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uf grobe Lüge derbe Wahrheit.
Sprichwort.
(Nachdruck verboten.)
Auf der Felsemnsel.
Eine Erzählung aus den norwegischen Schären. Von M. O t t e s e u.
Erstes Kapitel.
Norwegen ist schön, wie es stolz und gebieterisch Fels an Fels aus den Meeresfluten emporsteigt. Weithin leuchten die Firnschneefelder im Frühlingsglanze, ungestüm brechen die rauschenden Ströme sich Bahn durch das ^erwachende Thal, und von Alpe zu Alpe jubelt es h«ll: „Tw Sonne die Sonne!" Und alle, groß und klein, erlen hinaus auv Haus uitb Gehöft auf die nächste Höhe, das Sonnenauge zu grüßen nach langer Winterzeit. — Schon ttt das graue Felsenland mit seinen tiefen Seen, von dunklen Waldern umrahmt: schön in seiner wilden Majestät, wenn d Sturm die schaumgekrönten Wogen gegen die Scharen treibt, und die Nordlichter ihren flackernden wchern auf das unendliche Schneereich werfen, schöner aber noch mi Schmucke des lichten Sommers, wenn es friedlich im Arme des Meeres ruht und lächelnd den Zurückkehrenden empfangt, der in der Fremde fast den Reiz der eigenen Heimat vergaß.
Auf dem Verdeck des Dampfers stand ich lange, den Blick unverwandt auf die winkende Küste geheftet, otoet Jahre hatte ich! im Auslande verbracht. Bedeutsam^ und Nichtiges im bunten Gemisch gesehen und neben den Naturwissenschaften, meinem eigentlichen Fache, auch grunDiiM das Kapitel der großstädtischen Vergnügungen studiert.
Mitten im Gewimniel der eleganten Residenz hatte niich aber plötzlich ein Heißhunger nach Einsamkeit, nach stillem, ungetrübtem Leben in der Natur erfaßt. Schnell entschlossen, hatte ich mein Bündel geschnürt und zog jetzt dahin, anscheinend planlos und doch- ein bestimmtes Ziel vor Augen. f ,
Wie die Bilder eines Panoramas glitten die wechselnden Landschaften an mir vorüber: bald öde und unfruchtbar, schroffe kahle Felswände, welche trotzig den Eingang ins Land zu versperren schienen; bald wieder einladend und lieblich! mit Fernsichten über blaue Fjorde, die sich wie breite, glitzernde Bänder zwischen lichtgrünen Wäldern dahinschlängelten.
Wir hatten Bergen, diese alte, wunderliche Stadt mit ihren Brücken und' Giebelhäusern, passiert, und immer höher gen Norden ging unser Weg.
Der brave Kapitän wunderte sich gewiß im stillen über den schweigsamen Passagier, welcher oft bei ihm auf der Kommandobrücke stand und so gespannt in das Weite starrte, als warte er darauf, daß ihm plötzlich eine Offenbarung zu teil werden solle, welche ihm das Ziel zeigte, das er die ganze Zeit verfolgt hatte.
Und richtig! Ta tauchte sie endlich am Horizonte^auf, die graue Felseninsel, auf welcher ich die glücklichen .rage der Kindheit verbracht hatte, ehe die Eltern so kurz hintereinander starben und mich der unbekannte, wortkarge Onkel mit naä- der fernen Stadt nahm. Jahre waren seitdem vergangen, doch lebhaft, als wäre es gestern, stand tn diesem Augenblick der Abschied vor meiner Seele. Noch nie habe ich geweint wie damals. Ich glaubte, das Herz sollte Mir Zerspringen vor lauter Weh, und noch lange nachher mußte ich gewaltig-gegen eine fast unwiderstehliche Regung kämpfen, welche mich an klaren Sommertagen erfaßte und mich aus der engen Stube hinaustrieb in die Berge, Tort I ah ich fa die weißen Segel wie Möwen über die schimmernde Flache des Fjords dahinfliegen, und ungestört durften meine Gedanken ihnen auf der flüchtigen Fahrt folgen. Denn das ist die Zaubergewalt des Meeres, daß derjenige, den sein Gesang als Kind in Schlummer wiegte, niemals dem geheimnisvollen Ruf seiner lockenden Stimme widerstehen """Ich hatte es mir nicht eingestehen wollen, und doch war es die Sehnsucht nach den meeresumrauschten Scharen, welche mich fortgetrieben hatte von all der Herrlichkeit der großen, schönen Welt.
Wie unverändert war hier alles! Tort an der Landspitze lag noch die kleine Kirche, grau wie das Gestein, tn das sie hineingebaut war. Geschlecht auf Geschlecht hatte zuversichtlich Wind und Wetter getrotzt, um hierher zu kommen, seinen Gott zu preisen, und vergeblich hatten seit Jahrhunderten die brausenden Wogen es versucht, die ver- witterten Mauern zu zerstören. Nur das Pfarrhaus drinnen an der Bucht, welche tief in die Felseii einschneidet, lag heute hinter Bäumen versteckt. Meine Mutter hatte ine Tannen und Birken einst gepflanzt, und setzt standen sie da, ein kleines Wäldchen, ein Stück Sommer und Poesie inmitten der rauhen Berge, und winkten rnnn Sohne, daß er zu ihnen hinkommen und sich von derjenigen erzählen lassen solle, welche längst in der kühlen, schwarzen Erde ruhte.
Eine mir sonst frenide Schwermut hatte sich meiner bemächtigt. Wie durch einen dunklen Schleier sah ich die Insel hervorschimmern, winkend und drohend zugleich wie jene geheimnisvolle Macht, die uns bald zu unserem Glucke, bald zum Verderben mit sich reißt, und die Nur übermütig nur einen Zufall pennen. Emen Augenblick schwankte ich wirklich ob ich meinen Vorsatz ausführen und den Kapitän


