Dienstag den 20. August

1901

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ersten Anblick hatte er die sichere Empfindung gehabt, daß sie eine junge Dame aus gutem Hause sein müsse, und wenn ihn die beinahe knabenhafte Freiheit ihres Wesen- daran inzwischen ein wenig hatte irre werden lassen, so, fühlte er seine anfängliche Ansicht nun aufs neue befestigt. Er hielt es denn auch für geboten, sein eigenes Verhalten danach einzurichten. r

Die ungewöhnlichen Verhältnisse, unter denen unsere Bekanntschaft zu stände kam", sagte er,mögen es, ent­schuldigen, daß ich mich Ihnen bisher noch nicht ^einmal vorgestellt habe. Ich bin der Rechtsanwalt Ludolf Amberg aus B, und icE), würde es als eine große Gunst ansehen, wenn Sie mich erfahren liehen, wen ich, künftig als mente Lebensretterin zu verehren habe." .

Ter Weg war jetzt breit genug, daß sie nebeneinander gehen konnten, und Rudolf bemerkte, daß sie auf seine letzten Worte hin ihn ein paar Sekunden lang forschend ansah, ehe sie noch immer mit einigem Zögern er­widerteIch heiße Lilli von Ranten. Aus Verehrung aber erhebe ich keinen Anspruch- weil ich mir nicht bewußt bin, daß ich sie verdient hätte."

Der Name klang ihm ins Ohr, als horte er ihn nicht zum ersten Mal, und wieder, tote es schon bei ihrem ersten Anblick der Fall gewesen war, regte sich in ihm zugleich eine dunkle Vorstellung, daß er dieses anmutige junge Wesen, das so leichtfüßig an seiner Seite dahinschirttt, nicht zum ersten Mal in seinem Leben sehe. Er zerbrach! sich den Kopf, wo er ihr wohl schon begegnet sein konnte, aber er kam bald zu dem Schluß, daß ihn irgend eine zusällige Aehnlichkeit täuschen müsse; denn sein Verkehr mit Damen der vornehmen Gesellschaft beschrankte sich aus einige so vereinzelte Fälle, daß er sich gewiß daran er­innert haben würde, wenn das Fräulein von Ranten dar­unter gewesen wäre.

Ihr Gespräch war seit der gegenseitigen Vorstellung ins Stocken geraten. Die liebenswürdige Führerin Wal­es, die zuerst das lauge Schweigen brach, indem sie an einer Stelle, wo der in Windungen abwärts! führende Pfad wieder schmaler wurde, auf ein roh gezimmertes Geländer zu ihrer Rechten wies.

Schauen Sie einmal da hinunter ! Es ist die so­genannte Adlerwand, ein fast senkrechter Absturz. Wenn es jetzt nicht schon so dunkel wäre, könnten tote auch hier an dem Marterl lesen, daß da vor vier Jahren einjunger Maler abgefallen ist, und auf der Stelle seinen $ob ge­funden hat. Natürlich hat man erst nach jenem Unglnck das schützende Geländer angebracht."

Rudolf war ihrer Aufforderung gefolgt, und an die aus einigen jungen Stämmen zusammengefugte Brustwehr getreten. Unheimlich schwarz gähnte ihm die -mese zu seinen Füßen entgegen.

Sw weilen vermutlich schon seit längerer Zeit hier

Seme gewähren, ungerne bitten,

Niedres verheißen, Hohes leisten:

Sind stolzer Ehre beste Sitten, Der nur ein Edler sich mag erdreisten.

Reim ar v. Zweier.

(Nachdruck verboten.)

Der Schmetterling.

Novelle von ReinholdOrtrnann.

(Fortsetzung.)

Sie behandelte ihn so unbefangen, wie sie etwa mit einem verlaufenen Kinde umgegangen sein würde. Wenn er sich vor dem schwierigen Uebergange geängstigt hatte, was allerdings nicht im mindesten der Fall war, so wäre die sorglose Sicherheit dieses merkwürdigen jungen Ge­schöpfes sicherlich ganz danach angethan gewesen, feine Angst zu verscheuchen. Sie ging vor ihm, den Rücken gegen die Felswand, und das Gesicht dem Abgrund zugewendest an dem sich der schmale Steig dahinzog. Mit festem Druck umschloß ihre Hand seine Finger, und sie ahnte es offen- bar nicht, daß die lebendige Wärme, die er aus die,er kleinen Faust in sich hinüberströmen suhlte, ihn ungleich mehr verwirrte, als die Gefahren des immerhin nicht un­bedenklichen Weges.

Doch wenige Minuten nur, und sie hatten ihn glücklich überwunden.

Nun sind Sie da, wo Sie bei einiger Ortskenntnis wohl schon vor einer halben Stunde hätten fein,tonnen", sagte sie, indem sie seine Hand losließ.Von hier geht's so gemächlich, und so sicher bergab, daß man's zur Not mit verbundenen Augen machen könnte. Es kommt wohl noch eine gefährliche Stelle, aber sie ist durch ein sestes Geländer hinlänglich geschützt. Hätten wir nicht zufällig den nämlichen Weg, so würde ich es für überflüssig halten, Sie weiter zu begleiten."

Um so besser für mich, daß toir den nämlichen Weg haben, mein Fräulein! Wie aber soll ich es nun anfangen, Ihnen nach Gebühr zu danken?" _ c r

Sie sollen mir gar nicht danken. Es ist doch selbst­verständlich, daß in solcher Lage ein Mensch dem anderen beisteht. Und außerdem ist es jetzt vorbei. Es wäre mir unangenehm, wenn Sie noch viele Worte darüber machten."

Es war in dieser letzten Bemerkung ein leiser Klang von vornehmer Zurückweisung, der nach Rudolfs Meinung zu ihrem bisherigen Benehmen nicht recht stimmen wollte, ihm aber trotzdem keineswegs mißfiel. Schon bei ihrem