Ausgabe 
21.12.1901
 
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Gertrud mußte ihr Schürzcheu aushalten, das sich mit Lebkuchen, Marzipan, Aepfeln und Nüssen füllt.

Jetzt befragt die Hexe den zunächst stehende» Doktor Wellbach mit tiefer Altstimme:Nun, Du großes Kind, hast wohl das Beten schon verlernt? Gleich sage das Vaterunser!"

Der Arzt gehorcht, aber nach den ersten vier Bitten verläßt ihn das Gedächtnis.

Das Mütterchen spricht tadelnd:O, wie unwissend bist Du! Das verdient Strafe!"

Bevor der verblüffte Doktor es hindern kann, hat er schon einige derbe Streiche mit der Rute bekommen, und duckt sich erschrocken; die Szene ist so komisch, daß sie allgemeine Heiterkeit erweckt..

Dann richtet sich die Alte hoch auf, schaut beut er­staunten Arzt triumphierend in die Augen, und flüstert mit unverstellter Stimme:Ich habe die Wette gewonnen!"

Hierauf humpelt Frau Perchta mit gebeugtem Rücken, hustend und schlürfend, aus dem Zimmer.

Schon am nächsten Mittag fährt Doktor Wellbach in feinem eleganten Gefährt vor Sie Villa Sontheim; ein Diener öffnet die Thüreir des Salons, wo ihn die junge Witwe mit freundlichen Worten begrüßt, imb entschuldigend sagt:Ich bat meine Gesellschafterin, für die Weihnachts­bescherung der armen Kinder Einkättfe zu machen, und aus diesen: Grunde empfange ich Sie allein."

Ter Arzt überreichte einen kostbaren Blumenstrauß, aus dessen Mitte ein nagelneuer Hundertmarkschein her­vorlugt. Frau Sontheim nimmt die Blumen hocherfreut entgegen, und spricht lobend:Wie brav non Ihnen, daß Sie dem Grundsatz huldigen: ,Wer rasch gießt, der gießt doppelt"; ich danke Ihnen herzlich im Namen der Notleidenden."

Aber vor Ihnen muß- matt sich hüten, schöne Fran!" sagt Wellbach scherzend.

Bin ich wirklich so gefährlich?"

,,O, gewiß, Sie sind eine reizende Hexe und Zauberin! Damit aber Frau Perchta nicht noch mehr Unheil an- richten kamt, soll sie mir die versprochene Gunst ge­währen."

Das ist Ihr gutes Recht", lautet die Antwort, die von einem ermutigenden Blick begleitet ist.

Nun, dann erbitte ich als mein Eigentum die liebe Hand, die mich geschlagen hat, nnb mit ihr die Besitzerin dieser entzückenden Hand."

Ach, die gehört Ihnen ja schon längst, mein thörichter, zaghafter und geliebter Freund", flüstert er­glühend die fnnge Witwe, und sinkt an feine Brust.

Vom echten Kölner Wasser.

Unter den zahllosen wohlriechenden Essenzen, wie sie uantetttlich die moderne Destiliierkunst herzustellen weiß, hat bekanntlich nicht eine anch nur annähernd die Ver­breitung und ben Weltruf zu erringen vermocht, deren sich das Kölnische Wasser seit nunmehr nahezu 200 Jahren erfreut. Und Sas mit vollem Recht; denn bis jetzt hat jene Kunst trotz aller Fortschritte der Wissenschaft es nicht verstanden, zum zweiten Male eine. Mischung von Pflanzenextrakten denn sie bilden neben rnöglichst reinem Weingeist das Wesen des Eau de Cologne zu er­sinnen, die gleich dieser stets angenehm, stets erfrischend und belebend auf die Sinne wirkt, mag man sie noch so oft, und in noch so verschwenderischer Fülle anwendeu, die weiter, was ein Hauptvorzug, nicht blos dem Ge­sunden einen der feinsten aromatischen Genüsse bereitet, sondern auch für den S ch w e r k r a n t e n wie für den Genesenden ein geradezu unersetzbares Er­frisch un g s mitt el bietet, die mit einem Wort allen einfachen und zusammengesetzten Wohlgerüchen erfolgreich den ersten Rang streitig macht. Der Erfinder ist Paul de Femiuis aus einem bei Mailand gelegenen Dörfchen. Es wird allseitig zugegeben, daß Johann Paul de Femiuis der Erfinder des Kölner Wassers ist, der die Fabrikation desselben als Geheimnis der Familie Farina mitgeteilt hat. Ferner ist bestätigt, daß dieses Geheimnis im unbestrittenen Besitze der Firma Jo- hann Anton Farina zur Stadt Mailand in Köln ist. Diese alte Farina-FirmaZur Stadt Mailand"

Redaktion: E.

vererbte sich 1849 durch die Familie Leven an die Familie Neumann, in deren Besitze dieselbe heute noch ist unter der Firma: Joseph Anton Neumann zur Stadt Mailand. _______

Heimatkläuge aus deutschen Gauen.

Für jung und alt ausgewählt von Os,kar Dähnhardt. Mit Buchschmuck von Robert Engels. 2. Band: Aus Rebenflur uud Waldesgrund. Mitteldeutsche Ge«: dichte und Erzählungen. (XX und 185 S.) Groß Oktav. 1901. In Leinwand geb. 2.60 Mk. Verlag von G. B. Teubner in Leipzig.

Mit dem vorliegenden Band der Heiinatklänge ist das Werk abgeschlossen. Der 2. Band darf derselben freudige»! Aufnahme gewiß sein, die der erste und dritte von alleni Seiten gefunden haben, und er ivird mit den anderen beiden: zusammen eine hochwillkommene Weihnachtsgabe sein, zumal dem Humor auch in ihm ein wohlverdienter Platz eingeräumt ist. Die Aufgabe, die sich der Herausgeber mit dem Ganzen gestellt hat, hat er in bester Weise gelöst: das Werk ist eine treffliche Charakteristik der deutschen Volksstämme ge­worden, in der die wundervolle Mannigfaltigkeit des Ge­müts- und Geisteslebens der einzelnen Gaue zu ihrem vollen Rechte kommt. Wenn man die Gedichte und Erzählungen unbefangen ans sich wirken läßt, dann fühlt man mit bei» Herausgeber, Saß bie Saiten ber Seele anders erklingen, wo bas Meer an bas Gestabe rauscht, anders, ioo der Berg- wind mit den Waldbäumen Zwiesprache hält, anders, wo der brauseirde Föhn über bie Schneebecke fährt. Und doch ivird man zugleich der Einheit und ber Eigenart bes deutsche» Volkstums und deutschen Wesens sich voll bewußt. Ei» Grundzug geht überall durch, es ist der Reichtum des Ge- nrütes, das Kraft und Tiefe, Zartheit und Innerlichkeit in sich vereinigt, uud worin die besten Tugenden, ivie Familien- u::d Heimmatsinn, Naturfreude, Anhänglichkeit an Recht und Sitte der Väter wurzeln. So ist das Buch wie wenige berufen, ein echtes Hausbuch zu werden, vor allem kann es seinen Teil dazu beitragen, in unserer Jugend lebendiges Ge­fühl nnb tiefes Verständnis für deutsche Art und deutsches Volkstum zu wecken und zu pflegen. _________

Vermischtes.

Allerlieb st eWeihnachtsbilder werden von der Liebigs Fleisch-Extrakt-Kompagnie ihrer Knubschaft über­reicht, wie schoi: oft zu diesem Feste geschehe» Die iteitet Serie der bunten Farbendruckkärtchen, die von so vielen Sammlern begehrt werden, bietet eine Geschichte des Weih­nachtsbaumes. Das Pflanzen, das Fällen, das Verkaufe» auf dem Markt, das Aufputzen durch die Eltern, bie strahleube Pracht am heiligen Abend unS endlich die Plün­derung werden anschaulich dargestellt. Die Kochrezepte auf der Rückseite werden der Hausfrau willkommen fein; möge auch auf ihrem Weihnachtstisch ein Töpfchen Liebig nicht fehlen, das man gerade zu Siefen festlichen Tagen so gut verwenden kann, und das sich überhaupt zu praktisch-nütz­liche» Weihnachtsgaben ganz besonders eignet.

Bilverrülsel.

(Auflösung in nächster Nummer.)

Auflösung des Rösselsprungs in vor. Nr.: Bleibt dir auch ein Ziel versagt, Nur nicht gleich deshalb verzagt! Mutig weiter vorgedrungen! Had're nicht mit dem Geschick! Nicht in dem, was du errungen. Nur im Ringen liegt das Glück! (Schuppli.)

Burkhardt. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schm llniversitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.