Donnerstag den 21. Februar
1901.
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M
ia§ sie fritteln, laß sie lachen, Schließ voll Gleichmut deine Ohren;
Wer es allen recht will machen, Geht am End' sich selbst verloren. . @. Keil.
(Nachdruck verboten.)
Die Seekönigin.
Seeroman von Clark Rüssel.
(Fortsetzung.)
Neunzehntes Kapitel.
Ein Orkan.
Wir hatten die kanarischen Inseln passiert, eine derselben, Palma, sogar gesichtet. Das Schiss befand sich nun in den Breitegraden, wo der Nordostpassat gewöhnlich zu wehen beginnt. Unsere Durchschnittsgeschwindigkeit hatte in den letzten sieben Tagen über zweihundert Seemeilen betragen, und allem Anscheine nach konnten wir auf eine schnelle Reise rechnen.
Inzwischen hatten wir den Winter weit hinter uns gelassen. Die Sonne wurde von Stunde zu Stunde wärmer, und unsere Schatten an jedem Mittage kürzer. Am 14. Februar schien der Wind uns untreu werden zu wollen. Es war gegen vier Uhr nachmittags, als Richard in unsere Kammer trat, wo ich gerade in meinen Kleidern kramte.
„Ein vollständiger Temperaturwechsel, aber immer besser als Schnee und Eis, nicht wahr, Jeß? Wenn nur der niederträchtige Wind nicht abflauen wollte. Ich hatte so fest darauf gerechnet, daß er uns in den Passat hinein- vringen würde."
„Vielleicht zeigt dieser Wechsel eben den Passat an."
„Das wäre sehr schön", meinte er, „leider haben wir vorläufig aber erst einen schweren Sturm in Aussicht. Sieh Dir einmal das Barometer an. Das ist ein ganz bedenkliches Fallen seit zwei Stunden."
Er zog einen leichten Rock an und ging an Deck. Ich folgte ihm, nicht ohne vorher noch einmal das Barometer zu betrachten, wobei ich bemerkte, daß das Quecksilber noch immer fortfuhr, zu fallen. Die Bark trieb in völliger Windstille. Die leichteren Segel waren festgemacht. Nur die Marssegel und die Fock waren noch bei, und schwangen leise hin und her, wenn das Schiff mit der Dünung sanft schlingerte. Die Temperatur war ähnlich wie in einem Warmbade.
Es fehlten nur noch zwei Stunden bis Sonnenuntergang, und doch hatten die Sonnenstrahlen etwas so stechen
des an sich, wie man es gewöhnlich so weit nördlich vom Aequator noch nicht findet.
Ich bemerkte, daß mein Mann fortwährend unruhige Blicke über die See warf. Auch in seinem hastigen Auf- und Abgehen verriet sich seine Besorgnis. Ich war kein Wetterprophet. Wenn mir aber auch die Anzeichen des Barometers unbekannt gewesen wären, so wären mir doch diese plötzliche Stille, das Aussehen der Luft und die verschwommene Sonne mit dem wild aussehenden Ringe darum höchst bedeutungsvoll vorgekommen.
Als es zwei Glasen schlug, gab Herr Heron, der sich jetzt an Deck befand, den Leuten den Befehl, mit der Arbeit auszuscheiden, und zum Abendbrot zu gehen.
Kein Lüstchen regte sich, und nicht das leiseste Katzenpfötchen konnte auf der spiegelblanken Meeresfläche wahrgenommen werden. Die Sonne stand noch ein gutes Stück über dem Horizont, und hatte den Ring verloren. Dafür stand rechts oben neben dem Tagesgestirn ein dunkler, schwarzer Fleck am Himmel, als ob die Nacht auf der verkehrten Seite der Welt beginnen wollte.
„Siehst Du das, Richard?" rief ich aus, indem ich auf die finstere Erscheinung deutete.
„Ob ich es sehe, Jeß", antwortete er lächelnd. „Ei, ich habe die letzte halbe Stunde beobachtet, wie es sich allmählich zusammenzog."
„Aber wodurch entsteht diese Finsternis? Ich kann keine Wolken entdecken."
„Die Luft ist gar zu dick", erwiderte er. „Die Finsternis ist eben nichts als Wolken. Wie stetig die Dünung von Nordwest her heranrollt! Von dort wird auch der Sturm kommen."
„Du scheinst darauf vorbereitet zu sein", sagte ich und blickte nach oben.
„Noch nicht ganz", antwortete er. „Laß die Leute nur erst essen, und ihre Pfeife rauchen. Sie sollen mich stets entgegenkommend finden; denn ich wil lein« Meuterei haben."
„So weit ist alles gut gegangen, Richard."
„So weit, wie Du sehr richtig sagst. O, wie sehr ich jetzt einen tüchtigen Seemann vermisse, wie ich ihn haben möchte — und haben müßte von Rechts wegen."
Dabei blickte er stirnrunzelnd auf Heron, der nachdenklich die Sonne betrachtete.
Drei Glasen wurden angeschlagen. Mein Mann verließ mich. „Herr Heron, lassen Sie Fock- und Vormarssegel festmachen, und das Großmarssegel dicht reffen."
Der Steuermann wiederholte den Befehl mit lauter Stimme, und die Mannschaft befolgte ihn sofort. Wäre ich selber ihr Kapitän gewesen, ich hätte die Leute nicht mit größerer Spannung beobachten können. Als die Fock aufgegeit war, stiegen alle Mann hinauf, um sie fest-


