Ausgabe 
21.11.1901
 
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gewesen, Herr Stadtrat und Sie haben ihr alles gesagt, nicht wahr?"

Sie bestand darauf, die Ursache Ihrer Aufregung zu erfahren, und da sie ein sehr vernünftiges Mädchen ist, schien es mir am besten, ihr nichts zu verschweigen."

Sie nennen sie ein vernünftiges Mädchen" und die heißen Thränen rannen dabei unaufhaltsam über die eingefallenen Wangen des Sprechendenund in Ihren Augen mag sie ja auch Wohl nichts weiter sein als das. Für mich aber ist sie ein Engel des Trostes und der Gnade eine himmlische Lichtgestalt o, wenn Sie ungesehen hätten zugegen sein können, als sie zurückkam wie sie mich erst mit ihren beiden Armen umfaßte und ihr Gesicht an meine Wange legte, ohne etwas anderes zu sprechen als Mein lieber, lieber Vater!" und wie sie mir dann! ins Ohr flüsterte, daß sie mich niemals verlassen, daß sie alles mit mir tragen wolle wie sie"

Seine Stimme brach, und seine Worte verloren sich in ein unartikuliertes Schluchzen. Ludwig Ignatius aber be­nutzte diese Gelegenheit, um dem für ihn sehr unbehaglichen Gefühlserguß ein Ende zu machen.

Sie sehen also, daß ich recht daran that, Ihre Tochter über die Sachlage aufzuklären. Sorgen Sie nur, daß sie reinen Mund hält. Und nun kehren Sie in Ihr Bureau zurück. Sie können ja vielleicht heute abend eine Stunde früher nach Hause gehen. Morgen aber müssen Sie wieder auf Ihrem Posten sein. Man darf sich nicht zum Sklaven seines Körpers machen, und mit einiger Energie läßt sich da viel ansrichteu."

Er winkte entlassend und klingelte nach dem Diener, um Lindemann an weiteren unbequemen Vertraulichkeiten zu hindern. Eine Viertelstunde später fuhr er nach dem Polizeipräsidium, und nach einer langen Unterredung mit dem Kriminälkommisfarius, der die polizeilichen Ermittel­ungen in Sachen des flüchtigen Jrmisch bewirkte, kehrte er in seine Wohnung zurück. Er hatte den Eindruck gewonnen, daß auch von dieser Seite her eine unmittelbare Gefahr nicht zu fürchten sei, und sein sanguinisches Temperament ließ ihn die Dinge jetzt bereits viel hoffnungsvoller ansehen, als vor einigen Stunden.

Vollkommen unbefangen begrüßte er seinen Sohn, und in seinem rosigen Antlitze zuckte keine Muskel, als er ihm bei Durchsicht der soeben eingegangenen Postsachen einen Brief von zierlichem Format überreichte.

Das ist für Dich, Herbert vielleicht von Deiner Brant."

Allerdings es ist Margaretens Handschrift", sagte der Assessor einigermaßen überrascht.Was mag sie mir nur zu schreiben haben?"

Er trat unter den Kronleuchter und löste den Umschlag. Hilde, die bis dahin im Zimmer gewesen war, wurde von ihrer Mutter eben jetzt in das Nebengemach gerufen, und der Kümmerer vertiefte sich sehr angelegentlich in die Lek­türe einer Zeitung. Aber er begriff nicht das Mindeste von dem, was er las; denn mit gespannter Aufmerksamkeit lauschte er auf die erste Aeußerung Herberts, die ihm ver- raten sollte, wie er den Absagebrief seiner Verlobten auf­nahm. Es dünkte ihn fast unbegreiflich, daß auch nach; Verlauf von Minuten noch kein Ausruf der Ueberraschung, des Schreckens oder des Zornes hinter ihm laut wurde, daß er noch immer nichts anderes vernahm als das leise Knistern des Papiers, wenn der Assessor den Briefbogen wandte, nm mit Sein Lesen der vier eng beschriebenen Seiten, deren Inhalt er doch nun fürwahr bereits hin­länglich kennen mußte, von neuem zu beginnen. Fast litt es den Horchenden vor ungeduldiger Spannung nicht mehr in feinem Stuhl, und die gedruckten Buchstaben begannen einen tollen Wirbeltanz vor seinen Augen aufzuführen. Da endlich klang etwas wie ein schwerer Atemzug an sein Ohr und unmittelbar darauf das Geräusch eines sich hastig entfernenden Schrittes.

Mas gtebt's denn, Herbert? Willst Du noch vor dem Abendessen ans geh en?

Ja. Und ich bitte Erich, nicht auf mich zu warten; denn ich komme wahrscheinlich erst sehr spät nach Haus."

Damit fiel die Thür hinter ihm zu, und der Kämmerer hatte nicht den Mut, beit Enteilenden durch eine weitere Frage auf§u§alten.

Er geht also doch zu ihr!" dachte er mit einer Empfin­dung lebhaften Unbehagens.Nun wird es sich entscheiden. Wenn ich nur wüßte, was sie ihm geschrieben hat! Sie schien

ja vollkommen gefügig; aber der Teufel traue einem ver- liebten Frauenzimmer."--

Da auch Felicia heute in dem Familienkreise fehlte, gab es ein sehr stilles Abendessen. Denn der Hausherr war sichtlich übelgelaunt, und die Stadträtin, die in seiner Gegenwart ohnedies immer wie ein scheues und verängstigtes! Vögelchen dasaß, schien die Gabe der Sprache jedesmal ganz und gar zu verlieren, sobald sie auch nur das kleinste Wölkchen auf der Stirn ihres Gebieters gewahrte.

Hilde hatte zwar die Absicht gehabt, einige auf den Doktor Müller bezügliche Fragen an ihren Vater zu richten; aber in dieser schwülen Atmosphäre entsank ihr der Mut dazu, und sie war herzlich froh, als der Stadtrat mit einem kurzenGesegnete Mahlzeit!" seine Serviette auf den Tisch legte, um gleich darauf das Speisezimmer zu verlassen. Sie hatte sich schon in ihr Schlafstübchen zurückgezogen, als sie Herbert heimkehren hörte. Er wechselte auf dem Gange einige Worte mit dem Hausmädchen, das ihm geöffnet hatte, und Hilde wunderte sich über den sonderbar veränderten^ rauhen Klang seiner sonst so freundlichen und wohltönenden Stimme. Aber sie verstand nicht, was er sagte, und gleich darauf wurde es still.

Auch der Kämmerer hatte in seinem Arbeitszimmer! den Heimkehrenden gehört, und er kämpfte mit der Ver­suchung, hinaus zu gehen, damit er seinem Sohne scheinbar zufällig in den Weg treten und auf solche Art der quälenden Ungewißheit ein Ende machen könne, unter der er nun schon seit Stunden litt. Aber er durfte sich den Vorwand sparen; denn durch das Vorzimmer kam ein schwerer Schritt, und gleich darauf stand Herbert in der Thür,.

Guten Abend, Vater! Hast Du ein paar Minuten für mich übrig?"

Schon der Ausdruck, mit dem er das sagte, verriet dem Stadtrat, daß sein Sohn sich in düsterster Stimmung befand, und er war geneigt, das für ein gutes Zeichen zu nehmen. Er bejahte freundlich und wandte dem Assessor sein Gesicht mit jenem Ausdruck erwartungsvollen Wohl­wollens zu, das er feinen Zügen besonders bann zu geben pflegte, wenn er von vornherein entschlossen war, einen Bittsteller abschlägig zu bescheiden. Es brachte ihn auch nicht aus der Fassung, als Herbert in raschen, hastig hervor- gefloßenen Worten fortfuhr:

Man sagt mir, daß Margarete heute bei Dir gewesen sei. Was hat Dich veranlaßt, es mir zu verschweigen?"

Solltest Du Dir diese Frage nicht selbst beantworten können, mein Sohn? In die Angelegenheiten eines Liebespaares soll man sich nicht eimnischen. Und ich durfte ja auch annehmen, daß Du von ihr selbst erfahren würdest, was ich Dir hätte sagen können."

Also sie war wirklich gekommen, um Deine Vermittel­ung für eine Auflösung des Verlöbnisses in Anspruch zu nehmen? Dann muß es ihr allerdings bitter ernst damit gewesen sein. Und ihre Gründe?"

Ja, hat Margarete sie Dir denn nicht geschrieben? Und hast Du sie nicht soeben selbst gesprochen?"

Nein. Ich habe zweimal den Versuch gemacht he zu sehen; aber ich wurde jedesmal von der Auswärterm abgewiesen, weil Margarete ihren angeblich kranken Vater! nicht verlassen könne und weil ihm jede Aufregung fernst gehalten werden müsse. Es war natürlich nur ein arm­seliger Vorwand, aber ich konnte doch nicht mit Gewalt bei ihr einbringen. Und geschrieben ja, geschrieben hat fte mir allerdings. Da" und er warf den zerknitterten Brief auf ben Tischnachdem sie Dir allem Anschein nach früher gebeichtet hat als mir, habe ich keinen Grund, Dir dies unbegreifliche Schreiben vorzuenthalten."

Das war es, was der Stadtrat gewünscht hatte. Er las, und dieselbe leichte Empfindung des Mitleids, M er heute mittag bei dem Anblick Margaretens verspürt hatte, regte sich auch jetzt wieder in feinem Herzen, als er fach wie ernst sie es mit der Erfüllung ihres Versprechens ge=i nommen. Nein, dieser Brief war wirklich kein Schern-, mancher, wie er es gefürchtet hatte. Mit keinem Wort deutete sie den wahren Beweggrund ihrer Absage an, unbi nirgends ließ sie burchblicken, baß es ein fremoer Wille fei, ber ihr die Feder führe. Sie habe sich, doch wohl rrt der Natur ihrer Empfindungen getäuscht, schrieb sie, und sei nach ernster Selbstprüfung zu dem Schluß gekommen, daß sie ihr Schicksal nicht mit dem des Assessors vereinen burfe. Daß ihr Herz sich einem anberen zugewendet habe, sprach! sie zwar nicht mit jener Deutlichkeit aus, bie bem Stadt-