Ausgabe 
21.5.1901
 
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durch die beabsichtigte Anwendung flüffiger tiuft zu Spreng- AtüCtfCTl

Tas gegenwärtig gebrauchte Sprengmittel ist Spreng­gelatine (auch Sprenggummi genannt), das 18/6 von Nobel entdeckt wurde und zu den gewaltigsten Dynamiten gehört. Der Bedarf an Explosivstoffen stellt sich bei dem Sunplon- tunnel auf etwa 50 Kilogramm pro laufendes Meter, was etwa 4000 000 Mk. Kosten ausmacht.

Mittels flüssiger Luft hergestellte Sprengkörper schienen gerade das zu sein, was man brauchte. In Bezug auf Kraft ließen sie nichts zu wünschen übrig, und ihr Preis war verhältnismäßig gering, da sich' flüssige Lu st an Ort und Stelle Herstellen läßt, wenn man reichliche Wassertraft zur Verfügung hat. So ist es z. B. möglich, flüssige Luft in eigens dazu konstruierten Gefäßen 14 Tage und langer

Bei Patronen von 6 Zoll Durchmesser wurde die ver­brauchte flüssige Luft nicht so schnell verdunsten, daß ne schon einige Augenblicke, nachdem man sie aus ihren^Bade genommen, untauglich wäre. Patronen von diesem Durch­messer würden über eine Viertelstunde wirksam bleiben, das würde zum Laden und Abfeuern genügen. Doch bleibt noch ein großer Nachteil; die Patronen können ftch vor­zeitig entzünden, wenn sie durchs einen unglücklichen Zu­fall mit Feuer in Berührung kommen, und da überall im Simplontunnel nackte Bergmannslampen ältester Form zur Verwendung gelangen, liegt diese Gefahr außerordentlich ""^Professor Linde, der soviel gethan hat, um die flüssige Luft in den Dienst der Industrie zu stellen, leitete diese Experimente persönlich in seinem Laboratorium bei Brig, und seine gründlichen Kenntnisse auf diesem Gebiete ver­bürgen einen günstigen Erfolg, wenn ein solcher überhaupt möglich ist. Einstweilen ist man von der Herstellung flüssiger Luft zu Sprengmitteln abgegangen; aber, jedenfalls ist es höchst wahrscheinlich, daß man von diesem Sprengmittel später noch viel zu hören bekommt, und vielleicht wird es sogar noch beim. Bau des Simplontunnels eine hervor­ragende Rolle spielen.

Jugendermnerungen eines alten Mannes.

Jugenderinnerungen eines alten Mannes

(Wilhelm von Kügelgen). Original-Ausgabe. 2O Auflage. Berlin 1901. . Verlag von Wilhelm Hertz. (Besser sche Buchhandlung.) Preis geb. Mk. 2.40.

Es - ist wohl nicht von ungefähr, daß der Künstler das Gewand des Buches mit Sternblumen schmückte, viel­mehr wollte er damit sicherlich dessen Inhalt versinnbild­lichen. Schlicht und lauter, wie der Charakter des Ver­fassers ist auch der Niederschlag seines Lebens. Empfäng­lich für alles Gute und Schöne hat er es vor anderen ver­standen, wahrhaft zu leben, und so ewige Jugend sich zu erhalten. Das nach seinem Tode herausgegebene Buch ist als nngeschminkte Selbstbiographie, wie als trefflicher Bei­trag zur Zeitgeschichte gleich schätzenswert. Einer Kunstler- familie entstammend, und selbst begnadeter Künstler, ver­stand Kügelgen die höchste Kunst; das heißt zu leben, zu lieben und zu leiden, und das macht ihn zum leuchtenden Vorbild für alle, die das gleiche Ziel verfolgen. Wie der Ver­fasser ewig jung geblieben, so wird auch dies sein Werk nie veralten, sondern ein unversieglicher Jung- und Gesund­brunnen bleiben für alle, die gleich ihm die Wahrheit red­lich suchen, und darum zu ihrer Erkenntnis kommen. Trotz aller Mühsal heiter und harmlos zu sein, und zu einer ab- aeklärten, einheitlichen Persönlichkeit zu werden, kann man von ihm lernen. Unschwer wird der Leser den goldenen Schlüssel zur Lebenspforte finden, wenn er sich von dem erfahrenen Führer leiten läßt. ,

Daß die Jugenderinnerungen ein selten hervorragendes Familienbuch, sind, bedarf nach dem Vorausgeschickten nicht erst beson­derer Erwähnung. Möchten vieler Hauser Pforten sich ihm gastlich erschließen. Bdt.

Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer: Apfelsine.

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gesprengt wird. Zwei bis drei Löcher von 6 Fuß Tiefe und 4 Zoll Durchmesser werden gleichzeitig gebohrt. Im ganzen werden jedesmal zehn Bohrlöcher zugleich gebohrt und ab- gefeuerü des Gesteins beansprucht das Bohren

dieser zehn Löcher, welche man als Attacke (A'Esfspunkt- bezeichnet, drei bis fünf Stunden. Haben dre Locher. die gewünschte Tiefe erreicht, so zieht man . dre Bohrmaschinen rn sichere Entfernung zurück und füllt jedes Loch mrt etwa 10 Kilogramm Sprenggelatine. Dann entzündet man dre Pulverzünder, und die Arbeiter ziehen sich! erlrg rn den Schutz des nächsten Querschlages zurück. Merkwürdigerweise hört man in 1000 Meter Entfernung keinen Laut mehr von der Explosion, und doch ist in dieser Entfernung der Luftdruck noch so stark, daß er Ohrenschmerzen verursacht.

Mit einer gewissen ängstlichen Spannung und Erregung erwartet man jede dieser unterirdischen Explosionen. Dre dunkle Umgebung, die tiefe Stille; denn rn dieser Wartezeit spricht niemand, außer vielleicht . im Flüsterton, vermehrt nur die Spannung des Augenblicks.

Doch auch der Minierer nimmt teil an der Erregung. Er hat mißlungene Entladungen zu befürchten, dre stets mit Gefahr und großem Verlust an Zeck und Arbeit ver­knüpft sind. Bei angemessener Sorgfalt und besten Ma­terialien ist ein solches Mißlingen glücklicherweise sehr selten. Doch fühlt man eine Erleichterung, wenn man den letzten Schuß abgezählt hat und die zu bearbertende Flache einer neuenAttacke" auszusetzen ist. ..

Das etwas langweilige Werk der Trummer-Entfernung geschieht im Simplontunnel mit wenig Zeitverlust. Zu diesem Zweck haben die unermüdlichen Ingenieure _ihrer Ausrüstung eine weitere furchtbare Waffe, ern riesiges, 300 Fuß langes Luftgewehr mit einem Kaliber von 6 ern halb Zoll hinzugefügt. Dies Gewehr ist mit gepreßter Luft unter einem Druck von 100 Atmosphären geladen und feuert ern Wurfgeschoß von 900 Gallonen Wasser ab. Wir werden gleich sehen, in welcher Weise man sich desselben bedrent.

Sobald erst die Kanone an Ort und Stelle gebracht ist, will man von den Pulverzündern abgehen und das Zünden mittels Elektrizität besorgen. Auf diese Weise wird es möglich! sein, den Sprengstoff m den Bohrlochern und das Gewehr gleichzeitig abzufeuern. So wrrd rn demselben Augenblick, in dem der Sprengstoff den ma stven Felsen in Keine Stücke sprengt, ein riesiges Volumen Wasser gegen die Trümmer geschleudert, das dieselben augenblicklich mit fortwäscht, und sie etwa 50 Meter weiter tmrnelabwarts an den Wänden absetzt. Herr Brandt hatte schon Gelegen­heit, fein hydropneumatisch,es Gewehr an anderer stelle zu erproben und fand es äußerst zweckentsprechend. Ob es aber inzwischen hier schon Anwendung gefunden hat, ist mrr nicht bekannt. . . .

Eine weitere sinnreiche Erfindung ist die beabsichtigte Anwendung des Wassers zu Kühlzwecken; man setzt große Hoffnungen auf dieselbe für die Zeit, da man sich der Tunnelmitte nähern wird, und sich aus hohe Temperaturen gefaßt machen muß. Man beabsichtigt, die Luft tm Tunnel mittels frischen Bergwassers abzukühlen, das man durch Röhren in den Tunnel einführen und an den Arbeits­stellen zu einem feinen Sprühregen zerstäuben will. Auf diese Weise hofft man die Temperatur unter 75 Grad Fahrenheit festzuhalten.

Nach, den Kontraktbedingungen erhalten die Herren Brandt, Brandauer u. Co. - so heißt die Ingenieur-Firma - von der Eisenbahngesellschaft 70 Millionen Franken für ihre Arbeit. Der Tunnel muß, bis zum 13. Mar 1904 voll­endet sein, widrigenfalls die Unternehmer eure Buße von 4000 Mk. pro Tag zu zahlen haben. Andererseits erhalten sie für jeden Tag früherer Fertigstellung eine Vergütung von 4000 Mk.

Schreitet das Werk in demselben Maße fort, wie. jetzt, d. h. 16 bis 22 Fuß pro Tag, und treten keine unvorherge­sehenen Schwierigkeiten ein, so kann der Bau m der fest- aesetzten Zeit fertig sein; sobald man das hydropneuma­tische Gewehr in Betrieb setzen wird, kann man das Werk noch täglich um 6 ein halb Fuß mehr fördern. Doch! hat man noch günstigere Aussichten, Zeit zu gewinnen, und zwar