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„Wenn %'/ das möglich scheint, Vater, mußt Du für- wahr eme seltsame Vorstellung von den Gefühlen eines schmählich betrogenen Mannes haben. Wer lassen wir das — denn nicht über meine Empfindungen wollte ich mit Dir sprechen. Du sagst, daß Du keinen Zwang auf Margarete ausgeübt hast, und ich muß es selbstverständlich glauben. Aber ihre Handlungsweise wird mir dadurch nur noch rätselhafter, und solange ich mir die Erklärung auf andere Weise nicht verschaffen kann, muß ich wohl versuchen, sie von ihr selbst zu erlangen."
(Fortsetzung folgt.)
Die Altersversorgung
für alleinstehende und erwerbende gebildete Frauen und Männer in ihren verschiedenen Formen und Einrichtungen.
Von Henriette Goldschmidt, Berlin.
' (Nachdruck verboten.)
In einem populären Aufsatze, betitelt: „Frauenüberschuß in Deutschland von dem bekannten Ethiker und Pädagogen I. Tews in Berlin", las ich jüngst die statistisch erwiesene Aufstellung, daß schon im Jahre 1890 von den 966 806 Frauen, welche mehr als Männer in Deutschland vorhanden waren 214 426 — 50 bis 60 Jahre, 214 085 — 60 bis 70 Jahre, und 137 889 über 70 Jahre alt befunden worden sind. Der Verfasser sagt hierauf, daß, wenn schon vor mehr als einem Jahrzehnt 566 400, also viel mehr als eine halbe Million über 50 Jahre alte unter den überschüssigen Frauen 'vorhanden gewesen seien, der heutige Prozentsatz dieser Altersklassen sicher ein noch bedeutend höherer sein müsse.
Er sagt ferner, daß es bei dem daraus sich ergebenden Altersversorgungsproblem, zu dessen vollständiger Beleuchtung man noch die Witwen und die durch bie Zahl der unverheirateten Männer sich ergebende Mehrheit der unversorgten Frauen hinzurechnen müsse — es nicht allein mit der Eröffnung neuer Erwerbszweige gethan sei, sondern daß man in erster Linie bestrebt sein müsse, Fürsorge zu treffen für Witwenpensionen, Rentenversicherung oder für sichere, unantastbare, von keinem Kursverluste bedrohte Kapitalansammlung für Alter und Krankheit."
Wer nun nicht allein mit Zahlen zu rechnen versteht, sondern wer Gelegenheit hat, hineinzublicken in die Zustände und Verhältnisse, welche der den Frauen aufgezwungene Kamps um Arbeit und Existenz hervorruft, wer erfährt, wie der, wenn auch zähe, doch oft schwache Organismus derselben sich dabei frühzeitig aufreibt; wer ferner die Rücksichtslosigkeit kennt, mit der ältere Arbeitskräfte einfach abgelehnt und durch jüngere Elemente beiseite geschoben, ihre Existenz verlieren, ehe sie es erwarten, der kann all das Elend ermessen, welches vorhanden ist. Aus Ehrgefühl wird es ost genug verborgen, aber der teilnehmenden Frau, der man vertraut, muß es sich desto deutlicher offenbaren. .
Heute, wo alles gethan wird, nm durch dre Hygiene, die fortgeschrittene ärztliche Kunst und die verbesserte Lebenshaltung Tausende von Manschen am Leben zu erhalten, die früher vielleicht eher zu Grunde gegangen sind, ist die Langlebigkeit im allgemeinen, besonders aber bei den Frauen, noch erhöht worden. Es ist deshalb doppelt unverantwortlich, zu sagen: „In der Jugend denke ich nicht daran, Fürsorge für mein Alter zu treffen; später kann ich das immer noch, und wer lveiß, ob ich alt werde!" Dieses ist durchaus falsch; denn nur, wer es in der Zeit der Arbeitstüchtigkeit so früh als möglich gethan hat, hat wohlgethan. , c. , m ,
Alle Einrichtungen, welche man tit dreier Bezrehung getroffen hat, sind eben darauf berechuet, daß lange Jahre gezahlt werden soll, wenn es billig, wenn es erjchwrugtrch sein soll. ~ ,
Gewiß giebt es Fälle, wo aua) rn spateren Jahren noch eine Altersversorgung leicht zu erreichen rst, aber dieses ist nur dann der Fall, wenn man große Einnahmen! hat, oder ein kleines Kapital besitzt, welches man dafür anleqen kann. Hierzu sind aber die wenigsten Frauen in der Lage; denn sehr oft ist ihr Erspartes entweder durch schlechte Berater, oder durch gutwillige Gefälligkeits- dienste und durch Kursverluste vermindert, oder selbst auf- qezehrt, ehe es zu obiger Verwendung gelangt.
Es sollte deshalb allgemein zur Regel werden, daß
rat erwünscht gewesen wäre; aber gewisse Wendungen ließen immerhin eine derartige Deutung zu, und die Fassung des Ganzen war augenscheinlich darauf berechnet, dem Empfänger jeden Zweifel an dem Ernst ihres Entschlusses und jede Hoffnung auf eine Sinnesänderung zu nehmen.
„Nun?" fragte Herbert, da ihm sein Vater das Blatt schweigend zurückgab. „Was sagst Du zu diesem Briefe?"
„Er enthält nichts, was mich überraschten könnte, mein Sohn."
„Sie hat Dir also das Nämliche gesagt? Sie hat sich nicht gescheut, auszusprechen, daß ihre vermeintliche Liebe nur eine Lüge gewesen ist?"
„Das Wort ist vielleicht zu hart, Herbert! Man könnte ebensowohl sagen, ihre Wahrheitsliebe hat sie zu dieser Erklärung gedrängt."
„Ah, das sind Spitzfindigkeiten", brauste er in leidenschaftlicher Heftigkeit aus. „Wenn dieser Brief wirklich aus ihrer freien Entschließung hervorgegangen ist, und wenn nicht irgend eine Teufelei dahinter steckt, . die ich freilich nur ahnen, nicht begreifen kann, so hat sie mich seit Monaten schändlich hintergangen und belogen. Aber ich glaube noch nicht daran — ich will nichi daran glauben, so lange ich nicht aus ihrem eigenen Munde die Bestätigung erhalten habe."
„Du beharrst also darauf, sie zu sprechen — trotz dieser so unzweideutigen Erklärung und trotz der zweimaligen Abweisung, die Du heute abend erfahren hast?"
„O, Du branchst nicht zn fürchten, Vater, daß ich mich ihr zu Füßeu werfen und demütig um das Gnadengeschenk ihrer Liebe betteln werde! Kann sie mir ins Gesicht hinein wiederholen, daß ihre vermeintliche Zuneigung nur ein Selbstbetrug gewesen ist, so ist für immer jegliches Band zwischen ihr und mir zerrissen. Wer ich muß es von ihren Lippen hören — muß mich durch sie selbst von der Grundlosigkeit dieses schrecklichen Argwohns überzeugen lassen, daß man sie zu etwas gezwungen hat, wovon ihr Herz nichts wußte."
„Was für eine abenteuerliche Vermutung ist das, Herbert? Wer in aller Welt sollte sie denn gezwungen haben? Etwa ihr Vater, der durch eine Verbindung mit unserem Hause nur hätte gewinnen können? Oder dachtest Du vielleicht gar an mich?"
Mit finster gefurchter Stirn blickte der Assessor vor sich nieder. .
„Vergieb mir, Vater," sagte er nach einem Keinen Schweigen, „aber ich will Dich nicht belügen. Ja, ich habe an die Möglichkeit gedacht, daß Du sie dazu bestimmt haben könntest."
In gut gespieltem Unwillen fuhr der Kämmerer auf.
„Ah, das ist stark. Und ich würde diese Unterhaltung auf der Stelle abbrecheu, wenn ich das beleidigeude Wort nicht Deiner erklärlichen Aufregung zu gute hielte. Glaubst Du, ich hätte solcher Mittel bedurft, um meinen Willen durchzusetzen, wenn ich diese Heirat durchaus hätte verhindern wollen? Und bist Du naiv genug, anzunehmen, daß sie sich von mir zu einem derartigen Schritt hätte zwingen lassen?"
„Ach, ich weiß ja nicht mehr, was ich glauben und was ich bezweifeln soll. Mein Kopf ist ganz wirr von all' dem Grübeln, und ich stehe vor einem Rätsel, das mein „armer Verstand nicht zu lösen vermag. Ja, wenn ich während der letzten Wochen oder auch nur während der letzten Tage eine Veränderung in ihrem Benehmen gegen mich bemerkt hätte! Wenn jemals ein Blick oder ein Wort mir das Erkalten ihrer Liebe verraten hätte! Aber sie war noch gestern von so inniger, hingebender Zärtlichkeit — sie sah noch an einem der letzten Abende mit so glückselig leuchtenden Augen zu mir auf, als ich von meiner Absicht spracht, den Termin unserer Hochzeit zu beschleunigen! Wo giebt es noch Treue und Wahrhaftigkeit in, der Welt, wenn dies alles nur eine elende ° Komödie gewesen wäre!"
„Ich könnte Dir darauf antworten, daß alle Weiber, auch die besten nnd liebenswürdigsten, geborene Schauspielerinnen sind. Wer ich meine, daß Du in Deiner blinden Verliebtheit ebensowenig ein unbefangener Beobachter warst, als Du jetzt ein unbefangener Richter bist. Das arme Mädchen war ooch schließlich gezwungen. Dir den wahren Zustand ihres Herzens so gut als möglich zu verbergen, solange sie noch nicht zu einem festen, befreienden Entschluß gelangt war. Der Kampf mag hart genug für sie gewesen sein, und bei ruhigerem Blute wirst auch Du vielleicht dahin gelangen, sie mehr zu bemitleiden, als zu verdammen."'


