218
ähc fuhr eben wieder denselben Weg in sein bestes Revier, aus dem er dem Polentz schon manchen fetten Bissen geholt, aber der fetteste war noch übrig. Jetzt tag er bereit. Der alte Besitzer des Anwesens hatte es dem .Sohne übergeben, und der war schon lange mürbe gemacht.
Johannes zögerte immer noch mit dem Abschlüsse, der Alte that ihm leid. Er war ohnehin kränklich. Vielleicht starb er vorher.
Gestern aber drängte Polentz. Er müsse das Gut haben, es sei bereits wieder so gut wie verkauft an eine Holz- stvfffabrik.
Seine Erregung fiel ihm auf, sein Hasten. War es doch sonst seine Art nicht, und das Objekt nicht so bedeutend.
Wenn er um jeden Preis Geld brauchte, so könnte er doch für den Augenblick ans den Kapitalien schöpfen, die bei ihm lagen.
Narr! Als ob der Haufen Geld tot int Eisenschranke liegen könnte. Ter arbeitet ja draußen, trägt die Prozente. Das weiß doch jeder Mensch.
Er braucht einfach Geld, das kommt in den besten Geschäften vor, daß es einmal ausgeht. In keinem Falle möchte er es in irgend etwas verfehlen, nur das nicht. Auf den einen kommt es jetzt auch nimmer an, und dessen Schaden ist es ja nicht.
Von neuem hieb Johannes auf den Schimmel ein.
Nur das eine Mal noch, dann will er nichts mehr wissen von dem ganzen Geschäfte. Tann nimmt er seine kimfzigtausend Mark und zieht sich zurück. Mit dem kleinsten Erträgnis will er sich gerne zufrieden geben.
Vielleicht kauft er selber noch ein kleines Güt'l, oder er zieht mit seiner Frau zu Rosl hinaus. Tas müßte ein Glück sein! Seine Ruhe wieder haben, keine Angst, keine Sorge, keine — Gewissensbisse.
Ter Schimmel fing jetzt sogar zu galoppieren au, so daß er die Zügel anziehen mußte.
Tas Dorf Fechingen lag zwei gute Stunden von der Stadt entfernt, mitten im besten Getreideland.
Bei dem unnatürlichen Steigen des Bodenwertes sahen !ich die verschiedenen Industrien, welche sich früher an der Grenze der Stadt niedergelassen hatten, genötigt, das flache Land aufzusuchen.
Fechingen eignete sich infolge seiner Lage an zwei großen Heerstraßen vortrefflich dazu, und ' Polentz & Altinger waren es, welche zuerst ihre Augen darauf warfen, nachdem in der Stadt selbst schon längst kein Geschäft mehr zu machen war.
So erfreuten sich die guten Fechinger bereits verschiedener chemischer Fabriken, welche schädliche Dünste ringsum über die Fluren sendeten, und die Leute hatten die begründete Aussicht, anstatt ihres früher an den Sonntagen von den Städtern mit Freude ausgesuchten reizenden Dorfes einen Fabrikvorort der Haupt- und Residenzstadt zu bewohnen.
Das ging denn gar vielen, welche mit warmem Herzen an ihrer alten Heimat hingen und sich nicht mit Verkaufsgedanken trugen, wider den Strich.
So kam es, daß der Einspänner des Johannes nichts weniger als freudig begrüßt wurde, als er jetzt durch das Dorf fuhr. Man grüßte nur widerwillig, da und dort sivg ihm ein hartes Schimpfwort nach, oder man drohte gar mit der Faust.
Wo er wohl halten wird, der Johannes? ■
Man ahnte es zwgr, wußte es beinahe bestimmt, aber es ließ einem keine Ruhe. Man machte sich auf und folgte der frischen Wagenspur.
Fehlt sich nix! Wie nur das Volk gleich Wind be- Zommt von allem! Vor dem schönsten Anwesen hielt er, vor dem Fechinger Bot'. Und richtig, im Schuppen daneben stand ein ebenso bekannter Wagen, der des Notars! Also schon abgemacht! Wieder ein schönes Anwesen weniger, und wer wußte, welch neuer Stinkkasten an seine Stelle kommen sollte. Er soll sich nur in acht nehmen vor dem Alten, dem sei net z'trau'u, wenn er glei scho halb weg iS.
Auch Johannes erkannte auf den ersten Blick den Wagen im Schuppen. Tas ging ja vortrefflich.
Ein junger Mann kam heraus, Hochaufgefchssfen, städtisch gekleidet, mit einem finsteren Gesichtsausdruck. Ohne Gruß machte er sich daran, den Schimmel aus- zuschirren.
Johannes hatte ein peinliches Gefühl. Gr mußte immer an feinen Matthes denken, wenn er den Menschen ansah
„Na, das is schön, Bot'", begann er, „daß d' glei den Notar b'stellt hast."
„Was will i denn mach'n!" erwiderte dieser verdrossen, den Gaul herumreißend. „Gebt's ja fei Rnah. G'rad treib'n und treib'n. Hälft net no a Woch' wart'n könna, nachher hält' er's ja scho überstand'n g'habt, der Vater."
Johannes stieg das Blut in das Gesicht. „I wollt ja, aber — mein Gott, i kauf ja net, der Polentz kauft. I bin ganz unschuldi, i zwing niemand, kann niemand zwinga."
Ter junge Mann lachte höhnisch und zog den Schimmel tu den Stall. „Geh' nur in d' Stuben zum Notar, i komm' glei. Aber daß d' di net verfehlst, z'nachst neben der Stall- thür liegt der Vater. I glaub', es wär' sein End', wenn er Di sah'."
Johannes gingen die Worte durch und durchs. Hatte er die Qual nicht selbst erlebt, und jetzt stand er mit seinen weißen Haaren auf der Seite des Sohnes gegen den Vater, gegen den sterbenden Vater, — er, der Bauer vorn Wald!
O, es war zum in den Boden sinken vor Scham.
Aber er war ja unschuldig, handelte ja nur im Auftrage. Er konnte das größte Unglück anrichten, wenn er zögerte. Ter Gedanke richtete ihn wieder auf.
Aber er wagte es nicht, allein das Haus zu betreten. Er könnte sich doch irren, der Alte ihm begegnen — er ertrüge seinen Anblick nicht. Erst als der Bot' kam, trat er dicht hinter ihm in das Haus.
Ehe dieser die Wohnstube betrat, rief eine heisere Stimme: „Matthes! Wer is da, Matthes? I bitt’ Di, Matthes."
Ter 'junge Mann — er hieß gerade wie sein eigener Sohn — machte Johannes ein schweigendes Zeichen, einzutreten und eilte hastig in die Kammer neben der Stallthür.
„Matthes" — die Stimme klang jetzt zitternd in qualvoller Angst — „schau, i mach's ja nimmer lang — g'rad so lang wart'!"
Johannes stand, wie angewurzelt auf dem Flur. Der Schweiß stand ihm auf der Stirne, und doch mußte er horchen auf die furchtbare Stimme.
Der Sohn flüsterte beruhigende Worte, die man nicht verstand.
„I dank- Dir, Matthes, i will Dir ja glaub’«, so schlecht kann ja niemand sein." Die Stimme verlor sich in ein weinerliches Gewimmer.
Johanes mußte sich auf feinen Stock stemmen. Der Atem versagte ihm fast. Hinein in die Kammer und dem Alten auf den Knieen abbitten, das wäre ihm jetzt das nächste gewesen. Da trat schon der Bot' heraus.
Er schloß sorgfältig die Thüre und lachte verschmitzt. „Dem hab’ i gesagt, der Roßdoktor sei komma! Aber jetzt komm’ eina."
In der Stube wartete der Notar und sein Gehilfe. Ter Handel bot wenig Schwierigkeiten. Johannes hatte nicht die geringste Einwendung auf die Forderung des Bauern. Ter Verkauf umfaßte alles bewegliche und unbewegliche Gut, so daß eine weitere Inventaraufnahme nicht notwendig ivar. Belastung war keine vorhanden.
Von dem Kaufpreis sollten nur fünftausend Mark in bar ausbezahlt werden, der Rest von sechzigtausend Mark sollte in der Bank des Polentz bleiben zu zehn Prozent. So lautete die Vollmacht des Johannes.
Der Notar zögerte bei dieser Bedingung. „Warum verlangen Sie nicht eine größere Barzahlung?" fragte er den jungen Manu. „Tas' Haus Polentz kann ja zahlen." „Aber i kann ma keine zehn Prozent veroiena, mit allem Rackern net. Da war i do bmurrt!" meinte dieser. „Er rnuaß 's sogar b’halt’n, die fechzigtausend Mark, sonst mag i net."
Sonst freute sich Johannes über das Zutrauen der Leute, jetzt war es ihm, als müsse er Öen jungen


