erwies. Und als ich Sie wiedererkannte, freute ich mich- ihn vergelten zu können."
Als wäre unmittelbar vor ihm ein blendender Blitzstrahl niedergefahren, prallte Rudolf zurück. Wie war es denn nur möglich, daß er sie nicht sofort wiedererkannt, daß er sich auf einer ganz, falschen Fährte befunden hatte! Noch vermochte er die ganze Bedeutung dessen nicht zu fassen, was .sich ihm da offenbarte, aber daß etwas Fürchterliches darin fein müsse, sagte ihm die atemraubende Beklemmung, die seine Brust zusammenpreßte.
„Den Brillantschmetterling —" stieß er hervor — „Sie — Sie waren es?!"
Sein Benehmen versetzte sie offenbar in unangenehmes Erstaunen, und ihre Oberlippe kräuselte sich ein wenig. „Freilich war ich's, und es scheint ja, daß ich dadurch in Ihren Augen zu einem Ungeheuer geworden bin. Wir waren eben in Geldverlegenheit, und mußten ihn verpfänden. Ist denn das so schrecklich? Und er dürste inzwischen doch wohl längst wieder eingelöst worden sein — nicht wahr?"
„So wissen Sie nicht, welche Bewandtnis es mit diesem unglückseligen Schmetterling hatte?" rief er, außer sich vor Erregung, und wie vom Fieber geschüttelt. „Aber nein — weshalb frage ich Sie erst! Es ist ja- selbstverständlich, daß Sie es nicht wissen. Wie könnten Sie sonst bis zu diesem Augenblick geschwiegen haben!"
Sie löste die Arme, und neigte mit verwundertem Gesicht ihren Oberkörper gegen ihn vor.
„Mein Gott, was ist Ihnen denn? Sie verwechseln diese Angelegenheit offenbar mit irgend etwas anderem. Was für eine Bewandtnis soll es denn mit dem Schmetterling gehabt haben, als die, daß er zu dem Nachlaß meiner Mutter gehört, und daß- mich- mein Vater bei einer vorübergehenden Verlegenheit bat, ihn zum Pfandleiher zu tragen, weil er sich in seiner gesellschaftlichen Stellung doch nicht gut selbst einer solchen Demütigung aussetzen konnte."
Rudolf dachte in diesem Augenblick nicht an den falschen Namen, dessen sie sich bedient hatte, und nicht an ihre Aehnlichkeit mit Margarete Willisen, die ihm doch schon aufgefallen war. Er dachte nur daran, daß sie ohne allen Zweifel schuldlos sei, und daß ihr deshalb um ihres Seelenfriedens willen die Wahrheit verborgen bleiben müsse, so lange es immer möglich war. Er selbst dagegen mußte diese Wahrheit -erfahren, die -ganze Wahrheit; denn es galt ja die Ehre -eines anderen beklagenswerten Geschöpfes, das gebüßt und gelitten hatte für fremde Schuld.
„In der Thal," sagte er, sich zu äußerer Ruhe zwingend, „es scheint, daß hier eine Verwechslung vorliegt. Antworten Sie mir, bitte, nur auf eine einzige Frage: kennen Sie eine Frau Therese Haller in B.?"
„Gewiß — sie ist ja meine Tante — die Schwester meiner verstorbenen Mutter."
„Und Ihr Vater war es, der Ihnen den Brillantschmetterling gab, nachdem — nachdem er bei dieser Frau Haller gewesen war?"
Jetzt sprang sie von ihrem Sitze herab, und wirklicher Zorn lag auf ihrem Antlitz. „Dies- Verhör ist lächerlich, mein Herr! Und ich habe keine Lust, Ihnen weiter Rede zu stehen. Weiß ich doch, sehr gut, in welcher Absicht Sie plötzlich diese abgeschmackte- Rolle eines Untersuchungsrichters zu spielen anfangen."
„Wie — Sie wissen das, Fräulein von Ranten?"
'„Natürlich.! Es ist wegen der -dummen Visitenkarte meiner Freundin Melanie, die ich Ihnen statt der meinigen gab. Da glauben Sie sich nun berechtigt, mich zu erschrecken und zu ängstigen, damit ich- Sie himmelhoch um Verzeihung bitte, oder damit ich vielleicht gar — pfui, ich mag es nicht aussprechen. Aber Sie haben sich! in mir geirrt. Ich will nichts mehr mit Ihnen zu schaffen haben, und ich ersuche Sie, mich meines Weges gehen zu lassen."
Sie hatte ihren Bergstock und- ihr Hütchen aufgerafft, und stürmte an Rudolf vorbei, indem- sie ihm noch einen letzten funkelnden Blick zuwarf. Er aber machte keinen Versuch, sie zurückzuhalten; denn ihm war, als sei er an allen Gliedern gelähmt, und weder eines Wortes noch -eines klaren Gedankens fähig. Nach Verlauf von
Minuten erst trat er ebenfalls zwischen jbett Gesteinstrümmern hervor in den Wald hinaus. Seine Haltung . war gebeugt, als drücke unsichtbar eine schwere Last auf seine Schultern, und er stieg langsam bergab, wie einer, der sicher ist, daß ihn am Ziel seines Weges nichts anderes erwartet, als Herzeleid und bittere Pein.
(Fortsetzung folgt.)
Heimweh.
Ein Liebesgeschichtchen von LuiseGlaßl
(Nachdruck verboten.)
Oktober war's, Lesezeit: Arbeit, Fröhlichkeit, Wald-hvrn- blasen und Raketenwerfen. Das Wachhold-ermariechen aber, das überall aushilft, und sonst allezeit fröhlich ist, läßt den Kopf hängen, und weiß nur Halb warum.
Sie nannten sie die Waisenmarie; denn sie war bei fremden Leuten aufgewachsen, und hatte nur einen Pflegebruder übrig behalten: den Walther Franz, den besten Burschen im Land, den gescheitesten Kopf, und ihr Liebster war er auch, — wenn er nur nicht so phantastische Zukunstspläne gemacht hätte!
Da kam er, um sie abzuholen; im Hellen Lauf nahm er die Weinbergstreppchen, und schon von fern ries er ihr zu: „Juchhe, Mädel! Jetzt kommt das Glück! jetzt können wir heiraten!"
Sie setzte sich auf die Steinbank, so zitterten ihre Knie. Das Glück? Heiraten? das war ja gut. Da konnte, die Muhme, die ihnen aus Freundschaft haushielt, wieder aufs Dorf —" '
„Freilich sieht das Glück anders aus, wie wir's uns träumen, das ist nun so —- das Leben's giebt uns nur das rohe Eisen, schmieden müssen wir's uns schon selber". Und dann erzählte er, daß ihm in Newyork eine Stelle angeboten sei, von einem Vaterbekannten, der drüben sein Glück gemacht hatte.
„Wir sind jung, Jugend muß tapfer sein."
Mariechen sah über die Rebenhügel hin, und sagte mühsam: „Nach Amerika!"
Ihm wurde unbehaglich zu Mute.. Ja, freute sie sich denn gar nicht? —- Auf einmal sagte sie: „Wenn Du noch wartetest, bekämst Du gewiß hier -eine ebenso gute Stelle." „Nein, so eine krieg ich hier nicht, hier kommen wir nie auf einen grünen Zweig, dort brauchen wir -einfach, hinaufzufliegen. Wenn Du mich lieb hast, freust Du Dich, daß w-ir endlich so weit sind. Und denkst an nichts', als daß wir da drüben glücklich sein werden."
„Da drüben", sagte sie wehmütig, streichelte ihm aber dabei die Hand, als wollte sie etwas abbitten.
Wie sie nachher durch die Stadt gingen an den alten Kirchen vorbei mit dem gotischen Zierat, an den Denkmälern, deren Marmorleiber leuchteten, durch trauliche Gassen und stolze Prunkstraßen, da sagte sie: „Das soll ich nie Wiedersehen!"
„Ei, warum denn nicht? Später."
„Nein, ich seh's nicht wieder, ach- es ist zum Herz- btedien."
Das Heimweh- rumorte auch! bei ihm, aber sie sollte nichts davon merken, damit sich ihr's nicht dran Wrke. Stumm ging er neben ihr weiter.
„Jst's nicht schön hier?"
„Freilich, aber wo man sich liebt und- vorwärts kommt, ist's auch- schön." „
Sie führte ihn nach dem Friedhof. Wer wurde nun die Gräber der Eltern pflegen.
„Wir tragen's dem Totengräber auf — an ine Toten denken ist. mehr, als Rosen für sie pflanzen/
Er hatte ja recht, doch machte sie's meinen, daß hier der Totengräber hantieren sollte, dem alle Gräber nur eine Nummer waren. — Von den Bergen ftiegen Raketen auf, irgendwo sangen sie: Morgen muß ich fort von hier.
Da schluchzte Mariechen hell auf: „Ich kann nicht, ich- kann nicht." t , . ,,
Franzens gutes Gesicht wurde bläst „Komm heim", sagte er freundlich, „Du besinnst Dich noch."
Sie besann sich, ach Gott, „so viel". Sie bedachte sich am Tag und bedachte sich bei Nacht, aber sie kam zu keinem anderen Schluß: Ich kann nicht. — Ob sie an künftigen


