Ausgabe 
21.5.1901
 
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Es war am Morgen des auf Hannas wichtige Ent­deckung folgenden Tages, als einer von Bernhards Schrei­bern mit dieser Meldung die Thür des Bureaus öffnete. Eine freudigere und zugleich überraschendere hätte er kaum erstatten können; denn es war das erste Mal, daß Inge allein zu ihrem Verlobten kam. Die Verlegenheit stand ihr denn, auch leserlich auf dem Gesicht geschrieben, als sie über die Schwelle trat, und sie wich seinem Ver­such, sie zu umarmen, durch eine rasche Bewegung aus.

Nein, nicht hier ich bitte Dich, Bernhard! Wenn uns einer von Deinen Angestellten sähe!"-

So würde er vermutlich denken, daß wir es genau so machen, wie alle Brautleute seit Erschaffung des Menschengeschlechts. Aber ich will nicht darauf bestehen. Es ist schon Glück genug, daß ich Dich so unverhofft bet mir sehe. Bringst Du etwas neues, mein Lieb? Denn daß es nur die Sehnsucht nach mir gewesen wäre, die Dich hergeführt hat, wage ich in meiner Bescheidenheit nicht zu glauben."

Ja, es war auch Sehnsucht nach Dir", sagte sie leise. Ich hatte in dieser Nacht einen so schrecklichen Traum, und wenn es auch Thorheit sein mag: ich hätte nicht eher wieder ruhig sein können, bis ich Dich frisch und gesund vor mir gesehen."

Tu träumtest also, daß ich krank geworden sei oder vielleicht gar gestorben?"

Wie in bittender Abwehr erhob sie die Hände.

Laß uns nicht weiter davon sprechen ich konnte es Dir doch nicht erzählen. Aber ich komme Dir recht kindisch vor, daß ich mich so von einem Traume beeinflussen lasse, nicht wahr?"

Ich bin glücklich darüber, weil es mir beweist, daß Du mich! lieb hast."

Ja, hast Tu denn daran bisher gezweifelt, Bern­hard ?"

Nein, aber ich kann mich gar nicht oft genug aufs neue davon überzeugen. Und nun, da Tu mich leib­haftig und lebendig vor Dir siehst, sind die bösen Traum­geister nun verscheucht?"

Inge nickte lächelnd. Aber ihr feines Gesichtchen wurde gleich wieder sehr ernst, und befangen blickte sie vor sich nieder. Bernhard beobachtete sie ein paar Se­kunden lang, dann trat er an ihren Stuhl und beugte sich zärtlich über sie herab»

Tu hast noch etwas anderes auf dem Herzen, mein Lieb! Warum zögerst Du, es mir zu sagen? Kannst Du mir denn nicht alles anvertrauen?"

Ach, es fällt mir so schwer, so furchtbar schwer! Und doch ich habe ja niemand als Dich, zu dem ich in meinen Sorgen und in meiner Ratlosigkeit flüchten kann. Ohne diesen garstigen Traum hätte ich mich vielleicht noch nicht dazu entschlossen jedenfalls noch nicht heute. Nun aber, da ich einmal die Unschicklichkeit begangen habe, hierher zu kommen"

Nun wirst Du mir aucp ganz offen und rückhaltlos beichten, was Dich bedrückt. Ich bitte Dich nicht nur darum, liebe Inge, sondern icy fordere es sogar als mein gutes Recht. Es handelt sich um Deinen Vater nicht wahr?"

Ja, aber Tu darfst nicht glauben, daß ich gekommen sei, um ihn anzuklagen. Es ist sein Unglück, nicht sein Verschulden, unter dem wir leiden er selbst gewiß am allermeisten. Er ist nun einmal nicht dazu gemacht, sich in die Enge unserer jetzigen Verhältnisse zu finden."

Nein es scheint in der That, daß er nicht dazu ge­macht ist. Und ich glaube die Ursache Deines Kummers zu erraten. Der Vater hat Schulden ?"

Sie nickte bejahend das Köpfchen. Tas Zucken ihrer Lippen verriet, eine wie grausame Pein diese Geständnisse ihr bereiteten.

Es sind sehr schlimme Schulden, glaube ich. Und jedenfalls viel, viel mehr, als wir in Monaten oder selbst in Jahren bezahlen können. Dabei weiß ich sicherlich noch nicht einmal alles. Der Vater sagt mir ja niemals die volle Wahrheit, wie flehentlich ich ihn auch darum bitte."

Und weshalb schlimme Schulden, liebste Inge? Was ist es, das Du darunter verstehst?"

Ich glaube, es es sind Spielschulden, Bernhard!"

Ah, das wäre allerdings woher hast Du diese Ver­mutung?"

Es kommen ja fortwährend Leute zu uns, die allerlei Forderungen geltend machen Forderungen, von denen die Mutter und ich niemals etwas wissen. Und da auch recht grobe und ungebildete Menschen unter ihnen sind, kommt es manchmal zu sehr häßlichen Auftritten. Doch das sind immer nur kleine Summen, wie schwer es uns auch bei unseren Verhältnissen werden mag, sie aufzu­bringen. Aber seit einer Woche erscheint beinahe täglich ein Mann, der nach seiner Behauptung mehr als tausend Mark von dem Vater zu fordern hat. Er sagte es mir, als der Vater sich zum drittenmal vor ihm hatte verleugnen lassen. Und er sagte auch ach, es will mir nicht über die Lippen:

Er sagte Dir, daß es Spielschulden seien?"

Nein. Und ich habe mich auch vorhin nicht richtig ausgedrückt. Die Verpflichtungen, die er aus seinen Spiel­verlusten hatte, soll ja der Vater getilgt haben. Der Mann sagte mir, daß er ihm eben dazu das Geld gegeben habe. Gegen Wechsel und Ehrenscheine, wie er es nannte. Das alles sei nun verfallen, ohne daß er sein Geld zurück- bekommen hätte. Und überdies hätte er inzwischen er­fahren nein, ich kann es nicht wiederholen; es ist gar zu schimpflich."

Und doch wirst Tu es mir sagen müssen, mein armes Herz, wenn ich in den Stand gesetzt werden soll, zu raten oder zu helfen."

Er hätte erfahren, daß der Vater ihm unrichtige An­gaben über feine Verhältnisse gemacht habe. Er sprach von falschen Vorspiegelungen und davon, daß er sich an den Staatsanwalt wenden würde, wenn er nicht innerhalb weniger Tage sein Geld erhalte."

Nun, und Tein Vater? Hast Du ihm die Worte des Mannes wiederholt?"

Ich mußte es wohl, Bernhard! Aber ich wünschte nachher beinahe, daß ich es nicht gethan hätte. Denn der Vater geriet in eine furchtbare Aufregung. Er drohte, daß er auf der Stelle hingehen und den Menschen als einen nichtswürdigen Lügner und Verleumder mit der Reitpeitsche züchtigen würde. Fast ans den Knien mußte ich ihn bitten, davon Abstand zu nehmen. Und dann, nachdem er sich eine Stunde lang in sein Schlafzimmer eingeschlossen hatte, dann rief mich der Vater herein und gestand mir unter Thränen, es fei alles wahr, was jener gesagt hatte. Wenn er nicht noch einmal Aufschub erhielte, sei er ein verlorener Mann, der sich eine Kugel vor den Kopf schießen müsse. Und schließlich schließliche verlangte er von mir, daß ich hingehen solle, den Mann nm Aufschub zu bitten."

Ah, das ist das ist denn doch etwas stark! Du hast ihm natürliche erklärt, daß Tu Dich dazu uiemals hergeben würdest?"

Inge schüttelte den Kopf.

Wie hätte ich ihm etwas derartiges erklären können, als er so gebrochen und verzweifelt" vor mir faß! Ich hatte ja keinen anderen Wunsch als den, ihn zu be­ruhigen und ihn aufzurichten."

Du hast es ihm also versprochen?"

Ja. Ich sagte, daß ich heute hingehen würde. Und ich will es auch thun."

Nein, das wirst Du nicht unter keinen Umständen! Ich verbiete es Dir auf das Entschiedenste! Dem Himmel sei Dank, daß Du wenigstens Vertrauen genug zu mir hattest. Dich vorher an mich zu wenden. Laß es nun meine Sache sein, diese Angelegenheit zu ordnen. Wie ist der Name des Mannes? Und wo wohnt er?"

Ich werde es Dir nur unter einer Bedingung sagen, Bernhard!"

Und diese Bedingung lautet?"

Du mußt mir Dein Wort geben, daß Du von der Schuld meines Vaters nicht einen Pfennig aus Deiner Tasche bezahlen wirst. Ter Gedanke, daß Du auf solche Art für uns eingetreten wärest, würde mich zu tief de­mütigen. Ich konnte ihn nicht ertragen. Wenn es Dir gelingt, ihn zur Gewährung einer Frist zu bewegen, so müssen wir auf die eine oder die andere Weise Rat zu schaffen suchen. Und der Vater hat mir ja auch feierlich