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gefahren wäre.
Ich fragte Frau Fowler nach dem Zimmermann Short. Sie konnte mir nichts weiter mitteilen, als daß er sich bei den Reedern der „Aurora" gemeldet hatte, um seine Heuer in Empfang zu nehmen. Diese wiesen ihn mit seinen Ansprüchen ab, und gaben als Grund dafür die Uubot- mäßigkeit an, deren er sich an Bord der Bark schuldig gemacht habe. Short drohte darauf durch einen Winkelkonsulenten mit gerichtlicher Klage. Dann aber muß er zur See gegangen, oder gestorben sein. Es wurde nichts mehr von ihm gehört.
Frühreife Künstler.
Von E. Osten.
(Nachdruck verboten.)
Der berühmte englische Maler John Millais wurde immer als das einzige Beispiel frühreifer Künstlerschaft erwähnt, aber sein großer Vorgänger Edwin Landseer kam ihm zuvor. Sein Name stand schon im Katalog der Kömg- lichen Akademie in London, als der Künstler eben erst sein dreizehntes Jahr vollendet hatte.
Als er ein Knabe von vier Jahren war, bildeten ferne Zeichnungen das Wunder in dem Familien-und Freundeskreise. In Süd-Kensington befinden sich^, wie Tit-Blts ve-
feiner gemütlich klingenden Stimme, eine Neuigkeit bringe?" , ,
„Was denn?" rief ich, und blickte gespannt auf Richard, der mir freundlich! zulächelte. t .
„Nun", fuhr Robinson fort, „wir sind ber unjerm besten Arzt hier in Sunderland gewesen. Er untersuchte das Bein, sagte, es sei völlig geheilt, und sehr gut zusammengewachsen, und wollte nicht glauben, daß es lern ; Chirurg geschient habe." . 1
Ich siel meinem Manne um den Hals und rref. „Ach, mein Schatz, das fehlte nur noch, um unser Gluck vollständig zu machen."
„Das ist wahr, Jessie", antwortete er und liebkoste! mich : „alles, was ich noch zu thun habe, ist, daß rch das Bein noch einige Zeit schonen muß, soviel Herumliege, ach es bei meinem Temperament möglich ist, und vorlausig noch immer die Krücken benutze. Kapitän Snowdon", fuhr er zu Vater gewendet fort, „das ist auch etwas, das ich Ihrer Tochter verdanke. Ich habe Ihnen, ehre seemännische Thätigkeit geschildert; ich muß noch Hmzu^ugen, daß sie mit wahrem Löwenmut ans Werk, grng, und mich zurecht flickte, tröstete, ermutigte — mein Gott!" brach er ab, indem er meine Hand drückte, „was hatte rch wohl ohne meine Seekönigin anfangen sollen?"
„Du hast sie eben eine Seekönigin genannt, Dick", sagte mein Vater, und sein liebes,, strahlendes, altes Gesicht erschien mir noch teurer, als ich die Freuden- thränen in seinen Augen bemerkte, „und eine Seekonrgrn ist sie auch. Robinson, dieser nautische Trtel verblerbt ihr von jetzt an. Sie ist Dicks Frau, und meine Seekönrgru. Das ist ein guter Name sür sie; ich bin Dir dankbar dafür. Robinson, von jetzt an, wenn Sie sich nach Jessres Befinden erkundigen, heißt es: Wie geht es der,Seekonrgrn?
Das Fenster des Zimmers, in dem wrr saßen, lag nach! der Straße zu; es stand offen; denn das Wetter war warm und sonnig. Straßenlarm, Wagengerassel, Hundegebell, Pfeifen von Schusterjungen drangen an unsere Ohren. Aber wäre es auch noch einmal so laut gewesen, ich hätte mich doch daran erfreut. Vier Monate lang hatte ich ja nichts gehört, als das heisere Aussmgen der Matrosen, das Brausen des Meeres, und das Plätschern des Wassers, oder das leise, geisterhafte, Seufzen ernes kleinen Luftzuges inmitten der Totenstille einer windstillen, tropischen Ozeannacht. ,
Um drei Uhr verließen wir Sunderland, und begaben
wir Mittag aeaessen haben, kommt ihr beide mit mir nach I uns nach Monkwearmouth, wo sich damals der Bahnhof
" 9 9 H } I befand. In South-Shields angekommen, fuhren wir die
Nin Mobilst Dn denn jetzt Vater?" I Ozean-Road hinunter bis auf den Lawe. Dort hielten
"In South-Shields, auf dem Lawe. Das Haus schaut I wir vor einem hübschen Häuschen mit blanken Fenstern,
mit "der Front direkt auf die See. Es ist ein glücklicher I und einem Messingschild an der Thur, woraus der Name
Zufall, daß ich es so getroffen habe. Die Lotsen sind ganz I „Thomas Snowdon" storch. Der Vater trat zuerst htnern, versessen auf die Wohnungen auf dieser Terrasse. Es ist I um uns zu empfangen. Als wir folgten, schloß er mich
nur ein kleines Räuschen, Jeß, nicht wie unsere alte I in seine Arme, drückte Richard die Hand, und benahm sich
Wohnung in Newcastle; aber Platz genug sür euch beide, I so, als ob dies unser erstes Wiedersehen wäre Mr traten und auch für eure etwaigen .Ander ist doch darin." in das kleine Wohnzimmer, und Vater beobachtete mich Es klopfte, und Lizzw Davison kam, um mir mit- I mit glanzenden Augen, wahrend, ich mich umschautv -a Anteilen daü unten ein junges Mädchen mit Hüten sei. I standen die alten, bekannten Möbel, die Raritäten, Schilde, Gleick "darauf echchien auch ein Bursche mit einem Sack Speere, Pfeile, die altertümlichen Stühle, und, an meiner Stiefeln über der Schulter, und dicht hinter ihm ein I Seite vom Kamin Mutters Lehnstuhl, als ob sie noch! am anderes junges Mädchen in Begleitung eines dicken, unter I Leben wäre. Ich trat an das Fenster. Vor nur lag die einer Ladung Kleider keuchenden Jungen. Ich fing mit den I Nordsee, und erstreckte ihre graue Oberfläche bis an das an unb mäblte einen, ber mir fefir gut ftanb. ^unn I ferne /Mein be§ §ori5pnt§.
mftte ick/ um den Schuhmacher los zu werden, Stiefel an, I „Hast Tu wirklich! genug davon bekommen, mein bis ich ein Paar fand, das mich befriedigte. Endlich traf Schatz?" fragte Richard, indem er auf fernen Krücken heran- ich meine Auswahl unter Wäsche und Kleidern. I humpelte, und auf die See deutete.
' sr?iin Simie" sagte der Vater, „jetzt gehen Sre mit > „Ja", antwortete ich, „und . Du auch!
Frau Fowler ^in irgend ein Schlafzimmer, damit sie es! Gut", ries der Vater. »Dick, Derne ^rauHeck ge° sich etwas bequem macht." ~ pichen; entschließe Dich, mern Junge. Das rst Deine
Mit reinen Manschetten und Kragen, neuen Strefeln, I letzte Rerse gewesen. ™
unS einer Schleife int Haar war icE), wieder etne Dame, I Dre Frau, dre mrt den obigen Worten thre Er die sich vo? jedermann ° sehen lassen konnte. Ich blieb zählung beendet, lebte noch vor kurzem rn Souih-Shields. ziemlich fanae int Stbkkfzimmer, unterhielt mich mit Lizzie I Ihr Mann war, tote du, lteber ^eser, gehört hast, der Davison zeigte ihr die Wäsche, die ich an Bord der Brigg | erste, der ihr den Namen „Seekönigin" gab. Fhr Vater
gefertigt hatte und schilderte ihr unsere Abenteuer. Als | folgte, und nannte sie stets ebenso, bis sie tn ihrem
nach dem Speisezimmer zurückkehrte, hörte ich Stimmen, j ganzen Freundeskreise nur noch unter diesem Namen be-
und bei meinem Eintritt erblickte ich Richard, und Kapitän I formt war. Ob sie ihn verdient, mag der Leser selbst bc-
Robinson in eifriger Unterhaltung mit dem Vater. Kapitän | urteilen. Die Erzählung habe uchMrzlich aus ihrem eigenen Rob n on forX mir enfoeqen | Munde nach und nach gehört Mem Gedächtnis mag mich
Was meinen Sie wohl, Frau Fowler", rief er mit | zuweilen im Stich gelassen haben, auch habe! ich mtr wohl ,,Jäaa tttetrten ©te nw^ tfta <y g^nen für I die Anschaulichkeit ihrer eigenen Schilderung zu
eigen machen können.
Es mag diejenigen, die ihre Geschichte gelesen haben, interessieren, zu erfahren, daß sie ihren Willen durchsetzte, und ihren Mann zu Hause behielt. Sie erzählte mir, daß darüber erst verschiedene längere Erörterungen stattfanden. Richard konnte sich zuerst ganz uud gar nicht mit dem Gedanken befreunden, seinem Schwiegervater sozusagen aus der Tasche zu liegen. Vater und Tochter drangen aber zuletzt doch durch. Der Bergungslvhn, der an Kapitän Fowler ausgezahlt wurde, reichte aus, um einige Anteile an einem, der Reederei der „Aurora" gehörenden Schiffe zu erwerben. Diese Anteile, und die, welche Kapitän Snowdon besaß, verschafften Herrn Fowler eine gut bezahlte Stellung in dem Kontor der betreffenden Firma, die er zu großer Zufriedenheit seiner Prinzipale ausfüllte. Auch seine eigenen Vermögensverhältnisse verbesserte er habet so, daß er zu sagen pflegte, in fünf Jahren hätte er mehr Geld an Land verdient, als wenn er fünfzig Jahre zur See


