Ausgabe 
21.5.1901
 
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erklärt, daß es ihm möglich sein würde, in zwei oder drei Monaten das Geld aufzubringen."

Und wenn der Gläubiger nicht in die Frist willigt

Tas blonde Haupt des jungen Mädchens senkte sich noch L \X I CL.

Tann müssen wir eben tragen, was wir nicht ändern können", sagte sie leise.Aber vielleicht ist es doch besser wenn ich selbst hingehe, ihn zu bitten."

Nein, das sollst Du nicht, mein Lieb! Und Du darfst ganz ruhig sein. Ich will Dir das verlangte Versprechen geben. Und Dein Vater soll trotzdem Zeit genug gewinnen, serne Schuld zu zahlen. Laß mich nur endlich die Adresse des schrecklichen Menschen erfahren, der meinem armen Schatz soviel Qual und Sorge verursacht hat!"

(Fortsetzung folgt.)

Der Simplon-Tumel.

Von Arnold Rohde.

(Nachdruck verboten.)

Ter Srmplonpaß hat schon immer wegen seiner ge- rrngen Höhenlage als Verbindungsweg zwischen Frankreich und Italien eine große Rolle gespielt, und schon seit langer Zeit war die Herstellung einer neuen Schienenverbindung zwischen diesen Ländern geplant. Tie Bahnen auf beiden Serien waren sich schon so nahe gerückt, daß es sich nur noch um eine Verbindungsstrecke von 35 Kilometer handelte, nämlich! zwischen den Orten Brig (an der Nordseite) und ToMo d' Ossola (an der Südseite). Aber diese 35 Kilo­meter sind in der Luftlinie gemessen, und zwischen den Orten liegt der Gebirgsstock des Simplon. Vor ber' Auf­gabe, einen Tunnel durch diesen zu legen, waren bisher die kühnsten Ingenieure zurückgeschreckt. Tie Schwierigkeiten waren außerordentlich! große; denn man hatte es nicht allein mit einer ungewöhnlichen Tunnellänge zu thun, sondern mußte auch mit einer außerordentlich hohen Tem­peratur rechnen, auf die man sicherlich in der Mitte des Tunnels treffen mußte, und die im Verein mit den giftigen Gasen, und den Dünsten der Explosionsstoffe eine andauernde Arbeit unmöglich gemacht hätten. Man wird begreifen, daß es unter diesen Umständen Aufsehen er­regte, als der Ingenieur Brandt, der schon vom Gotthardt- Tunnel her berühmt war, sich! erbot, durch den Simplon einen Tunnel von 19 731 Meter Länge zu bohren, welcher somit der längste der Welt werden sollte.

Für die Bahn, welche eine direkte Verbindung zwischen Paris und Mailand Herstellen sollte, lagen die Verhältnisse recht günstig. Während der Gotthardt-Tunnel 1115 Meter über dem Meere liegt, sollte der höchste Teil des Simplon- Tunnels, d. h. eine 500 Meter lange horizontale Strecke nur 705 Meter hoch liegen. Daraus ergab sich an der Nord­seite des Berges eine Neigung von nur 2 Prozent, an der Südseite eine Senkung von nur 7 Prozent. Die Einfahrt bei Brig liegt nur 50 Meter höher als die Auffahrt bei Jsella. Das war außerordentlich günstig, und nur das tiefe Niveau des Tunnels derselbe liegt an einzelnen Stellen 2140 Meter unter dem Berggipfel gab zu Zweifeln an dem glücklichen Erfolge Veranlassung. Aus der Dicke des darüber liegenden Felsens berechnete man eine Tem­peratur von 105 Grad Fahrenheit. Bei den Bohrarbeiten des Gotthardt-Tunnels betrug die höchste Temperatur etwa 88 Grad Fahrenheit. Damals erlagen viele Menschen und Pferde der Hitze, und nun sollten die Leute nun gar noch in weit höherer Temperatur arbeiten? Und dennoch schloß die Firma Brandt, Brandauer u. Co. einen Vertrag mit der Jura-Simplon-Eisenbahn, auf Grund dessen sich! erstere verpflichtete, den Bau innerhalb fünfeinhalb Jahren zu vollenden. Und zwar wollte sie gleich! zwei Parallel- Tunnel bauen, von denen der zweite jedoch erst fertig­gestellt werden sollte, wenn es der zunehmende Verkehr bedinge.

Was? Gleich, zwei Tunnel", sagten die Ingenieure. Und bald darauf gaben sie zu, daß Herr Brandt vollkommen im Recht sei. Der zweite Tunnel hatte nämlich den Haupt­zweck, dem ersten frische Luft während des Baues zuzuführen.

Ueber diese Verwirklichung des Projektes weiß nun Cassiers Magazine" sehr interessante Daten mitzuteilen.

Beim Bau des St. Gotthardt-Tunnels hatte man die Erfahrung gemacht, daß mit dem Falle der letzten Zwischen- !

wand in der Tunnelmitte die Gefahr sofort schwindet, und daß von diesem Augenblicke srische Luft in genügender Menge zutritt. Beim Simplon-Tunnel ist aber die Gefahr ganz vermieden. Der zweite Tunnel soll in einer Ent­fernung von etwa 55 Fuß mit dem Haupttunnel parallel lausen, und wird in Entfernungen von je 650 Fuß mit dem letzteren durch einen Querschlag verbunden.

Die beiden Tunnel laufen in parallelen Kurven bis zum ersten Querschlag. Von dort gehen sie in gerader Linie bis unweit des Endpunktes bei Jsella, in der Nähe von Domo d'Ossola, weiter, wo sie wieder eine Kurve nach Südosten machen, um auf die projektierte, von Süden kommende Eisenbahnlinie zu treffen. Un beiden Linien ist in der Verlängerung der geraden Fäuptlinie ein Stück Leittunnel angelegt, welcher für die richtige Führung der Bohrung erforderlich ist.

Man begann auf beiden Seiten mit der Bohrung des Leit- und Nebentunnels. Um die Ventilation zu fördern, bohrte mau einen vertikalen Luftschicht, welcher vom Boden eines kurzen Querschlages ausgeht bis zur Oberfläche des Berges, der an jener Stelle etwa 200 Fuß hoch ist. Sobald die Verbindung zwischen den beiden Tunneln an der Nord­seite hergestellt war, entzündete mau auf der Sohle des Luftschachtes ein Holzfeuer und schloß den Eingang zum Leittunnel. Die erhitzte Luft stieg empor und entwich durch den Luftschacht; dadurch wurde frische Luft in den Bau gezogen, gleichsam hineingesaugt, und strich durch den Nebentunnel und den ersten Querschlag. Nun hätte man beim Fortschreiten der Arbeit die Lustzirkulation durch Verschließen aller Querschläge mit Ausnahme der zuletzt hergestellten ständig bewirken können. Man wollte jedoch! ganz sicher gehen, und setzte in den zweiten Tunnel eine Maschine, welche die Luft durch! lange Röhren bis zur Arbeitsstelle pumpt. Auf der Südseite wendete man natür­lich! dieselbe Methode an.

Nachdem die Ingenieure so die Gefahr beseitigt hatten, ließen sie es sich! angelegen sein, an möglichst vielen Stellen gleichzeitig zu arbeiten. Wenn z. B. der Haupttunnel schon 1000 Meter weit getrieben ist, während der Neben­tunnel erst 500 Meter vorgeschritten, so arbeitet man ohne Rücksicht auf letzteren im Haupttunnel eifrig weiter, legt aber immer schon die Querschläge an, welche später die Verbindungen bilden sollen, und treibt dann von diesen aus nach beiden Richtungen, d. h. vor- und rückwärts, je ein Stück Nebentunnel in das Gestein. Schreitet aber die Bohrung desselben schneller vor, als die des Haupt­tunnels, so thut man die gleichen Schritte zur Förderung des letzteren.

Der Haupttunnel, dessen Bohrung schon mehr als 12 000 Fuß vorgedruugen ist, ist gegenwärtig nur etwa 6 ein halb Fuß hoch und etwa 10 Fuß breit; man will ihn vorläufig auch nicht vergrößern. Das volle Profil des Tunnels wird jedoch 16 mal 20 Fuß betragen, und eine starke Nachhut ist dauernd damit beschäftigt, die Seitenwände und die Tachwänd bis zur erforderlichen Breite und Höhe auszu­sprengen. Die Fütterung mit Mauerwerk beginnt in großem Maßstabe, sobald der Tunnel genügend vorgeschritten ist, um einen gleichzeitigen Angriff dieser Arbeit an verschie­denen Stellen zu gestatten.

Das angewendete Bohr- und Sprengsystem bietet keine wesentlich neuen Züge. Alle durch lange Erfahrung er­worbenen Verbesserungen kommen zur Geltung. Die Lage und Länge der Bohrlöcher, die Sprengladungen rc., alles ist genau berechnet, um die besten Resultate zu liefern.

Die Bohrmaschinen finb von der gebräuchlichen Art, aber einzelne Betriebsteile hat Herr Brandt bedeutend ver­bessert. Ihr Betrieb geschieht mittels hydraulischer Kraft, die drei Dampfmaschinen von zusammen 300 Pferdekräften erzeugen, und die Hochdruckpumpen und Röhren zumOrt- stoß" befördern. Später will man die Maschinen durch! Turbinen ersetzen. Die nötige Wassermenge liefert die Rhone durch! Röhren von ettoa 63 Zoll Durchmesser und fast zwei Meilen Länge. Am Südende ist die Wasserleitung fast drei Meilen lang. Wenn das Wafser seinen doppelten Zweck, die Bohrmaschinen zu treiben und die Trümmer nach dem Sprengen wegzuschaffen, erfüllt hat, fließt es durch den Tunnel ab, wo man, oft knietief, in ihm waten muß. Tie Bohrmaschinen laufen auf Schienen, so daß sie leicht zurückgezogen werden können, wenn an der Arbeitsfläche