Sonntag den 22. Dezember.
1901. — Nr. 184.
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rid wie wär’' es nicht zu tragen, Dieses Leben in der Welt? Täglich wechseln Lust und Plagen, Was betrübt, und was gefällt. Schlägt die Zeit dir manche Wunde, Manche Freude bringt ihr Lauf; Aber eine sel'ge Stunde Wiegt ein Jahr von Schmerzen auf. Wisse nur das Glück zu fassen, Wenn cs lächelnd dir sich beut; In der Brust und auf den Gassen Such' es morgen, such' es heut'. Doch bedrängt in deinem Kreise Dich ein flüchtig Mißgeschick: Lächle leise, hoffe weise
Auf den nächsten Augenblick. Em. Geibel.
(Nachdruck verboten.)
Gesprengte Fesseln.
Roman von Reinhold Ortmann.
(Fortsetzung.)
Einundzwanzigstes Kapitel.
Als Hilde nach ihrer Heimkehr den Gang betrat, an dem Ihres Vaters Zimmer lag, sah sie sich auf dem halbdunklen Korridor unerwartet einer weiblichen Gestalt gegenüber, die soeben aus jenem Gemache geroniuren sem mugte. Sie erkannte sie nicht sogleich, denn ihr Gesicht war hinter einem dichten schwarzen Schleier verborgen; aber in dem Moment, da sie die großen dunklen Augen hinter dem durchscheinenden Gewebe aufleuchten sah, schrie sie in jähem Entsetzen auf:
„Felicia — Du!"
„Ja, ich bin's", lautete die mit gedämpfter Stimme gegebene Antwort. „Scheint Dir mein Anblick so fürchterlich, daß Du vor ihm erschrickst wie vor einem Gespenst."
„O mein Gott, wie konntest Du es wagen, noch einmal hierher zu kommen? Ich glaubte Dich längst in Deiner Hermat."
„Ein. freundlicher Willkomm — in der That! Und ich war thöricht genug, zu hoffen, daß Du einige Freude über Arerne Wiederkehr empfinden würdest."
Mit, trauriger Miene schüttelte Hilde den Kops.
-Mein, Felicia, es ist wahrlich nicht Freude, was ich ftt diesem Augenblicke fühle. Und Du kannst auch nichts derartiges erwartet haben — jetzt, nach allem, was sich Überragen. Aber wir können nicht hier auf dem Korridor
darüber sprechen. Komm', laß uns in mein Zimmer gehen — und schnell; denn Du hast fürwahr keine Minute zu verlieren."
„Ich verstehe Dich nicht, Hilde", wollte Felicia einwenden, „und ich weiß nicht--"
Aber die Tochter des Kämmerers hörte nicht auf ihre Worte. Mit einer gebieterischen Energie, die der Amerikanerin an dem schüchternen, jungen Mädchen sonst völlig fremd gewesen war, zog sie die Widerstrebende mit sich fort, und verschloß, als sie in ihr Zimmer eingetreten waren, hinter sich die Thür.
„Es war eine Tollkühnheit, Felicia, daß Du Dich noch einmal hierher wagtest", sagte sie jetzt in heftigem Flüstertöne; „denn Du haft das Schlimmste zu fürchten. Irgend ein unglücklicher Zufall kann noch heute alle Welt erfahren lassen, daß Du es gewesen bist, die auf den Doktor geschossen hat."
Der Schleier, den die Amerikanerin noch immer vor dem Gesicht trug, verhinderte Hilde, ihr tötliches Erbleichen zu bemerken. Der seltsam veränderte, beinahe rauhe Klang ihrer Stimme aber verriet hinlänglich, welche Wirkung die angstvollen Worte ihrer bisherigen Freundin auf sie hervorgebracht.
„Wahrhaftig! Fürchtest Du das? Und woher hast Du die Gewißheit, daß ich es gethan?"
Sie hatte es vielleicht mit einem ironischen Ausdrucke sagen wollen, aber ihre Bestürzung Ivar doch eine zu große gewesen, als daß nicht alle schauspielerische Kunst in diesem Augenblick kläglich hätte versagen sollen. Unb Hilde hörte denn auch aus ihrer Frage nur das Entsetzen vor der drohenden, fürchterlichen Gefahr. Was auch immer sie seit den Enthüllungen des Doktors an Groll und an Verachtung gegen Felicia gefühlt haben mochte, in diesem Moment war es nur noch eine Empfindung des tiefsten Mitleids, die ihre Seele bewegte. Und über die Gewißheit, daß es eine Unglückliche war, die da vor ihr stand, lernte sie rasch vergessen, daß ihr Unglück eigenem Verschulden entsprungen war.
Mit der liebevollen Zärtlichkeit vergangener Tage schlang sie ihren Arm um Felicia und zog sie neben sich auf das Sopha nieder. Mit schonenden Worten, ivie nur das natürliche Zartgefühl einer Frau sie in solchem Augenblick zu finden vermag, gab sie der in schweigender Starrheit Zuhörenden zu erkennen, daß es keines Geständnisses mehr bedürfe, um ihr die ganze Wahrheit zu offenbaren. Sie sprach ihr von der Wahrnehmung Margarethens, und dann — wenn auch zögernd und vielfach stockend — von ihrem Besuche bei Hermann Müller und von dem, was sie dort erfahren hatte. Von Sekunde zu Sekunde befürchtete sie einen leidenschaftlichen Verzweiflungsausbruch Felicias, und es wurde ihr beinahe unheimlich, daß die Amerikanerin bei all' den für sie so niederschmetternden Dingen, die sie da vernahm, vollständig stumm blieb und in einer geradezu statuenhaften Unbeweglichkeit verharrte. Zuletzt vermocht«


