SamslsA den 21» Dezember.
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1901. — Nr. 183.
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Awei Augen, deren Blick uns verdammt, Die üben gewaltiges Nichteramt;
Doch zwei, die nun geschlossen der Tod,
Die einer weinen machte in Not,
Die lassen ihn nimmer ans Erden ruh'n, Wie tief ihr sie mögt in die Erde thun.
Alter Spruch.
(Nachdruck verboten.)
Gesprengte Fesseln.
Roman voit R e i n h o l d O r t m a n n.
(Fortsetzung.)
„Und Sie selbst, Herr Doktor — haben Sie gar teilten Verdacht?"
„Keinen, der stark genug wäre, daß ich ihm Worte geben dürfte, Fräulein Hilde!"
„Wird es Sie nicht zu sehr anstrengen, wenn ich Ihnen etlvas erzähle, das vielleicht zur Entdeckung des wirklichen Thäters führen kann!"
„Sie sehen, daß mein Befinden ein ausgezeichnetes ist. Sprechen Sie getrost mit mir wie mit einem ganz Gesunden."
„Mrn denn — man hat in der Nähe des Thatortes einen Mantel gefunden, den der Mörder dort verloren oder von sich geworfen haben soll, und den mein Bruder als den seiuigen anerkannt hat. Auf diesen Mantel stützt sich der ganze Verdacht. Vor einer Stunde aber ist eine Person zu mir gekommen, die bereit ist, zu beschwören, daß sie diesen nämlichen Mantel auf den Schultern des Fräulein Felicia Nubarth gesehen, als dieselbe an ihrem Polterabend heimlich aus meinem Elternhause entwich, — Aber was ist Ihnen, Herr Doktor? Habe ich Sie nun doch aufgeregt oder erschreckt?"
Sie fragte es ängstlich, da sie sah, daß Hermann Müller seine Hand über die Augen legte, und da sie wahrzunehmen glaubte, daß sich seine Brust in einem schweren Atemzuge hob. Aber er schüttelte beruhigend den Kopf, und sagte nach einem kurzen Schweigen:
„Warum hat die Person, von der Sie sprechen, eine so wichtige Mitteilung nur Ihnen und nicht dem Untersuchungsrichter gemacht?"
„Weil sie der Meinung ist, daß mein Bruder, wenn er es gewollt hätte, sehr wohl hätte Auskunft darüber geben können, wie der Mantel an jene Stelle kam. Sie deutete sein Schweigen dahin, daß er lieber eine Zeit lang den schrecklichen Verdacht auf sich nehmen, als ein Wesen preis geb en wollte, das ihm über alles tener ist. Und weil sie sich nicht berechtigt glaubte, seine Absichten zu vereiteln.
gab sic es mir anheim, ob ich von ihrer Mitteilung Ge- brauch machen wolle oder nicht."
„Seltsam, sehr — seltsam! Und Sie, Fräulein Hilde —i was wollen Sie thun?"
„Ich bin hierher gekommen, Herr Doktor, um es von Ihnen zu erfahren. Denn Sie wissen von Felicia Rubarth viel mehr, als wir alle, das ist meine feste Ueberzeugung. Und Sie werden mir jetzt sagen, was Sie von ihr wissen — nicht wahr?"
„Und von dem, was ich Ihnen sage, wollen Sie dann Ihr Schicksal abhängig machen?"
„Ja — das heißt, Sie sollen mir raten, was ich thun oder lassen soll." m
Wieder war in ihren Worten jener rührende Ausdruck kindlichen Vertrauens, der ihn schon einmal so tief ergriffen hatte. Er sah ihr in die schönen, unschuldigen Augen; dann neigte er, wie zustimmend, den Kopf..
" „Ich kann leider nicht aufsteheu, Fräulein Hilde — darum muß ich Sie ein wenig bemühen. Oefsnen Sie, bitte, jenes Fach dort in meinem Schreibtische, — der Schlüssel steckt im Schlosse — und reichen Sie mir das obenauf liegende Bündel von Papieren. So — ich danke Ihnen! Und nun werfen Sie einen Blick auf diesen Brief. Ist Ihnen die Handschrift vielleicht bekannt?"
„Gewiß!" erklärte Hilde ohne Zögern. „Es ist Felicias Hand."
„Sie sind sicher, sich darin nicht zu irren?"
„Ganz sicher — eine Schrift, wie diese, muß man ja unter hundert anderen sofort erkennen."
„Und noch eine Frage! Die Braut Ihres Bruders hat mit Ihnen unter dem nämlichen Dache gelebt--
haben Sie au ihr jemals etwas wahrgenommen, was Sie vielleicht vor. den Blicken anderer zu verbergen bemüht war, eine Narbe oder etwas derartiges?"
„Ja, Felicia hatte eine Schnittnarbe am linken Unterarm, die ~ sie nicht gerne sehen ließ. Sie hatte sich die Verletzung, von der sie herstammte, vor Jahren durch den Fall in eine Glasscheibe zugezogen."
„Nun, so ist wohl kein Zweifel mehr — und da es sich um Ehre und Freiheit Ihres Bruders handelt, bin ich Ihnen die volle Wahrheit schuldig. — Ja, die Frau, deren Portrait ich auf dem Schreibtische Ihres Vaters sah, war mir keine Fremde mehr. Unter dem Namen Felicia Rubarth allerdings habe ich sie nie gekannt, wohl aber unter dem Namen Ellen Howard und später unter dem, den sie nach dem Gesetze tragen mußte, als sie meine Frau geworden war."
Hilde fuhr zurück, und ihr Gesichtchen war plötzlich wie mit Blut übergossen.
„Felicia war Ihre — Frau?"
„Sie war es nicht nur, sondern sie ist es noch heute. Und das erklärt Ihnen nun erst alles — ihre abenteuerliche Flucht und diesen schlecht gezielten Schuß aus dem nächsten Hinterhalte."
Aber das junge Mädchen schüttelte den Kopf.,


