Ausgabe 
21.12.1901
 
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von dem, was Sie wissen, so wird man Ihren Bruder ohne Zweifel sofort in Freiheit setzen."

Und Felicia? Man wird sie verfolgen sie statt seiner ins Gefängnis werfen, nicht wahr?"

Allerdings. Auch das würde eine unvermeidliche Folge Ihrer Anzeige sein."

Nein, dann kann ich es nicht thun. Dann muß meines Bruders Schuldlosigkeit auf andere Weise an das Licht kommen als durchs mich. Ich- habe sie zu lieb gehabt, als daß ich, die Urheberin ihres Unglücks sein könnte. Das Herz will mir brechen, wenn ich daran denke, wie schrecklich sie ohnedies in diesem Augenblick leiden muß."

Ehe Hilde es verhindern konnte, hatte Hermann Müller ihre Hand ergriffen und an seine Lippen geführt.

Ich danke Ihnen für dieses hochherzige Wort, mein liebes, verehrtes Fräulein! Und ich hatte es nicht anders von Ihnen erwartet. Es ist meine Ueberzeugung, daß Fe­licia sich in diesem Augenblick bereits auf dem Wege nach Amerika befindet. Gönnen wir ihr also die Zeit, sich in Sicherheit zu bringen. Ist man auch nach Verlauf dieser Zeit noch nicht zur Erkenntnis von Ihres Bruders Schuld­losigkeit gelangt, und steht er dann nicht völlig gerechtfertigt da, so mag in Gottes Namen geschehen, was ihr nicht länger erspart werden kann, bis dahin aber nicht wahr? bis dahin werden Sie mit einer Anzeige warten?"

Hilde hatte ihm ihre Hand nicht entzogen, und der feste Druck ihrer schlanken, weichen Finger sagte ihm mehr als hundert Versprechungen.

Ja", erwiderte sie einfach,und ich weiß, daß es so auch im Sinne meines Bruders, ivie im Sinne jenes edlen Mädchens gehandelt ist, dessen Mitteilungen mich hierher geführt haben. Die Wahrheit wird ja ans Licht kommen, auch ohne daß wir eine Unglückliche verderben müßten."

Der Doktor wollte ihr etwas erwidern, aber in diesem Augenblicke trat der getreue Pining, dem die Unterredung wohl zu lange währen mochte, über die Schwelle, und Hilde nahm diese Gelegenheit wahr, sich nach einem noch­maligen raschen Händedruck zu entfernen.

(Fortsetzung folgt-).

Frau Perchta.

Ans der Weihnachtszeit, von Bernhard Ohrenberg.

(Nachdruck verboten.) (Schluß.)

Doktor Wellbach hat ein lebhaftes Temperament, er bewegt sich so elastisch und rasch, wie er spricht; eine Minute genügt ihm, den Hausherrn, dessen Gattin, und Wolfram zu begrüßen, nach dem Befinden der Kinder zu fragen, und die alte Frau Forstrat durch einige herz­liche Worte zu erfreuen; als sein Blick über die schlanke Gestalt von Frau Sontheim gleitet, die ihm, freudig bewegt, die Hand zum Gruße reicht, verschönt ein glück­liches Lächeln sein geistvolles Gesicht.

Hast Du etwas Gutes gefunden, neulich bei der Auktion?" fragt der Professor seinen Schwager.

Bitte, urteile selbst, mit diesen Worten entnimmt Bernardi dem Bücherschrank eine Ledermappe, die mit alten Kupferstichen angefüllt ist.

Die Kunstblätter gehen von Hand zu Hand, auch Frau Sontheim mustert sie, und winkt lachend den Professor au ihre Seite:

Schauen Sie nur, wie drollig! Die mittelalterliche Justiz entbehrte, trotz ihrer grausamen Strenge, doch nicht ganz des Humors. Der Kupferstich veranschaulicht die Strafe des Eselritts, der über alle Frauen verhängt wurde, die den Pantoffel gar zu derb über ihren Eheherrn schwangen, und dadurch bei den Nachbarn Aergernis er­regten".

Wolfram betrachtet lächelnd das Bild unb spricht:

Diese Strafe, die sowohl Mann als Frau der öffent­lichen Verspottung preisgab, wurde von der Obrigkeit gar nicht selten verhängt; es bestand sogar in vielen Städten dasEselslehen", das eine ortsansässige Familie von alters her verpflichtete, den erforderlichen Esel zu diesem Strafvollzug zu stellen."

Auch Doktor Wellbach ist näher getreten und deutet aus die Reiterin, die statt des Zaums den Schwanz des! Grautiers in der Hand halten muß, mit den Worten: Es ist lustig zu schauen, wie trutziglich das sMnucke

Weibchen auf die lachenden Gaffer blickt, und welchen kläglichen Eindruck ihr alter Mann macht, der den Esel führt."

Sie scheinen die Frau, die den Men bedrängt und sogar schlägt, rächt zu verdammen?" fragt Frau Sont­heim im Don der Ueberraschung.

Nein, das kann ich nicht! Die junge Xantippe hatte vielleicht sehr berechtigten Grund, den alten Narren zu meistern; jeder Mann verdient die Frau, die er hat. Von Rechtswegen gehört der alte, verliebte Geck, der vermutlich die kleine Frau mit unbegründeter Eifersucht peinigte, auf den Esel, denn ein richtiger Mann darf sich nicht schlagen lassen; mir könnte das nicht wider­fahren!

Sind Sie dessen so sicher, Herr Doktor-?" fragt Frau Sontheim mit leisem Spott.

Unbedingt! Auch von der schönsten Frauenhand würde ich das nicht dulden!"

Wenn man Sie schlau überlistete?"

Das erkläre ich für ganz unmöglich!"

Gehen Sie darauf eine Wette mit mir ein?" fragt lauernd und mit schelmischem Blick die junge Witwe.

O, mit Vergnügen!"

Nun gut, so wetten wir!"

Um welchen Preis?"

Es ist Ihnen vielleicht bekannt, daß ich zum Vor­stand desVereins für Unterstützung notleidender Ar­beiterinnen" gehöre; wenn Sie sich als besiegt er­klären müssen, dann zahlen Sie in die Vereinskasse hundert Mark."

Wenn ich mich aber nicht überlisten lasse?"

Ei, das ist ausgeschlossen," lacht übermütig die siegesbewußte Frau; aber als Pflaster auf die Wunde dürfen Sie von mir eine Gunst erbitten."

Topp, es gilt!" ruft der Doktor vergnügt, und die Wette wird mit Handschlag besiegelt.

Frau Bernardi nickt jetzt ihrer Freundin heimlich zu, und deutet auf die Thür.

Frau Sontheim versteht diese Zeichensprache; sie blickt auf die Uhr und spricht, scheinbar erschrocken:Wie rasch sich die Zeit verplaudert! O weh, nun komme ich zu spät; es ist ja heute eine wichtige Vorstandssitzung wegen der Gabenverteilung, da darf ich nicht fehlen."

Sie wollen uns schon verlassen?" klagt Wellbach, und blickt sehnsüchtig nach der schöne:: Frau.

Ich muß, Herr Doktor! Leben Sie alle wohl!"

Im Spalt der geöffneten Thür des Nebenzimmers zeigt sich das Schelmenköpfchen Gertruds, die kichernd fragt:Ist Knecht Ruprecht schon dagewesen?"

Nein, noch nicht", spricht Mama;aber kommt nur herein, Kinder, ich habe schon ein ganz unheimliches Poltern gehört."

Ha, ha! ich fürchte mich nicht!" prahlt Hugo keck.

Plötzlich ist ein seltsames Schlürfen und Rascheln im Vorsaal vernehmbar; alle, im Salon Anwesenden machen ein ernstes Gesicht und verhalten sich mäuschenstill. Jetzt werden drei laute, kräftige Schläge gegen die Thür gethan; Trudchen blickt ängstlich nach der Mama, aber Hugo ruft beherzt:Nur immer herein, wer draußen steht!"

Da schiebt sich ein, vom Alter gekrümmtes, häßliches Mütterchen humpelnd über die Schwelle. Um ihre grauen, zerzausten Haare ist ein feuerrotes Tuch geschlungen; das vielfach geflickte Gewand umgürtet ein Strick; tiefe Runzeln' durchfurchen das braune Antlitz mit der spitzen Nase; ein stechender Blick aus rotumränderten Augen mustert forschend die Kinder. Die Alte stützt sich mit der linken Hand auf eine Ofengabel, und trägt in der rechten die Rute; der Rücken ist mit einem groben Sack belastet.

Schlürfend nähert sich das Weib den Kindern, da ruft Trudchen entsetzt:Mama, Mama, eine Hexe!"

Hüstelnd fragt das Mütterchen in drohendem Tonr Wart Ihr stets artig? Könnt Ihr auch recht schön' beten?"

Hugo ist blaß geworden, spricht aber ein Gebet, vhnch zu stocken; auch Gertrud, die mit scheuem Blick die Hexe betrachtet, besteht das Examen gut.

Da greift die Alte in den Sack und sagt:Weil jetzt wieder -die heilige Weihnachtszeit ist, wo die Pfeffer­kuchen auf den Tannenbäumen wachsen" die Kinder tauschen einen ungläubigen Blick,und Ihr, zu meiner Freuoe, fromm und brav seid, sollt Ihr belohnt werden.^