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Geheimnis muß sich hinter alledem verbergen. Wenn es uns nur gelingen möchte, es zu enthüllen."
Sie reichten sich die Hände wie in den alten, glücklichen Tagen, und während Margarethe mit langsamen, müden Schritten nach Hause zurückkehrte, setzte Hilde mit um so größerer Hast ihren Weg fort, der sie wieder, wie am ver- slossenen Abend, nach der Wohnung des Doktor Hermann Müller in der neuen Heilanstalt führte.
Der junge Arzt, mit dem sie gestern gesprochen hatte, war eben int Begriff, das Bor gemach zu verlassen. Sobald er sie erkannte, öffnete er mit einem kleinen, bedeutsamen Lächeln ohne weiteres die Thür des Krankenzimmers, sodaß sich Hilde dem Doktor gegenüber sah, noch ehe sie Zeit gehabt hatte, sich aus eine passende Anrede vorzubereiten. Und ihre Verwirrung war um so größer, als Hermann Müller gar nicht in dem Maße den Eindruck eines Schwer- kranken machte, wie sie es trotz der gestern empfangenen beruhigenden Versicherungen erwartet hatte. Er saß in einem Lehnstuhl nahe dem Fenster, eine seidene Decke über den Knieen und mit Kissen gestützt. Das Licht der Wiuter- sonne fiel aus sein Haupt, und für Hilde war es, als ob das lockige graue Haar sein jugendliches Antlitz wie mit einem Glorienschein umgäbe.
Gewiß war er aus das Höchste überrascht, sie zu sehen. Aber diese Ueberraschung äußerte sich in einem Aufleuchten der Freude, wie es sonniger kaum je ein Menschengesicht verklärt haben konnte. Und in dem Augenblick, da er mit unsicherer Stimme, aber in einem nicht mißzuverstehcnden Tone ausrief: „Fräulein Hilde — Sie?!" — in diesem Augenblick fiel wie unter der Berührung eines Zauberstabes alle Befangenheit und Verwirrung von der jungen Besucherin ab. Sie ging auf ihn zu, und, nachdem sie blitzschnell den Handschuh abgestreift hatte , legte sic ohne alle Scheu ihre Siechte in seine, dargebvtene Hand.
„Ja, Herr Doktor — ich bin's. Ich wußte ja, daß Sie mir nicht die Thür weisen würden, obwohl mein Bruder unter dem schändlichen Verdacht steht, Ihnen nach dem Leben getrachtet zu haben."
, „Hoffentlich halten Sie nicht mich für den Urheber dieses unsinnigen Verdachtes, mein liebes Fräulein! Noch heute früh habe ich dem Untersuchungsrichter auf das Bestimmteste erklärt, daß er sich nach ineiner festen und unumstößlichen Neberzeugung in einem ganz gewaltigen Irrtum befindet. Die Rechtfertigung Ihres bedauernswerten Bruders muß ohne allen Zweifel in kürzester Zeit erfolgen."' (Fortsetzung folgt.)
Frau Perchta.
Aus der Weihnachtszeit, von Bernhard O h r e n b e r g.
(Nachdruck verboten.)
Friedliche Sonntagsruhe herrscht in der alten Handelsstadt an der Ostsee; eine dichte Schneedecke hat Giebel und Simse der ehrwürdigen Patrizierhäuser mit losem, weißem Flaum verbrämt, und die Straßen in eine glatte Schlittenbahn verwandelt.
Tas ist das richtige Weihnachtswetter, wie es unsere Kleinen, sich wünschen; nun können die Knaben ein lustiges Gefecht mit Schneebällen auskämpfen, und der Jubel ist groß, wenn eine Schneebombe auf dem Haupt des Getroffenen platzt. Auch ist es ein prächtiger Zeitvertreib, in emsiger Arbeit einen drolligen Schneemann aufzubauen, der dann breit und protzig dasteht, und mit dem käseweißen Gesicht die Spatzen schreckt.
.... Im Salon des Wein-Großhändlers Bernardi ist ein kleiner Kreis von Verwandten und Freunden zu traulicher Plauderstunde vereinigt; — das soeben noch lebhaft geführte Gespräch stockt plötzlich, da wird hastig die Thür geöffnet, und die Bernardischen Kinder treten ein. Voran die flachshaarige Gertrud, deren rosiges Gesichtchen von der molligen Pelzkappe umrahmt ist; sie hält in der kleinen Faust, umhüllt vom weißen Wollhandschuh, eine Peitsche. Nach ihr kommt der ältere Bruder Hugo, ein kräftig gebauter, dunkellockiger Knabe mit fröhlich blitzenden Augen. Nach artiger Begrüßung der anwesenden Gäste eilen beide auf die Mutter zu. Gertrud bittet:
tj „Ach, liebe Mama, erlaubst Du, daß wir noch ein Stündchen Schlitten fahren? — Hugo will sich als Pferd Vorspannen."
Schmeichelnd ergreift der Knabe die Hand der Mütter,
und bettelt: „Erlaube es doch, Herzensmama! Valentin wird uns auch begleiten."
„Der Valentin verwöhnt Euch viel zu sehr", spricht Frau Bernardi in leise schmollendem Ton, — sie ist nämlich ein ivenig eifersüchtig auf den alten, treuen Diener, der die Kinder seines Herrn abgöttisch liebt.
„Wozu brauchst Du denn die Peitsche, kleine Maus?" fragt eine anmutige junge Frau, die sich int Schaukelstuhl wiegt.
„Nun, das kannst Du Dir doch denken, Taute Sontheim; — !venn mein Pferdchen nicht flink trabt, dann bekommt es Hiebe, — thut aber nicht weh!" fügt die kleine Herrscherin mit schelmischem Lächeln gnädig hinzu.
„Na, dürfen wir, Mama?" mahnt Hugo ungeduldig.
„Trollt Euch nur, aber bleibt nicht zu lange fort — vielleicht kommt heute abend der Knecht Ruprecht", sagt Frau Bernardi, und gießt ihrem Knaben einen liebkosenden Schlag.
„'Ach, — der Ruprecht! — wenn er's nicht besser kann", lautet die spöttische Antwort, und Trudchen ruft lachend:
„Es ist ja doch nur der Onkel Paul int Schafpelz."
Nachdem die Geschwister das Zimmer verlassen haben, wendet sich Herr Bernardi belustigt zu seinem Schwager: „Hast Du die Kritik Deiner vorjährigen Leistung gehört?"
„Leider!" bestätigt lächelnd Professor Wolfram.
Der gelehrte Herr ist zwar in den Volksfagen aller Länder bewandert, besitzt aber wenig schauspielerisches Talent.
Vom grauen Winterhimmel rieselt der Schnee aufs neue sanft herab; — wenn die großen Flocken durch den Lichtkreis der Laterne schweben, glänzen sie wie silberne Sterne.
„Frau Holle schüttelt schon wieder tüchtig ihre Betten", spricht die verwitwete Frau Forstrat Bernardi; die alte Dame sitzt dicht am flackernden Kaminfeuer, und ist eifrig mit einer Filet-Arbeit beschäftigt.
„Aber, verehrte Tante, heute könntest Du doch! die fleißigen Hände ruhen lassen, — Arbeit am Sonntag ist ja verboten", spricht der Hausherr neckend.
„Nein, nein, das lasse ich mir nicht wehren, lieber Neffe", entgegnet lächelnd die Greisin, „Arbeit ist mir ein Bedürfnis, und wenn Weihnachten so nahe ist, inuß man sich sputen. — Du weißt, ich stamme noch aus jener alten Zeit, !vo die Töchter niemals die Hände müßig in den Schoß legen dnrften. Lang', lang'' ist's her, als in meinem Geburtsorte, der tief in den Harzbergen versteckt liegt, an den langen Winterabenden noch lustig die Spinnräder schnurrten. Da versammelten sich die jungen Mädel bei meiner Mutter int stillen, gemütlichen Pfarrhause; wir waren eifrig bestrebt, unser Garn so fein als möglich zu spinnen, damit wir in Ehren bestehen konnten, wenn während der heiligen „Zwölfnächte" Frau „Perchta" in der Spinnstube Umschau hielt. Ich will nicht verschweigen, daß damals in den einsamen, abgelegenen Dörfern der Aberglaube in der üppigsten Blüte stand. Meine Großmutter war schuld daran, daß wir Mädchen uns heimlich vor dem unsichtbaren Walten der alten Heidengöttiu Perchta gruselten; die alte Frau pflegte in ihrem Polsterstuhl am dickbauchigen Kachelofen zu sitzen, und war unermüdlich int Erzählen von alten Sagen und Spukgeschichten, obgleich! das in ein ehrbares Pfarrhaus nicht paßte. Sie verstand es, die wunderbarsten Begebenheiten so überzeugend zu schildern, daß es uns Mädchen manchmal eiskalt über den Rücken rieselte. — Wenn das Wetter stürmisch war, und der Schrei des Käuzchens bis in's stille Zimmer drang; — der Wind ächzend durch den Schornstein fuhr, und die kahlen Zweige des Apfelbaums vor dem Fenster, wie mit knöchernen Fingern an die Scheiben pochten; — der Hofhund winselte, und die Schindeln vom Dach prasselten; — dann behauptete die Großmutter, daß der „wilde Jäger" durch die Lüfte brause, — und wir rückten ängstlich noch dichter zusammen. — Aber wie glücklich und zufrieden waren wir alle in jener fernliegenden Zeit, als das Spinnrad noch in Ehren gehalten wurde".
Frau Bertha Sontheim wendet sich zu der Greisin, und spricht: „Haben Sie Dank, Frau Rat, für Ihre lebhafte Schilderung der Spinnabende, die noch jetzt in meiner Heimat Kärnten üblich sind; sowohl noch dort, luie in den anderen südslavischen Ländern, auch in Siebenbürgen, ist das Spinnrad, dieses ehrwürdige Hausgerät noch in


