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dem Boden lag, gaben Zeugnis von der behaglichen Muhe, der sich Fräulein Lilli hier hingegeben hatte.
Als er sich bückte, um das Buch aufzuheben, nahm
dies vorbei."
Sie hatte sich -auf einen Felsvorsprung hmaufge- schwungen, und saß mit gekreuzteu Füßen und verschränkten Armen da, während ihr Gesicht mit dem seinen fast in gleicher Höhe war. Ein paar Sonnenstrahlen spielten auf ihrem schimmernden Haar, und Rudolf fühlte sich völlig berauscht von dem Zauber ihrer in dieser Umgebung fast märchenhaften Schönheit.
„Wußten Sie nicht, daß ich Sie gestern während des ganzen Tages gesucht habe?" fragte er. „Wenn Sie hier oben waren, müssen Sie notwendig mein Rufen gehört haben."
„Gewiß, — ich habe es gehört."
„Und Sie fühlten gar kein Erbarmen mit mir? Sie ließen mich mit meiner schmerzlichen Enttäuschung wieder thalwärts wandern, ohne mir auch nur das kleinste Zeichen zu geben?"
„Aber das Ganze war doch nur ein Spaß. ^m Grunde lag Ihnen ja gar nicht so viel daran, mich zu finden. Es ist komisch, daß die Männer bei den germg- fügigsten Anlässen immer gleich so hochtrabende Worte brauchen müssen."
Sie hatte sich weit zurückgebogen, um zu dem blauen. Himmel hinaufzuschauen. Ihre Lippen waren leicht geöffnet, und in ihren braunen Augen flimmerten goldene Pünktchen. Da war es um Rudolfs Selbstbeherrschung geschehen. . r ~ .
„Aber es war nichts Geringfügiges für mich, Fräulein von Ranten", rief er. „Erraten Sie es denn noch immer nicht, daß ich seit unserer ersten Begegnung überhaufck an nichts anderes mehr denken kann, als an Sie — daß ich mich nach jechm neuen Wiedersehen sehne mit aller Macht meiner Seele?"
Sie löste die verschränkten Arme nicht, um ihn gebieterisch zurückzuweisen, obwohl er ihr so nahe gekommen war, daß sie den Hauch seines Atems auf ihrer Wange fühlte, während er zu ihr sprach.
„Ei, mein Herr Rechtsanwalt, ich hoffe, Sie werden die Gastfreundschaft nicht mißbrauchen, die ich Ihnen hier in meinem Schlosse so vertrauensvoll erweise. Wenn Sie nicht sehr artig und bescheiden sind, laufe ich davon." .
Bei der Gelassenheit, mit der fie tn ihrer bequemen Stellung verharrte, konnte diese Drohung nicht viel Erschreckendes haben, aber sie hatte doch hingereicht, Rudolfs heiß aufflammende Leidenschaftlichkeit zu dämpfen. Daß sie sich ihm gegenüber hier schutzlos in tiefster Einsamkeit befand, gab ihr seiner tleberzeugung nach in der That ein Recht auf die ritterlichste Zartheit seines Benehmens. Er schämte sich ein wenig, und trat einen Schritt von ihr zurück. , ,,
„Verzeihen Sie, wenn ich ungestümer und ofseu- herziger war, als eine Bekanntschaft von wenig Tagen es in Ihren Augen rechtfertigen mag, ich hatte — —"
Sie kehrte ihm ihr Gesicht zn, uni» fiel ihm lachend in die Rede. „O, unsere Bekanntschaft ist titel älter. Habe ich mich denn so sehr zu meinem Nachteil verändert, daß Sie sich meiner durchaus nicht erinnern?"
Er suchte in ihren Zügen, aber er suchte noch immer vergebens. „Ich hatte von Anfang an. die Empfindung, daß ich Ihnen schon einmal begegnet sein müsse", gestand er, „aber ich weiß nicht--" '
„Es war allerdings eine Begegnung unter titel weniger romantischen Umständen, als die von vorgestern abend. Damals waren Sie es, der mir einen Dienst
die von dem sähen Ende eines hoffnungsvollen jungen Menschenlebens erzählte. Eine leise Empfindung des Grauens dnrchzitterte feine Seele, als er über das roh gefügte Geländer hinweg in die schauerliche Tiefe blickte, die mit ihren unten vorspringenden Klippen und Schroffen allerdings jedem hier Abgestürzten sicheren Tod verhieß. Aber dtts sehnsüchtige Verlangen, das ihn heraufgeführt hatte, gab seinen Gedanken bald wieder eilte andere Richtung. , , r
Er verfolgte den.Pfad, der offenbar sehr wenig be-° gangen war, und der immer beschwerlicher wurde, weiter und weiter aufwärts, und versäumte nicht, überall scharfe Umschau zu halten. Doch- das, was er suchte, fand er nicht. Wenn auf die Juchzer, die er hin und wieder erschallen ließ, überhaupt eine Antwort erfolgte, so war es gewiß nur ein neckendes Echo, das sie ihm gegeben. Als er endlich in beträchtlicher Höhe über der Thalsohle die Vegetationsgrenze erreicht hatte, wo auch der letzte kümmerliche Baumwuchs aufhörte, und die einsamen Regionen des nackten, zerklüfteten Felsgesteins begannen!, gab er ein weiteres Vordringen als aussichtslos auf.
Während er langsam wieder hinabstieg, oftmals vom Wege abschweifend, wenn irgend eine prächtige Baumgruppe ober ein paar phantastisch übereinander getürmte Felsblöcke ihn mit neuer Hoffnung erfüllten, hier die Gesuchte zu finden, war es ihm einmal, als hätte er Lillis fröhliches, helles Lachen gehört. Freudig erschrocken blteb er stehen, und rief ihren Namen. Aber er rief ihn vergebens, auch! als er ihn zum zweiten und- zum dritten Mal wiederholte, und nachdem er dann in weitem Umkreise jedes Fleckchen abgesucht zu haben meinte, mußte er wohl zu dem Schluß gelangen, daß irgend einer von den mannigfaltigen Tierlauten des Bergwaldes ihn genarrt habe.
Er kehrte ins Thal zurück, um das abenteuerliche Suchen, das er sichtlich- bei jedem -anderen über die Maßen thöricht gefunden hätte, am Nachmittag von neuem zn beginnen. Der Erfolg war nicht besser, als am Morgen, und tote er dann nach Einbruch der Dunkelheit verstimmt und todmüde seiner Wohnung zuschritt, stieg ihm der Verdacht auf, daß die übermütige Kleine nur bte Abficht gehabt habe, sich über ihn lustig zu machen, und daß das romantische Plätzchen, von dem sie ihm gesprochen, in Wahrheit gar nicht existiere.
„Vielleicht amüsiert sie sich letzt kostltch bet dem Gedanken an den Narren, der in den Bergen herumklettert, ihr fabelhaftes Märchenschloß zu finden", dachte er. „Mag es denn genug sein. Ich toerbe mich nicht langer bemühen, ihre holde Waldeinsamkeit zu stören."
Während der ganzen ersten Hälfte des- folgenden Tages blieb er diesem Vorsatz- treu, und als er am Nachmittag doch wieder zu dem Marterl hinaufstteg, geschalt es, wie er sich selbst einzureden suchte, nur um der Mbönheit und Stille des von allen -anderen Touristen gemiedenen Weges willen. Aber er kam doch auch heute unversehens höher und höher hinauf, und plötzlich- diesmal konnte es wahrlich keine Täuschung gewesen sein — klang ihm wieder das Helle, neckische Lachen ms Ohr. Da war all sein Groll verflogen.
„Fräulein von Ranten!" rtef er. „Haben Ste Mitleid mit mir, und lassen Sie sich finden!"
Ein schmetternder Jodler gab ihm Antwort. Gleich -darauf trat sie, kaum fünfzig Schritt von ihm entfernt, -zwischen zwei Steinblöcken hervor, die sich tn ihrem oberen Teil so gegeneinander neigten, daß nur eine schmale, thorartige Oeffnung zwischen ihnen blteb.
„Sagte ich's Ihnen ntcht, daß Ste meutert Schlupft winkel niemals entdecken würden?" rtef ste ihm srohlich zu. „Aber ich will großmütig sein, und da ich ihn voraussichtlich heute doch zum letzten Mal besucht habe, will ich ihn Ihnen freiwillig zeigen."
Sie bedeutete ihn, sich durch den schmalen Eingang zu winden, und Rudolf sah sich, nachdem er das gethan hatte, mit einiger Ueberraschnng in einer kleinen, von moosigen Felstrümmern rings umschlossenen Grotte, tn die oben der blaue Himmel hineinlachte, und die allerdings ganz für die einsamen Träumereien einer welt- flüchtigen Seele geschaffen schien Eine ausgespannte Hängematte und ein Buch, das neben dem Bergstock auf
sie es ihm hastig fort. V
„Nein, Sie brauchen nicht zu wissen, was ich lese. Aber sagen Sie selbst, ist es hier nicht wnnderhübsch? Hatte ich nicht recht, es ein Märchenschloß zu nennen?"
Er gab rückhaltlos seinem Entzücken Ausdruck, das allerdings viel mehr dein heißersehnten Glück dieses Wiedersehens als irgend etwas anderem galt.
Sie aber schien den eigentlichen Grund seiner Freude gar nicht zu ahnen; denn sie sagte heiter: „Wohl, ich schenke es Ihnen. Heute abend kommt mein Vater, und dann ist es mit den einsamen Streifereien ohne-


