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„Nein, ich begreife und verstehe nichts von dem, was Sie da sagen. Wie hätte sich denn Felieia mit meinem Bruder verloben können, wenn sie doch schon mit Ihnen verheiratet war?"
„So lassen Sie mich im Zusammenhänge erzählen! Vielleicht wird Ihnen dann manches verständlicher werden. Aber Sie müssen sich in Geduld fassen; denn es ist eine lange Geschichte."
Die hoch aufhorcheude Hilde erfuhr nun, unter wie romantischen Umständen Hermann Müller in Denver die Bekanntschaft der Schauspielerin Ellen Howard gemacht hatte, und wie er dazu gekommen war, sie' zum Weibe zu begehren. Auch der Bedingung, an die sie ihr Jawort geknüpft hatte, that der Doktor ausdrücklich Erwähnung, und er fügte hinzu, daß er sein Versprechen, niemals nach ihrer Herkunft zu forschen, getreulich gehalten habe. Bei der Leichtigkeit, mit der in Amerika Ehen geschlossen werden können, hatte das Nichtvorhandensein irgend welcher urkundlichen Ausweise über' ihre Persönliche feit der im Städtchen Ouray im Felsengebirge erfolgten Trauung keinerlei Schwierigkeiten entgegengesetzt, und ein paar Wochen lang hatte es den Anschein gehabt, daß Ellen sich in den. neuen Verhältnissen wohl und glücklich fühle.
„Aber die Täuschung war nur timt kurzer Dauer", fuhr der Erzähler fort. ' „Unsere Ehe war erst wenige Monate alt, als mich eine dringende Angelegenheit.zu einer mehrtägigen Reise nötigte. Als ich zurückkehrte, fand ich meine Frau nicht mehr vor, wohl aber diesen Brief, den Sie getrost lesen mögen, mein liebes Fräulein, da er Ihnen das weitere besser erklären wird, als ich es vermöchte.
Zögernd leistete Hilde der Aufforderung Folge und las: „Mein großmütiger Freund!
Ja, ich bin fort — dieser Brief soll Dir auch den letzten Zweifel davon nehmen — rind ich werde niemals zu Dir zurückkehren. Mir ist, als müßtest Du längst geahnt haben, das; dies das Ende sein würde; denn ich bin wohl nicht felbstverleugnend genug gewesen, meinen Seelenzustand vor Dir zu verheimlichen. Ich bin eben nicht gemacht, in einem Käfig zu leben — mit der gnädig gewährten Erlaubnis, darin von einer Sprosse aus die andere zu hüpfen. Und Du darfst mir nicht entgegenhalten, daß es mein freier Wille war, der mich in diesen Käfig gebracht hat. Damals, als Du um mich ivarbst, war ich schwach und krank. Ich fürchtete mich vor dem Kampf, der mich draußen erwartete und machte mir in meiner Hilflosigkeit eine übertriebene Vorstellung von dem Werte eines sicheren, ruhigen Heims. Man sollte fürivähr einen Menschen, der nicht ganz gesund ist, niemals zu einer folgenschweren Entscheidung über seine ganze Zukunft drängen. Das ist kein Vorwurf, den ich Dir mache; denn Tu hast es gut mit mir gemeint und allezeit ritterlich Dein mir damals gegebenes Versprechen gehalten. Wie unerträglich mir die Enge des Verhältnisses sein würde, in die Du mich brachtest, käunst Tu wohl nicht ahnen.
Ich habe Deine Mutter einmal gefragt, wie sie es ängefcmgen habe, sich ein Menschenalter hindurch in diesen Verhältnissen glücklich zu fühlen. Und sie hat mir geantwortet: „Eine Frau, die ihren Gatten von Herzen liebt, braucht zu ihrem Glücke nichts als die Gemeinschaft mit ihm." Vielleicht ist das wahr; aber wenn es wahr ist, so war der Fehler, den wir mit unserer Verheiratung begingen, nur um so verhängnisvoller. Denn da ich mich in unserer Gemeinschaft seit Monaten sehr unglücklich gefühlt habe, muß meine Zuneigung für Dich wohl die rechte Liebe nicht gewesen sein. Ich weiß nicht, ob es ein Verbrechen ist, das einzugestehen; aber ich denke, in einer Lage gleich der unsrigen giebt es kein schlimmeres Verbrechen als die Lüge. Und dieses wenigstens will nicht ich länger auf dem Gewissen haben.
Wir sind beide jung und haben voraussichtlich noch ein langes Leben vor uns. Sollen wir es um eines einzigen Irrtums willen in endlosem Jammer hinschleppen? Oder sollen wir den befreienden Entschluß hinausschieben, bis der nutzlose Kampf das Beste in uns aufgezehrt und uns stumpf gemacht hat für alle Freuden des Lebens? Es wäre ein Opfer, das niemandem Vorteil brächte — eine selbstquälerische Grausamkeit ohne Zweck und Ziel. Nein, laß üns lieber als vernünftige Leute handeln, die ihren Irrtum nicht nur offen bekennen, sondern auch den Mut k>aben, ibn wieder gut zu machen! Laß uns annehmen, bte Ereignisse dieser letzten Monate hätten sich in unserer Ein
bildung zugetragen — und laß uns ihrer gedenken, wie eines wunderlichen Traumes, dessen Anfang voll poetischer; Romantik und dessen Ende voll kleinlicher Alltags-, unsere war!
Wie ich nichts an Geld oder Geldeswert mit mir ge- uommen habe, so lasse ich hier auch den Namen zurück, den Du mir gegeben. Man soll dort, wohin ich zurückkehre, glauben, daß ich wiederkomme, wie ich gegangen bin. Und ich schwöre Dir, daß der Tag, an dem man dort die Wahrheit erführe, der letzte meines Lebens sein würde. Darum bitte ich Dich! nicht, in eine gerichtliche Scheidung zu willigen, die aller Welt die Geschichte meiner Thorheit! offenbaren müßte, sondern ich flehe Dich an, diese Scheidung, für die wir keines Richterspruches mehr bedürfen, als mit meiner Abreise vollzogen zu betrachten. Wenn wir beide damit einverstanden sind, daß ich mich von heute an nicht mehr Mrs. Hermann Müller, sondern wieder Miß Ellen Howard oder mit einem beliebigen anderen Mädchennamen nenne, wer hat dann noch ein Recht darauf, zu erfahren, daß ich nach dem Buchstaben des Gesetzes noch immer Deine Frau bin?
Ich weiß, daß Du meinem Verbleib nicht nachforschen wirft, nachdem ich Dir gesagt habe, daß ein Erfolg dieser; Nachforschungen mich nimmermehr zu Dir zurückführen, sondern mich wahrscheinlich in den Tod treiben würde. Welche Enttäuschungen anch immer unsere kurze Ehe uns; beiden gebracht haben mag — mein Vertrauen in Deine. Hochherzigkeit und Großmut hat mich doch nie betrogen.
So mag denn mein letztes Wort ein Wort des Dankes! sein für alles Freundliche, das ich von Dir erfahren, und eine Bitte um Verzeihung für jedes Herzeleid, das ich Dir bereitet habe.
Und nun lebe wohl, mein Freund, lebe wohl auf immer.; Ellen.".
„Mein Gott, was für ein Brief!" sagte Hilde, nachdem sie zu Ende gekommen war, leise. „Das alles scheint mir so unfaßlich, und doch; ist mir's bei jedem Wort, als obs ich Felicia sprechen hörte."
„Ja. Als sie diesen seltsamen Abschiedsbrief zu Papier brachte, war sie jedenfalls nicht bemüht, sich zu ver- stellen. . Und weil ich mich in der That nicht freisprechen! konnte von dem Vorwurfe, bei meiner Werbung sehr über- eilt gehandelt zu haben, hielt ich es nun für meine Pflicht, sie ungehindert in die Freiheit zurückkehren zu lassen, nach der sie ein so sehnsüchtiges Verlangen trug."
„Sie haben also gar nichts gethan, sie zurückzuführ,en — haben nicht einmal den Versuch gemacht, ihren Aufenthaltsort zu erfahren?"
„Nein; denn ich war überzeugt, daß sie eines Tages, wieder von sich hören lassen würde, wäre es auch nur,; um sich mit meiner Hilfe der drückenden Fessel zu entledigen, die ihr früher oder später unerträglich werden; müßte. Was sie da in ihrem Briefe von der Wiederannahme eines beliebigen Mädchennamens sagte, konnte ich ja unmöglich so verstehen, wie sie es in Wahrheit gemeint zu haben scheint. Daß sie jemals an eine Wiederverheiratung ohne voraufgegangene Scheidung denken könnte, kam mir nicht einen Augenblick in den Sinn. Und selbst als mir in jener Nacht das Bild der entflohenen Braut die Züge meines verschwundenen Weibes zeigte, wollte ich lieber an eine bloße Aehnlichkeit, an ein wunderbares! Spiel des Zufalls glauben, als daran, daß Ellen sich verbrecherisch gegen göttliche und menschliche Satzungen vergangen habe. Aber es würde geradezu Wahnwitz sein, auch jetzt noch, daran zu zweifeln. Der traurige Zusammenhang; der Dinge liegt denn doch gar zu klar vor unseren Augen da.; Ellen muß Gelegenheit gehabt haben, mich bei meinem! Erscheinen in Ihrem Elternhause zu sehen, noch ehe ich ihrer ansichtig geworden war, und in ihrer Bestürzung, als sie mich erkannte, fand sie dann keinen anderen rettenden Ausweg als den einer im Grunde äußerst thörichten Flucht! Das andere aber, das, was sich vorgestern abend zugetragen,, bleibt auch mir noch völlig unsaßlich. Die. Liebe zu Ihrem Bruder und die verzweifelte Angst- ihn zu verlieren, muß den Verstand des unglücklichen Weibes verwirrt und ihr in; einem Augenblick gänzlicher Unzurechnungsfähigkeit die Mordwaffe in die Hand gedrückt haben."
„Ja, so muß es sein — sie kann nicht Herrin gewesen sein über ihre Sinne. Nun aber, v mein Gott, was soll! nun geschehen?"
„Wenn Sie dem Untersuchungsrichter Mitteilung machen


