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ir sind große Philosophen für andere, aber nicht für nns selbst Im Augenblick, da sich der Gram des Gemüts bemächtigt, hören wir auf, den Maßstab des Vernünftigen an ihn anzulegen.
Bulwer.
(Nachdruck verboten.)
Der Schmetterling.
Novelle von Reinhold Ort mann.
(Fortsetzung.)
Lilli von Ranten tanzte wie eine Elfe, und es schien sie so wenig anzustrengen, daß sie kaum in schnelleren Zügen atmete, als Rudolf sie endlich zu einem der Stühle führte. Da er das Verbot, ihr phrasenhafte Artigkeiten zu sagen, sehr ernst nahm, war er in einiger Verlegenheit, wovon er mit ihr sprechen solle.
Er hielt sich zuletzt Einfach an die schlichte Wahrheit, indem er berichtete: „Ich ging heute morgen an Ihrem Hause vorüber, weil ich hoffte. Sie dort zu sehen, und ich hätte mich ohne Zweifel später auf die Suche nach Ihrem geheimnisvollen Lieblingsplätzchen gemacht, wenn mich nicht die unerwartete Begegnung mit -einem Freunde daran gehindert hatte, Daß ich! Sie hier finden würde, hätte ich gewiß am wenigsten zu hoffen gewagt."
„Es ist auch ein bloßer Zufall; denn im ganzen finde ich die Gesellschaft hier recht wenig nach- meinem Geschmack."
„Auch Sie geben also der Einsamkeit den Vorzug vor diesem geräuschvollen Treiben?"
Sie schüttelte lachend den Kopf. „Nein, das möchte ich denn doch nicht sagen. Alles zu seiner Zeit. Es ist wirklich nur die Zusammensetzung der hiesigen Gesellschaft, die mir nicht gefällt. — Also meinen Schlupfwinkel oben in den Bergen wollten Sie aufspüren? Und vielleicht hegen Sie sogar diese schlimme Absicht noch immer?"
„Ja, es sei denn, daß Sie es mir ausdrücklich verbieten. Und ein solches Verbot würde mich, sehr traurig machen, Fräulein von Rauten."
„Warum sollte ich's Ihnen auch verwehren? Erstens habe ich gar kein Recht dazu, und zweitens werden Sie mein Versteck ja doch nicht finden. Freilich" — und sie schien weniger zuversichtlich zu werden — „freilich habe ich ja die Unvorsichtigkeit Begangen, Sie gestern selbst aus die rechte Sur zu leiten."
Eine kleine, verschrumpft und gebrechlich aussehende alte Dame kam in diesem Augenblick auf sie zu.
„Wollen wir nicht jetzt nach Hause gehen, liebste
Lilli?" fragte sie, ohne von Rudolf weiter Notiz zu nehmen, mit einer dünnen, ängstlich klingenden Stimme. „Der Major hat die Güte gehabt, mir feine Begleitung anzu- bieten, und wenn wir noch länger warten, fällt mir die Abendkühle so auf die Brust."
„Meinetwegen mögen wir aufbrechen", erwiderte Lilli in einem Tone, der durchaus nicht den Anschein erweckte, als hätte die Teilnahme für die schwache Brust des alten Fräuleins ihren Entschluß bestimmt. „Sie wissen jä, daß ich überhaupt nur auf Ihr Zureden hierher ging. — Guten Abend, Herr Rechtsanwalt, — und wenn Sie mein Märchenschloß finden, so —“
„Nun?" forschte er, da sie inne hielt. „Wird es ein Lohn oder eine Strafe sein, was mich! alsdann erwartet?"
„Das werden wir sehen. Eins oder das andere gewiß — und vielleicht auch beides. Aber Sie werden sehr viel Scharfsinn aufwenden müssen, um zu meinem Lieblingsplätzchen zu gelangen."
Völlig verwirrt von dem süßen Lächeln, das ihre letzten Worte begleitet hatte, kehrte Rudolf zu dem Studiengenossen zurück, der ihn mit scherzhaften Vorwürfen empfing.
„So also sehen die charakterfesten Leute aus! Vorhin nahmst Du es beinahe für eine Beleidigung, daß ich! Trr zumutete, zu tanzen. Aber Du darfst mildernde Umstände für Dich geltend machen, das gebe ich zu. Ein reizenderes Mädchen ist mir seit langem nicht borge» kommen. Wer ist sie denn?"
„Ein Fräulein von Rauten", sagte Rudolf kurz; denn er fühlte sich unangenehm berührt durchs den Ton, in welchem Doktor Stahlschmidt von Lilli sprach, „Weitere Auskunft aber kann ich Dir leider nicht geben; denn meine Bekanntschaft mit ihr datiert erst feit gestern, und ist eine ganz oberflächliche." ,
„Wirklich? Es sah, offen gestanden, nicht so aus: Die Kleine hat ja ein paar prachtvolle Augen, und sie weiß guten Gebrauch von ihnen zu machen. Ich werde mich doch 'mal ein bischen nach ihr erkundigen."
Die Gesellschaft des redseligen Freundes war Rudolf ganz unerträglich geworden, und er machte sich von ihm los, ohne erst lange nach einem Vorwande zu suchen.
„Der ist tüchtig verschossen", dachte Doktor Stahl- schmidt, indem er ihm lächelnd nachblickte. „Und die kleine Wetterhexe hat es auch ganz offenbar auf ihn abgesehen. Für eine Bekanntschaft von vierundzwanzig ■ Stunden wenigstens war das Augenspiel doch schon ein bischen allzu lebhaft, und ausdrucksvoll."
Während des ganzen folgenden Tages stieg Rudolf Irnberg in den Bergen umher, um Lilli von Rantens! Märchenschloß zu finden. Als er an dem Marterl auf der Adlerwand vorüberkam, las er bewegt die Inschrift,


