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in den Bergen, Fräulein von Ranten", sagte er, „da Sie mit allem so Wohl vertrant sind."
„Es ist der dritte Sommer, den ich hier verlebe. Aber ich kenne freilich keinen anderen Weg so gut als gerade diesen. Ich gehe ihn beinahe täglich; denn es ist der Weg zu meinem Lieblingsplätzchen."
„Hat dieses Lieblingsplätzchen auch einen Namen, der es für andere Sterbliche auffindbar machen würde?"
„Nein. Ich habe es ganz allein aufgespürt, und ich werde mich wohl hüten, das Geheimnis preiszugeben. Würde es dann doch wahrscheinlich bald genug um meine schöne Bergeinsamkeit geschehen sein."
„Geraten denn Ihre Angehörigen nicht in Sorge, mein Fräulein, wenn Sie so lange mutterseelenallein hier oben weilen? Ich für meine Person habe ja alle Ursache, mich dessen zu freuen, aber ich würde gewiß in schrecklicher Angst um Sie sein, wenn ich jetzt als Ihr Bruder oder Ihr Vater unten im Thal auf Ihre Heimkehr warten müßte."
„Um mich ängstigt sich niemand", sagte sie so gelassen und einfach, wie man etwas ganz Natürliches ausspricht. „Einen Bruder habe ich nicht, und mein Vater ist nicht hier. Die alte Dame aber, in deren sogenannter Obhut ich mich seit Jahren befinde, hat sich derartige Thorheiten längst abgewöhnt — zu ihrem eigenen Besten; denn ich vermute, daß sie sonst aus den Angstzuständen gar nicht herauskäme."
Die letzten Worte begleitete sie wieder mit dem schelmischen Lachen, das Rudolf vorhin so bestrickend gefunden hatte. Wie gering auch immer die Vertraulichkeit sein mochte, die sie ihm durch ihre Mitteilungen erwiesen, sie bereitete ihm doch ein sehr lebhaftes Vergnügen, und er würde sich letzt gewiß auf das Eifrigste bemüht haben, die Unterhaltung im Fluß zu erhalten, wenn nicht Fräulein Lilli zu seiner schmerzlichen Ueberraschung diese gute Absicht vereitelt hätte.
Sie blieb plötzlich wieder stehen, und sagte: „Hier geht's nach der Villa Luise — und das ist mein Weg. Um ins Dorf oder zu den Gasthöfen zu gelangen, brauchen Sie nur die bisherige Richtung inne zu halten. Ein Verirren ist ganz unmöglich. Gute Nacht!"
An seinem Gegengruß schien ihr nicht viel zu liegen; denn sie eilte so schnell davon, daß sie ihn wohl kaum noch hören konnte.
Rudolf fühlte sich einen Augenblick sehr stark versucht, ihr zu folgen, obwohl sie ihm ja deutlich genug gesagt hatte, daß dies nicht sein Weg sei; aber er besann sich; dann doch noch zur rechten Zeit, daß er damit eine arge Ungeschicklichkeit begehen würde, und wanderte seine Straße weiter.
Seine Gedanken freilich hätten sich mit der neuen Bekannten nicht lebhafter und ausschließlicher beschäftigen können, wenn sie noch immer leibhaftig an seiner Seite gegangen wäre. Ja, er merkte es eigentlich erst jetzt, einen wie starken Eindruck sie mit ihrer zierlichen Anmut, ihrer Verwegenheit, der Frische und Munterkeit ihres Wesens auf ihn gemacht hatte. Von ganzem Herzen fühlte er sich dem Zufall verpflichtet für die Gunst, die er ihm da erwiesen, und es stand unumstößlich in ihm fest, daß diese erste Begegnung mit Lilli von Ranten nicht auch die einzige bleiben dürfe.
Achtes Kapitel.
Als Rudolf Irnberg am nächsten Morgen den ersten Blick zum Fenster hinauswarf, machte er die überraschende Wahrnehmung, daß die Welt seit gestern viel schöner geworden war. So köstliches" Himmelsblau, so goldigen Sonnenschein, so viel lachende, prangende Herrlichkeit der Natur meinte er seit langem nicht mehr gesehen zu haben, obwohl doch auch während der verflossenen Tage die Sonne hell am blauen Himmel gestanden, und dasselbe großartige Landschaftsbild mit ihrem Glanze verklärt hatte.
„Lilli von Ranten", sagte er vor sich hin, während er rasch seine einfache Toilette machte, „ein hübscher Name! Wenn ich es nur herausbringen könnte, wo ich ihn schon gehört habe. In der Billa Luise also! Nun, da es ja ja ganz gleichgiltig ist, wohin ich meinen Moraenspazier- gang mache, kann ich ebensogut einmal an der Villa Luise vorübergehen."
Dem Vorsatz folgte die That. Aber wenn er gehofft
hatte, daß sich ihm der Zufall abermals dienstwillig erweisen, und ihm Fräulein Lilli im Garten oder wenigstens an einem Fenster des Hauses zeigen würde, so fand er sich enttäuscht. Und er mußte sich überdies zu seinem Verdruß mit einmaligem Vorübergehen begnügen; denn die Villa war offenbar noch von verschiedenen anderen Sommergästen bewohnt, und ein dickes, verdrießliches Ehepaar, das Kaffee trinkend im Vorgärtchen saß, hatte den frühen Spaziergänger ohnehin mit mißtrauischen Blicken beobachtet.
Etwas herabgestimmt kehrte Rudolf auf einem Umwege in das Dorf zurück. Und um die rosige Laune, in der er den jungen Tag begrüßt hatte, war es ganz und gar geschehen, als er sich vor dem größten Hotel des Ortes bei seinem Namen angerufen hörte, und als er in dem Rufenden einen alten Schulkameraden und Studiengenossen erkannte, der mit ausgestreckten Händen auf ihn zueilte, und dem er wohl oder übel standhalten mußte.
Bei der großen Freude, die Doktor Stahlschmidt über die unverhoffte Begegnung an den Tag legte, war an ein Entkommen vorläufig nicht zu denken, nm so weniger, als Rudolf es in solchen "Fällen grundsätzliche verschmähte, sich einer sogenannten Notlüge zu bedienen. Der Doktor gedachte eine Woche lang hier zu verweilen, und wenn auch der junge Rechtsanwalt entschlossen war, sich an den folgenden Tagen seine Freiheit unter allen Umständen zu wahren, so ergab er sich doch für heute mit verstohlenem Seufzen in sein Geschick.
Auch die Einladung, nach einem großen Ausfluge, den sie gemeinsam unternommen, mit Stahlschmidt um sechs Uhr an der Wirtstafel zu speisen, hatte er trotz seines Widerwillens gegen derartige geräuschvolle Massenmahlzeiten angenommen, um den alten Kameraden nicht zu kränken. Sie saßen nunmehr nach dem Essen auf dem freien Platz vor dem Gasthofe in etwas schleppendem Gespräch bei einander, als aus den geöffneten Fenstern des Saales die Klänge eines Klaviers zu ihnen heraustönten.
„Der Donauwalzer!" rief Doktor Stahlschmidt freudig, indem er zugleich wie elektrisiert von seinem Stuhl in die Höhe fuhr. „Was gilt's, altes Haus — da drinnen wird getanzt! Und ein paar Kerle wie wir, dürfen dabei natürlich nicht fehlen."
Rudolf, der den Anlaß sehr gern benutzt hätte, um sich zu verabschieden, erklärte zwar mit Bestimmtheit, daß er nicht tanzen werde, aber der andere gab ihn darum doch nicht frei.
„So laß uns wenigstens ein bischen zusehen. Es waren so viele hübsche Mädchen an der Tafel. Komm, fei kein Spaßverderber! Wozu sind wir denn in der Sommerfrische, als um uns zu vergnügen!"
Es half ihm nichts — er mußte sich fügen. Aber er hatte kaum von der Thüre aus einen Blick in den Saal geworfen, in dem sich fünf oder sechs Paare nach dem feurigen Rhythmus des beliebten Tanzes' drehten, als sein Gesicht fidf seltsam erhellte, und fein bisheriges zauderndes Widerrstreben sich in lebhafteste Teilnahme verwandelte. Hatte er doch in einer der Tänzerinnen Lilli von Rauten erkannt, feine holde Lebensretterin, wie er sie mit einiger Uebertreibung ihres Verdienstes in feinen Gedanken nannte, und erwartete er doch mit sehnsüchtiger Spannung den Augenblick, wo er sich ihr würde nähern dürfen.
Seine Geduld wurde da freilich! auf eine ziemlich harte Probe gestellt; denn Fräulein Lilli erwies sich hier als ebenso ausdauernd wie gestern bei der beschwerlichen Kletterpartie. Erst als der Herr am Klavier zu spielen aufhörte, gönnte sie ihrem völlig erschöpften ■ und atemlosen Tänzer Ruhe.
In der nächsten Sekunde schon war Rudolf Irnberg bei ihr.
„Guten Abend, Fräulein von Rauten", sagte er, und wenn sie ein scharfes Ohr hatte, konnte ihr das freudige Beben seiner Stimme kaum entgehen. „Ich bin glücklich, zu sehen, daß das gestrige Abenteuer Ihnen nichts geschadet hat. Darf ich Sie um die Ehre des nächsten Tanzes bitten?"
Sie trug heute ein weißes, bis zum Halse geschlossenes Kleid, und schien ihm fast noch reizender als gestern. Aber sie war nicht ganz so unbefangen, ©eine Anrede hatte sie offenbar in Verlegenheit gebracht, und


