107
die sich wie ein riesiges Auge zu öffnen und zu schloßen schienen, der wilde und furchtbare Schein, der sich vom Fuße des Wolkenthores über die See ausbreitete, das weiße, in der Dunkelheit wie Schnee flimmernde Wasser, das sich uns mit entsetzlicher Geschwindigkeit näherte, und endlich der alles übertönende Donner des herannahenden Sturmes.
Plötzlich stürmte mein Mann auf mich, los. „Bist Du das, Jessie?"
„Ja", antwortete ich,
„Um Gottes willen, sieh Dich vor!" schrie er. „Hier kannst Du nicht bleiben; hier ertrinkst Du ja." Damit schleppte er mich nach der Kajütskapp und dort im Schutz der Luke kauerte ich mich nieder und klammerte mich fest an das Geländer, während er nach achtern sprang und dem Manne am Ruder einen Befehl zuschrie.
Unmittelbar darauf traf uns der Orkan. Seine Wut zu beschreiben, ist unmöglich Es giebt in keiner Sprache Worte, die diesen betäubenden Donner, diese zerschmetternde Wucht beschreiben könnten. Die Bark legte sich aus die Seite, immer weiter und weiter, bis ich das Wasser in Lee über die hohen Schanzbekleidungen wie Gebirgsbäche an Deck hineinströmen hörte. Noch weiter ging es hinüber, sodaß die Kajütskapp fast parallel zur See stand und mir das Blut zu Kopf stieg; das Wasser konnte ich mit der Hand erreichen, und Schaumflocken, so dick wie ein nordischer Schneefall, erfüllten die Luft. Einige der aufgepeitschten Schaumflocken flogen mir ins Gesicht. Es schmerzte, als ob ein Schrotschuß mich getroffen hätte.
Plötzlich hörte ich über mir einen lauten Knall, ähnlich wie ein Kanonenschuß. Das Großmarssegel war weggeblasen, und das Schiff richtete sich nun wieder ein wenig auf. Noch immer aber lag es zur Hälfte unter dem Wasser, das allerdings ganz bewegungslos war. Der Orkan hatte die See so "flach wie ein Brett gepreßt. In der kurzen Zeit konnten sich noch keine Wogen bilden. Ich war buchstäblich bötäubt von dem entsetzlichen Ausruhr und hielt mich krampfhaft am Treppengeländer fest. Es war nur ein schwacher Schutz vor der Gewalt des Sturmes, sodaß ich Vollständig durchnäßt wurde. So viel Besinnung hatte ich noch, um mir zu sagen, daß wir uns aus das Aeußerste gefaßt machen mußten. Es schien, als ob die Bark sich nicht wieder aufrichten wollte. In diesem Falle, das wußte ich, mußte sie zu Grunde gehen. Nach einer Weile bemerkte ich, daß die fürchterliche Krängung des Decks abnahm.
Langsam fiel das Schiff ab, bis es das Heck dem Winde zugekehrt hatte, und es war wie eine Erlösung aus Todesgefahr, als man fühlte, wie es sich allmählich wieder erholte, bis schließlich das Deck seine horizontale Lage wieder erlangt hatte. Wie ein Pfeil flog die Bark jetzt vor dem Orkan her, während das Wasser in Sturzbächen aus den Speigatten strömte.
(Fortsetzung folgt.)
Der KlassikeMder Nebersetzung.
Zum 150. Geburtstag von Johann Heinrich Voß. 20. Februar.
Von Dr. Ernst Wilms.
(Nachdruck verboten.)
Es war das Los dieses verdienten Mannes, mit Ungerechtigkeit behandelt zu werden — ebensowohl in der Ueber- schützung als Unterschätzung seiner litterarischen Bedeutung. So wie ein Goethe in seiner Anerkennung für Voß unstreitig zu weit ging, so sehr schossen später Litterarhistoriker über das Ziel, wenn sie in dem begeisterten Rektor von Eutin nichts anderes mehr sahen, als einen verknöcherten, sana- tischen Spießbürger mit engbegrenztem geistigen Horizont und keiner Spur von Verständnis für die höheren Ideale der Poesie. Wie Bürger, Hölty, die Brüder Stolberg und andere, nahm auch er seinen Ausgang vom Göttinger Dichter- und Hainbund, jener am 12. September 1772 ins Leben gerufenen Vereinigung junger, poesiebegeisterter und poetisch beanlagter Studenten in Göttingen, die, von Klop- stvcks Dichtungen angeregt, sich in die alte deutsche Bardenzeit zurückträumten, in Wäldern und Hainen unter alten Eichen bei Mondschein zusammenkamen, schwärmerisch einander ihre Freundschaft versicherten, und die Schriften des
Sittenverderbers" Wieland den Flammen überantwortete». Der Bund, dessen ganze litterarische Bedeutung nur darin besteht, daß einzelne seiner Mitglieder, wie eben Bürger, Voß und Hölty, einen guten Namen auf dem deutschen Parnaß errangen, hatte keine ausgeprägte Tendenz unfc blieb deshalb auch ohne Einfluß auf die Richtung und Entwickelung der deutschen Dichtung überhaupt, er war nichts, als eine schöne Illusion, aus der heraus die Mitglieder sich zu den entgegengesetztesten Anschauungen entwickelten, die zuletzt sogar zwischen den alten Jugendfreunden Voß und Fritz Stolberg zum offenbaren Bruch und zur erbitterten litterarischen Fehde führte.
Voß war vielleicht noch derjenige unter den Hainbünd- lern, der die Vereinigung von Anfang an und in der Folge am ernstesten nahm. Er war kein Schwarmgeist und aucb kein Originalgenie, dem es bestimmt war, die höchsten Höhen der Poesie zu erklimmen; wer seine Lyrik studiert, dem ist dies ohne weiteres klar — aber er besaß feste Grundsätze und eine heilige Ueberzeugung sowie das erforderliche Selbstbewußtsein und den darin gipfelnden moralischen Mut — zu dem sich sreilich eine gute Portion Eigenwille gesellte — sie zu vertreten. Ein Mecklenburger von Geburt — er wurde am 20. Februar 1751 zu Sommersdorfs Bei Waren geboren — sah er sich infolge der Unbemitteltheit seines Vaters schon frühzeitig auf eigene Füße gestellt. Die Schule in Neubrandenburg, die er im Jahre 1766 bezog, mußte er nach drei Jahren — also erst 17 Jahre alt — bereits wieder verlassen, um als Hauslehrer sein kärgliches Brot zu suchen. Sein poetisches Talent bahnte ihm den Weg zu einer glücklichen Zukunft. Er sandte einige Gedichte an Bote, den Herausgeber des ersten deutschen, des Göttinger Musenalmanachs, die dessen Interesse auf sich lenkten. Ohne selbst ein gottbegnadeter, schöpferisch beanlagter Dichter zu sein, hat sich dieser ehrenwerte Mann durch seine Herausgabe des Almanachs und der ausgezeichneten Zeitschrift „Deutsches Museum", sowie durch die Gründung des Hainbundes, die selbstlose Förderung junger Talente und seinen litteraturhistorisch wichtigen Briefwechsel nicht unbedeutende Verdienste um unsere Sitter atur erworben. Er war es, welcher Voß einlud, nach Göttingen zu kommen, wo sich der junge Mecklenburger, die ökonomische» Schwierigkeiten mit eiserner Energie überwindend, dem Studium der neueren Sprachen und des klassischen Altertums widmete.
Die beiden jungen Leute schlossen sich eng aneinander an, Boie übertrug sogar (1775) die Herausgabe des Almanachs an den Freund, der sich, um sich den neuen Pflichten ungestört hingeben zu können, und vielleicht auch angezogen von dem dort wohnhaften „Wandsbecker Boten" Mathias Claudius, nack dem stillen Wandsbeck zurückzog. Zwei Jahre später fano das innige Freundschaftsbündnis' noch eine weitere Besiegelung durch die Vermählung des 26jährigen Johann Heinrich Voß mit Ernestine Boie, der Schwester des Freundes. Nun galt es allerdings, sich eine festere Position im Leben zu sichern, als der Musenalmanach und seine anderen schriftstellerischen Arbeiten sie gewährten, und so sehen wir unseren Dichter bereits 1778 von seinem Wandsbeck Abschied nehmen, er ging als Rektor nach Otterndorf, welchen Posten er vier Jahre später aus Gesundheitsrücksichten mit dem eines Rektors in Eutin vertauschte.
In dieser idyllischen Wohnung am Eutiner See verlebte er achtzehn glückliche, friedliche Jahre. Hier war es, wo er der lieblichen Landschaft jene reizenden Idyllen ablauschte, die feinen Namen so berühmt gemacht haben, hier schuf er seine vorzüglichen Uebersetzungen der WerL Homers, Vergils und anderer Dichter des Altertums, wodurch er die bisher nur den höheren Gebildeten zugänglichen Dichtungen des griechischen Meisters zum Gemeingut des ganzen deutschen Volkes machte. Während der ersten Jahre fügten die freundschaftlichen Beziehungen zu seinem Jugendfreunde, dem Grafen Friedrich von Stolberg und dessen ausgezeichneter Gattin dem friedlichen Leben einen weiteren hohen Reiz bei, mit der Zeit aber trat die Gesinnungsänderung Stolbergs, der inzwischen (1793) den Posten eines Regierungspräsidenten in Eutin angetreten hatte, und dessen veränderte Anschauung ihren Ausgang schließlich in seinem Heber tritt zur katholischen Kirche sand, immer unzweideutiger hervor, und an die-Stelle der alten-


