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wieder wollte es ihm Vorkommen, als glitten ihre braunen Augen beinahe ängstlich forschend über sein Gesicht.

'Gern", sagte sie etwas zögernd,obwohl es eigentlich meine Absicht war, jetzt nach .Hause zu gehen."

Um so höher weiß ich die Gunst zu schätzen, die Sie mir gewähren", brachte Rudolf, der sich auf die herkömmlichen Galanterien' im Verkehr mit jungen Damen Ziemlich schlecht verstand, einigermaßen unbeholfen heraus.

Und nun war mit einem Mal das schelmische Lächeln wieder aus ihrem Gesicht.

Das steht Ihnen frei, Herr Rechtsanwalt, aber Sie müssen es im stillen thun. Ich liebe es nicht, daß man von meinen vermeintlichen Gunstbeweisen viel Aufhebens macht."

Er war gleichzeitig beschämt und entzückt. Als der Klavierspieler eine Polka-Mazurka intonierte, und als er seinen Arm um Lilli legen durfte, fühlte er sein Herz in rascheren Schlägen klopfen. Sie hatte die Augen nieder­geschlagen, so daß ihre langen Wimpern einen feinen Schatten auf die zart gerundeten Wangen warfen, und da durchfuhr es ihn abermals, diesmal viel bestimmter und deutlicher als zuvor, daß er dies alles schon einmal gesehen habe die Augen, die Wimpern, das seine, ge­rade Näschen, und den kleinen, kirschroten Mund. Nur wo und wann es geschehen war, wollte ihm durchaus nicht einfallen, wie er auch während der nächsten Minuten darüber grübelte und sann.

Doch mit einem Mal ward es ihm klar, daß das ein Irrtum gewesen, zugleich aber mit dieser Erkenntnis kam ihm auch die Erklärung dafür. Fräulein Lilli besaß, wie er plötzlich entdeckte, eine unverkennbare Aehnlichkeit mit Margarete Willisen, und er fand es jetzt unbegreiflich, daß ihm das nicht sofort klar gewesen war. Diese Aehnlichkeit mußte ihn getäuscht haben, so daß er sich anfangs einbilden konnte, Lilli selbst schon früher irgendwo gesehen zu haben, was doch zweifellos nicht der Fall war.

(Fortsetzung folgt.)

Das Natürliche in der Heilkunde.

Von Dr. Guth m ann.

Nachdruck verboten.

Das WörtchenNatur" besitzt eine sehr elastischeNa­tur"; es lassen sich damit die glänzendsten Wortspiele zu Wege bringen. In der deutschen Sprache giebt's nur wenig Ausdrücke, die eine größere Zahl von verschiedenen Begriffen in sich schlössen. Leider wird mit dem Worte Natur" mehr im Ernst, als im Scherz gespielt, durchs .liebenswürdiges Geplänkel mit diesem Worte wird nur selten ein fröhliches Lachen entfesselt, dagegen drohen durch das besagte ernsthafte Spiel sehe viele menschliche Köpfe in Ver­wirrung zu geraten; sie wissen am Ende nicht mehr recht, was eigentlich natürlich, und was unnatürlich ist, mag es sich um irgendwelche Handlungen oder körperliche Dinge handeln. Besonders in der Heilkunde ist das Wort in letzter Zeit recht gebräuchliche geworden. Hier finden wir oft, daß! zwei, die siche stundenlange übernatürliche Heilmittel" herumshreiten, einen erfolglosen Kampf mit­einander führen, dabei es niemals zu einer vernünftigen -Einigung kommen kann und zwar nur deswegen nicht, weil jede der sich befehdenden Parteien unter demNa­türlichen" etwas anderes versteht. Wir haben deshalb -Grund genug, uns über das Wesen des WortesNatur"! genau aufzuklären, bevor wir uns mit der Frage be­schäftigen, was wir wissenschaftlich unternatürlichen" Heil­mitteln verstanden wissen wollen.

Wenn man dieNatur" in ihrer weitesten Bedeutung; auffaßt, so denkt man sich- darunterdie große Mutter aller Dinge", dieallumfassende und allerhaltende" Natur. In diesem Sinne gäbe es, da nichts aus der Natur herans- genommen werden kann, überhaupt nichts Unnatürliches. In diesem Sinne würde auch eine Mutter, die gegen das allgemein giltige Gesetz der Mutterliebe ihr Kind grausam behandelt, nichts Unnatürliches vorstellen, da die Natur selbst ja zu einer derartigen häßlichen Erscheinung gefühit hat. Wenn man aber von einerunnatürlichen" Mutter spricht, so versteht man darunter eine Mutter, die in ihvem Wesen von der durchschnittlichen Art der Mütter

abweicht. Aber was in der Natur die Regel ist nennt man natürlich", die Abweichung von der Natur wird alsun­natürlich" bezeichnet. Einer, der auf den Händen herum­spaziert, statt die Füße zu diesem Vorgang zu benutzen, bedient sich einer unnatürlichen Art der Fortbewegung. Schließlich versteht man unter Natur noch- den Charakter eines lebenden Wesens. Jedes Wesen hat eine seiner Art zukommende eigentümliche Natur, und unterscheidet sich noch von dem ihm gleichartigen Wesen durch seine be­sondere persönliche Anlage. Der Löwe ist tapfer, der Hase feige es giebt unter den Hunden sanfte und wilde Naturen". Wir könnten die Beispiele häufen, aber wir haben schon genugsam zu unserem Schrecken gesehen, welchen Irrungen und Wirrungen uns das WörtchenNatur" aus­zusetzen vermag, und wir beginnen sehr nachdenklich zu werden, wenn wir uns jetzt dem Kapitel über dienatür­lichen" Heilmittel zuwenden.

Es gab eine Zeit, in der man sich über die Natur des Menschen und über das Wesen der Krankheiten in völliger Unkenntnis befand. Wie der Mensch in den Uranfängen seiner Entwickelung über derartige gelehrte Fragen denkt, das können wir dadurch am besten kennen lernen, daß wir uns in das primitive Geistesleben wilder Volksstämme, Indianer, Afrikaner, oder Australier, vertiefen. Wie die Wilden das Leben selbst für einen in den toten Körper von außen hineinwehenden Hauch, ansehen, so ist ihnen die Krankheit desgleichen weiter nichts, als ein in den Menschen hineinfahrender böser Geist. Sie suchen bekannt­lich, ihrer Ansicht nach, aus demnatürlichsten" Weg« diesen Teufel aus dem Leibe ihres Mitmenschen durch Beschwörungsformeln und einen Höllenlärm, den sie voll­führen, herauszutreiben. Uns fortgeschrittene Menschen hat die N a t u r w- i s s e n s ch a f t darüber belehrt, daß, der Vor­gang des Lebens im lebendigen Körper einen ähnlichen, blos viel verwickelteren Prozeß, darstellt, als der Vorgang der Arbeit in irgend einer Maschine. Das Leben ist vom Körper ebenso wenig loszulösen, wie die Arbeit von der Maschine. Wenn der Körper zertrümmert wird, erfolgt gleich­zeitig die Vernichtung des Lebens, wenn die Maschine zer­bricht, so hört ihre Arbeitsleistung damit aus. Nun braucht weder beim lebendigen Körper, noch bei der Maschine immer gleich eine vollkommene Zerstörung des- ganzen Gesüges einzutreten. Es kann an den Teilen etwas' zerbrechen oder in Unordnung kommen, so daß die Thätigkeit des Lebens oder die Arbeitsleistung dadurch nur beeinträchtigt wird-, ohne doch, ganz ins Stocken zu geraten. In solchem Falle sagt man von «einem lebendigen Körper, daß er krank ist, von einer Maschine, daß sie nicht regelrecht, d. h. n i ch t normal schafft-

Nun bemerken wir alsogleich den gewaltigen Unter­schied zwischen der Natur des lebenden Körpers und der Natur einer von uns gebauten Maschine. Die Maschine müssen wir, sofern sie überhaupt wieder herstellbar ist, ausflicken oder mit neuen Teilen versehen, um sie wieder heil zu machen, im lebendigen Körper dagegen werden Lebensäußerungen eigentümlicher Art von selbst rege, die darauf hinauslaufen, die schadhaften Stellen im Innern auszubessern. Wenn sich einer in den Finger schneidet, so wird von den getrennten Gewebsflachen ein Stoff er­zeugt, vermöge dessen die zerschnittenen Teile wieder zu­sammenwachsen. Wenn ein Fremdkörper in den Kehlkopf hineingerät, so verursacht er infolge des Reizes einen Hustenstoß, durch den es häufig gelingt, den fremden Ein­dringling herauszuschleudern und so den Erstickungstod abzuwehren. Wenn ferner Pilze, Krankheitserreger in das Gewebe oder in die Blutbahn einbringen, so sucht der Körper diese durch Harn und Schweiß aus sich heraus­zuscheiden; er bildet den Giften der Pilze gegenüber Gegen­gifte, Impfstoffe, die die schädliche Wirkung der ersteren aufheben sollen; er stellt seine Temperatur auf einen höheren Wärmegrad ein, was dem Gedeihen und der Fort­pflanzung der Pilze sehr nachteilig ist Es giebt also in der menschlichen Natur eine ganznatürliche" Heilkraft, die alle krankhaften Schädlichkeiten auszugleichen strebt. Leider ist diese natürliche Heilkraft den Anforderungen, die an sie gestellt werden, nicht immer gewachsen. Die mediziüische Wissenschaft und Kunst sucht 'das Wesen dieser natürlichen