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ängstigende Stille unterbrochen könnten. Wenn er doch nur jemand um sich hätte, einen Menschen, der sich mit ihm unterhielte, ein Tier, mit dem er sich beschäftigen könnte. Er hat niemand, er ist allein, ganz allein.
Es wird immer dunkles im Zimmer. Er zündet die Lampe an, und setzt sich aus das Sofa; dann blickt er 'gedankenvoll Vor sich hin.
Draußen heult der Sturm und klatscht der Regen, und die alten Rouleauxstangen klappern und erschrecken den Sinnenden.
„Ob ich hinuntergehe? Ich ertrag's nicht länger allein hier oben". Seufzend erhebt er sich, zieht statt der Pantoffeln warme Schuhe an, bindet sich ein dickes Tuch, um den Hals, und bedeckt den Kopf mit einem Sammetkäppchen. Tann steigt er die zwei Treppen hinab, um in dem im Erdgeschoß gelegenen Restaurant auf andere Gedanken zu kommen. Stunlm setzt er sich! in eine Ecke. Der Wirt begrüßt ihn, schilt auf das Wetter, und wendet sich dann wieder zu den anderen Gästen. Allein, auch! hier allein, -mitten unter Menschen allein. Warum setzte er sich nicht zu ihnen? Warum hielt er den Wirt nicht durch ein Wort fest? Er wußte es nicht; er konnte es nicht; er mußte krank sein. Krank? Er erschrak vor dem Wort. Krank? Das Wort war bei ihm verpönt. Nur nicht trcmf werden, vicht sterben; er fürchtete jede Krankheit; er witterte überall Ansteckungsstoffe. Ein halbes Semester hatte er Medizin studiert; aber dann hatte ihn die Beschreibung all der Krankheiten schon krank gemacht. Seitdem vermied er jedes Kespräch über sie, und hatte eine unbesiegbare Scheu vor allen schkechtgekleideten Menschen, immer durch. Berührrurg mit ihnen die Uebertragung eines Ansteckungsstoffes befürchtend.
_ Er sah vor sich hin. Ihm war fo. sonderbar, die Kehle war ihm trocken, die Lippen brannten — wenn er doch krank würde?
Er wollte lieber Vorbeugen, Milch trinken, Milch mit Cognac, und sich! während der Nacht Umschläge machen.
Langsam schlich- er wieder nach oben in sein Zimmer. Es war still wie zuvor. Eine dumpfe Luft schlug ihm entgegen von den gar vielen Salben und Medikamenten, die auf dem Waschtisch standen; er merkte es nicht, er war daran gewöhnt.
Einen Augenblick zögerte er, dann rief er nach seiner Wirtin, und bat um heiße Milch
Tie Nacht legte ihre dunklen Schatten auf die große Stadt. Düster lag der Park vor Waltelangs Wohnung; der Sturm fuhr in ungemäßigter Stärke durchs die alten Bäume; die Blätter wirbelten zur Erde; unablässig fiel der Regen.
Unruhig lag der alte Mann in seinem Bett, Und! horchte - auf das Heulen des Sturmes und den prasselnden Regen, auf das Klappern des Wetterrouleaux und die vereinzelten dumpfen Tropfen. Er dachte zurück in die Vergangenheit; dunkle Bilder erstanden vor ihm. Er sah vorwärts in die Zukunft — grau und trübe lag sie da. Was konnte sie ihm noch bringen? Er war ein alter Mann; das Leben lag hinter ihm, bald wiirde ihn der Tod hin- wegnehmen, wie der Sturm die Blätter entführte. Er mochte nickt daran denken. Aber die Gedanken kamen immer wieder. Die Hände bald ineinander legend, bald nervös rmgeud, lag er da. Da klopfte es. Dreimal kurz hrutereinander. Der Kranke fuhr zusammen; er richtete sich! auf, er rief — niemand antwortete. Einen Augenblick horchte er noch mit angehaltenem Atem, es war alles still. Da klopft es wieder — ein schwerer Regentropfen ist aus das Gesims gefallen. Erleichtert lehnt sich Waltelang zuruck; ein Seufzer hebt seine Brust. Still horchte er auf die Musik da draußen; seine Jugendzeit fällt ibm ein, wie er als Knabe schauernd hiuausgelauscht hat in die dunkle Nacht, wenn der Sturm tobte und der Regen fiel, wenn draußen alles in Aufruhr war, und drinnen Ruhe und Frieden ausgebreitet lag. Freundlichere Bilder spregeln sich vor seiner Seele; es wird ruhiger in ihm; er schließt die Augen, um ungestört sich in diese Gedankenwelt versenken zu können, und schläft ein.
Als er am andern Morgen erwacht, fühlt er sich! wie zerschlagen. Mißmutig erhebt er sich, mißmutig nimmt erden Kaffee ein. — Nachdem er sich sorgsam eingehüllr hat, geht er langsam und vorsichtig die Treppe hinab. Draußen schlägt ihm der Regen entgegen; geschäftige Menschen eilen an ihm vorüber. Die Pflicht ruft. Die Pflicht ruft auch
ihn; stärker aber als die Pflicht ist die Furcht vor dem Alleinsein. Ihm ist nicht wohl; es liegt ihm in allen Gliedern; aber er mag nicht zu Hause bleiben. Tort kommen ihm' die Gedanken, jene ängstigenden, quälenden Gedanken. Weshalb giebt es eine Erinnerung?
Er spannt seinen Schirm auf, hält ein Taschentuch vor den Mund und mischt sich so unter die hastende Menge, der einzige in ihr, der ruhig seines Weges geht. An der Anschlagsäule vor dem Rathause steht er trotz des Regens einen Augenblick still, aber nur einen Augenblick. Tann hebt die alte Rathausuhr zum Schlagen aus, und als der erste Schlag ertönt, wendet sich Waltelang zum Gehen, und ehe der letzte noch völlig verhallt ist, tritt er in das ehrwürdige Haus ein.
Langsam geht die Zeit.
.. WEelang sitzt an seinem Pult, den Kopf in dre linke Hand gestützt, während er mit der rechten unablässig Papierkügelchen dreht. Seine Kollegen lassen ihn gewähren. Tiefer oder jener fragt wohl einmal nach seinem Befinden; aber auf ein halb unwirsches, halb trauriges Kopfschütteln schweigt er.
Ter Bureaudiener kommt und fragt, was' die Herren zum Frühstück begehren. Waltelang bestellt Milch mit Kognak, dann sitzt er wieder wie vorher.
Endlich rafft er sich auf und beginnt eine fieberhafte Thatrgkeit.' Er prüft das Journal, sortiert die Schriftstücke und legt sie in die Akten, bis er schließlich! zu den alten, vergilbten Bänden aus früheren Zeiten kommt und darin herumblättert, daß der Staub auffliegt und ihn zum Husten reizt. Ta hört er auf, hält sein Taschentuch vor den Mund und geht zurück an sein Pult, während er den Bureaudiener beauftragt, die alten Folianten wieder an Ort und Stelle zu legen. Waltelang aber beginnt das alte Spiel mit den Papierkügelcken; stumm schaut er vor sich nieder, mechanisch! dreht nnd formt er das Papier, seine Gedanken weilen bei etwas anderem. Ein Frösteln geht durch. seinen Körper, er zittert. Ter Bureaudiener bringt chm abermals Milch; aber das Frösteln läßt nicht nach; es wrrd immer stärker. Seine Zähne schlagen zusammen, er bebt am ganzen Leibe, aber er harrt aus.
Endlich schlägt es drei Uhr. Die Fedechklt« fliegen wie auf Kommando auf das Schreibzeug, und naM wenigen Minuten ist es still in dem Bureau; auch Waltslang geht.
„Nur nicht krank tuerden, nur das "...
Er zittert vor Frost und kann sich kaum anfrscht erhalten. Endlich ist er daheim. Besorgt fräst -rh» seine Wirtin, ob sie zum Arzt gehen solle.
„Nein, nein, es wird schon wieder vsrüb«LKrHsn."
„Nur nicht krank werden", murmelt er und leat sich zu Bett, um sich zu erwärmen.
Erst fröstelt ihn, dann rinnt es wie Glut durch seine Adern. Seine Zunge ist trocken, seine Lippen brennen, sein Kopf heiß — er fiebert. Tie Wirtin kommt herein.
„Soll ich nicht doch lieber zum Arzt gehen. Herr Walte- lang?" '
„Ja, gehen Sie."
Der Arzt kommt; die Untersuchung dauert nicht lange. „Lungenentzündung."
Er schreibt ein Rezept und verordnet kalte Umschläge. „Morgen korume ich.wieder." Damit geht er.
Der Kranke ist!wieder allein, allein mit seinen Schmerzen und^ seinen Gedanken.
„Alle Aufregung ist fernzuhalten. Besuch äbzuweisen", hatte der Toktvr gesagt, und die Wirtin handelte ganz nach seiner Vorschrift. Und doch war.jemand da, jemand, den sie nicht sah, von dem sie keine Ahnung hatte, und-' der den Kranken doch mehr auftegte als jeder andere -< die Angst.
Da lag er nun den ganzen Tag allein; niemand sprach mit ihm, niemand erwies ihm Liebes, niemand tröstete
Nur ab und zu kam die Wirtin und setzte ihm Citronen- wasser hin und fragte nmf) seinen sonstigen Wünschen.
Und dann kamen die Gedanken, dann kam die Angst und die Erinnerung, die Erinnerung an Unangenehmes, Quälendes.
Weshalb gerade sie?
Er wollte wieder an seine Kindheit denken, aber es gelang ihm nicht; immer wieder drängten sich andere Bilder vor.
Er hatte viele Jähre lang arg gelebt, iw Saus und


