst! Auch wenn ich sie nach meiner Unterredung mit dem Doktor nicht gesprochen hätte, würde ich Dir unbedenklich antworten, daß Du ihr bitter Unrecht thust mit einer derartigen Vermutung. Aber ich komme soeben geraden Wegs von ihr, und ich kann Dir versichern, chaß sie ebenso sehnlich wünscht wie ich Dich vor allen üblen Folgen Deiner Handlungsweise bewahrt zu sehen."
„Wirklich? Was für seltsame Menschen ihr doch seid? Man sollte wahrlich meinen, es flösse statt Blut nur Milch in euren Adern. Und mein — und der Doktor Müller? Ist auch er so nachsichtig und versöhnlich gegen mich gestimmt?"
„Wie magst Du daran zweifeln? Könnte er Dich jemals geliebt haben, wenn er jetzt einen anderen Wunsch hegte als den, Dich zu retten. Hätte Margarethe Dich nicht gesehen, und hätte er nicht einen Unschuldigen in Gefahr geglaubt, so würde er mir gewiß nicht ein Wort von alledem gesagt haben, was ich heute aus seinem Munde erfuhr. Er gehorchte nur einer bitteren Notwendigkeit, aber er hat nicht ein einziges unfreundliches Wort über Dich gesprochen, und er würde gewiß sehr unglücklich sein, wenn seine Hoffnung auf das Gelingen Deiner Flucht sich nicht erfüllte."
Felicia schob ihren Schleier empor und neigte sich gegen Hilde, um sie zu küssen. Ihre Lippen waren eiskalt, und eiskalt war auch die Hand, die sie dem jungen Mädchen reichte.
„Sv muß ich denn wohl schon um Euretwillen darauf bedacht sein, mich so rasch wie möglich an einen Ort zu flüchten, wo Polizei und Gerichte mir nichts mehr anhaben können. Du hattest vollkommen recht, als Du sagtest, daß ich keine Minute verlieren dürfe. Keine lange Abschieds- scene also, meine liebe Hilde, sondern nur ein kurzes, einfaches Lebewohl!"
„Wer hast Du Dir denn auch schon einen bestimmten
Plan für Deine Flucht gemacht? Und kann ich gar nichts thun. Dir dabei zu helfen?"
„Nichts! Mein Plan ist bereits bis in alle Einzelheiten festgestellt, und ich bedarf zu seiner Ausführung keines Menschen Hilfe."
„Und Du hast mir sonst nichts zu sagen — hast mir keine Bestellung aufzutragen? Auch nicht für Deinen — für den Doktor Müller?"
„ Nichts, als daß ich ihm für seine Großmut danke und chm alles Glück der Erde wünsche. Aber Deinem Vater, zu dem ich nicht noch einmal hineingehen werde, magst Du! sagen, daß es bei unserer Verabredung bliebe. Er brauche sich in der bewußten Angelegenheit keine Sorgen mehr, zu machen."
„Ich werde Deinen Auftrag ausrichten, Felicia, obwohl ich ja nicht weiß, um was für eine Angelegenheit es sich handelt. Und Herbert? — Soll ich — —"
Felicia machte eine heftig abwehrende Handbewegung.
„Deinem Bruder werde ich selbst schreiben. Und nun genug! Die Zeit drängt — ich muß fort! Noch einmal; Lebe wohl, mein Liebling! Und kein trüber Schatten der! Erinnerung an mich falle dereinst auf Dein Glück!"
Hilde hatte wohl noch einige dringende Fragen auf dem Herzen gehabt, aber die Amerikanerin ließ ihr nicht Zeit, auch nur eine von ihnen auszusprechen. Sie war nach einer letzten, fast leidenschaftlichen Umarmung hastig zur Thür geeilt, und ein flehender Blick hielt die Freundinl zurück, als diese sich anschickte, sie aus dem Zimmer zu geleiten.
(Fortsetzung folgt.)
„Ihr Weihuachtsivunsch".
Ein lustiges GeMchtchen von Nataly von Eschstruth,- Nachdruck verboten.
Herrliches Wetter war es, so recht dazu angethan, um in den Straßen herumzuwandern, die Pracht der Schauläden zu bewundern und viele, recht viele Weihnachtseinkäufe zu machen.
Nicht zu warm und nicht zu kalt, die Trottoirplatten trocken, und die Bäume nur ganz leicht übergereift, dazu klare, Helle Wintersonne. . . was Wunder, wenn die Leipziger- und Friedrichstraße noch viel, viel belebter waren,: als sonst, wenn sich eine schaulustige Menge in seliger, fröhlicher Weihnachtsstimmung vor den Geschäften drängte, und.- die Jungens mit den Hampelmännern und den „Schäfchen fürn Dreier" geradezu glänzende Einnahmen erzielten. Nur einer wanderte still und ernst, mit einem beinahe trübseligen Ausdruck in dem männlich schönen Gesicht, mit den großen dunklen Augen und dem eleganten Schnurrbart — durch das fröhliche Getreibe.
Die Hände in die Taschen des grauen Offizierpaletots: versenkt, mit fast gleichgiltigem Blick all die Herrlichkeiten der Auslagen streifend, schritt er langsam durch die Menschen- menge und blieb an der Haltestelle der Straßenbahn stehen, die erst fern am Ende der Straße sichtbar werdende, zu erwarten.
Der Oberleutnant Egon von Waldeck kannte in diesem Jahre keine richtige Weihnachtsfteude. Einsam und unbekannt weilte er, den ein Kommando auf die Kriegsakademie berufen, in der Hauptstadt, alle Kameraden waren ab gereist, nur er mußte schweren Herzens zurückbleiben; denn seine! Eltern weilten für den ganzen Winter in Kairo, woselbst sich die sehr zarte Mutter nach schwerer Influenza erholen sollte. —
Man hatte abgemacht, daß Egon das Weihnachtsfest bei seinem verheirateten Bruder auf dem Lande verleben solle; vor wenigen Stunden aber war eine Depesche ein getrosten: „Nicht kommen, Kinder am Scharlach erkrankt!" —i
Da war es vorbei mtt all der Weihnachtsfteude; denn so gründlich auch Waldeck alle näheren und ferneren Ver- wandten, welche meist weit entfernt in seiner süddeutschen Heimat wohnten, int Gedächtnis vorüb erzieh en ließ, da toaci kein Haus, in welchem er wohl gern und glücklichen Herzens! den Christbaum hätte brennen sehen mögen!
So beschloß er, trübselig daheim zu bleiben, sich selbes ein bescheidenes Bäumchen zu putzen und seinem Burschen aufzubauen. — Aber das Herz war ihm schwer bei diesem Gedanken; denn feit jeher war Weihnachten sein liebstes Fest, an welchem das Herz so froh und wett wurde, welches


