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3 tonn die Ehre dieser Welt Dir feine Ehre geben;
Was dich in Wahrheit hebt nnd hält, Mich in dir selber leben.
Wcnn's deinem Innersten gebricht
An echten Stolzes Stühe,
Ob dann die Welt dir Beisall spricht, Ist all dir wenig nütze.
Das flncht'gc Lob, des Tages Nnhml
Magst dn dem Eitlen gönnen;
Das aber sei dein Heiligtum:
Vor dir bestehen können. Theodor Fontane.
(Nachdruck verboten.)
Gesprengte Fesseln.
Roman von Reinhold Ortmann.
(Fortsetzung.)
Neuntes Kapitel.
„Noster!"
„Herr Stadtrat!"
„Gehen Sie hinüber in das Bureau dev.Herrn b-.en- banten Lindemann. Und wenn er anweseno ist, jo richten iSie ihm meine Empfehlung aus, und ich ließe mich nach seinem Befinden erkundigen."
„Sehr wohl, Herr Stadtrat!"
Pünktlicher als sonst war der Kämmerer an diesem Nachmittag in seinem Arbeitszimmer erschienen Aber er setzte sich nicht an seinen Schireibtisch, sondern blieb Mit aus dem Rücken verschränkten Händen am Fenster stehen, bis der Magistratsdiener zurückkehrte.
Nun?"
„Der Herr Rendant läßt ehrerbietigst danken, und es 'ginge ihm schon wieder ganz gut. Das heißt, er sagt so. Ansehen thut man's ihm wahrhaftig nicht."
„Was sieht man ihm nicht an?"
',®te Gesundheit. — Wie ein Gespenst — Herr Stadtrat
wie ein leibhaftiges Gespenst." ,
Nun, er selbst muß doch wohl am besten wissen, tote ter sich befindet. — Ist der Herr Oberbürgermeister ttn Hause?"
„Jawohl, Herr Stadtrat!"
„Melden Sie mich bei ihm an! Ich bitte um eine kurze Unterredung in eiliger Sache."
Noster hinkte davon und kam mit dem Bescheide zurück, der Herr Oberbürgermeister würde sich freuen, den Herrn Kämmerer zu sehen. Ludwig Ignatius atmete tief auf und
rückte seinen Halskragen zurecht, tote wenn er ihm heute enger wäre als sonst. Dann begab er sich festen Schrittes in das Arbeitskabinett des Stadtoberhauptes. Er war nicht feige, und da der Berzweiflungskampf um Ehre und Ezn!>enz nun einmal unvermeidlich geworden war, wollte er ihn auch auf der Stelle beginnen.
Eine volle Stunde verging, ehe er wieder in das Vor- zimmer hinaustrat. Sein Gesicht war dunkel gerötet, aber seine Haltung war aufrecht und seine Miene die eines Mannes, der mit seinem Erfolge zufrieden ist. Der alte Noster mußte sein lahmes Bein abermals in Bewegung setzen und den Aendanten zur Entgegennahme eines Aus- träges zu feinem Vorgesetzten bescheiden. Als Lindemann gehorsam ans der Schwelle des Arbeitszimmers erschien, schickte der Kümmerer den Diener mit der Weisung hinaus, daß er vorläufig für niemand zu sprechen sei. Dann deutete er auf einen Stuhl. „ „ ,
„Setzen Sie sich! Bitte — ohne Umstande! Sie sehen noch herzlich schlecht aus, und ich habe kein Interesse daran, daß Sie sich durch langes Stehen über Ihre Kräfte an- strengen. Wollen Sie ein Glas Wein trinken?"
Der Rendant, der sich augenscheinlich in der ^.hat kaum auf den Füßen erhalten konnte, machte eine bescheiden abwehrende Bewegung. ,
Ich danke ergebenst, Herr Stadtrat — das vertrage ich in solchen Fällen am allerwenigsten."
„Na, wie Sie wollen. Ich habe soeben Ihretwegen mit dem Oberbürgermeister gesprochen. Es war ein harter Strauß: denn der neue Herr läßt sich nicht leicht von einem einmal kundgegebenen Vorhaben abbrtngen. Uber er sah, daß auch ich diesmal entschlossen war, an meiner Ansiwt festzuhalten, und der Gegenstand schien ihm oenn doch nicht bedeutend genug, um ihn zur Ursache eine, Konflikts innerhalb des Magistratskollegiums zu machen. Die Verwaltung des Stiftungsfonds wird Ihnen also m'icht ab- genommen werden. Es bleibt damit vorläufig allev beim
Lindemann, der auf der äußersten Kante de» angebotenen Stuhles Platz genommen hatte, drückte tn freudiger Erregung die Handflächen zusammen.
„Wie soll ich Ihnen dafür danken, Herr Stadtrat. — O, mein Gott, wenn das Schreckliche vielleicht doch noch abgewendet werden könnte — —"
„Still! Kein überflüssiges Wort! Wir sind hier nicht in unseren vier Wänden. Ich werde fetzt zum Polizeipräsidenten fahren, um mich über die Angelegenheit des fluch tigen Jrmisch informieren zu lassen. Und ich will hoffen, daß Ihre Vermutung hinsichtlich der von ihm geübten Vorsicht sich bestätigt. Haben Sie Mir sonst noch etwas $ sLindemann begann zu hüsteln wie immer, wenn es ihm schwer fiel, auszusprechen, was er auf dem Herzen hatte. Endlich sagte er leise nnd beklommen: .
W Meine Tochter ist an diesem Vormittage bei Ihnen


