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er würde dann fcittgfi kalt und starr in der dunklen Erde liegen und — —
Hilde schrie aus und drückte ihr thränenüberströmtes Gesichtchen noch tiefer in die feuchten Polster. Sie hatte die Thür ihres Zimmers verriegelt und sie weigerte sich beharrlich, sie zu öffnen, so ost ihre Mutter oder eines der Mädchen erschien, um sie zu einer Mahlzeit zu rufen oder ihr das Essen hierher zu bringen. Während des ganzen Tages brachte sie keinen Bissen über die Lippen, ohne daß sie auch nur die geringste Empfindung von Hunger oder Durst gehabt hätte. Als sie dann aber — thränenmüde und zum Tode erschöpft, ihr Köpfchen erhob und sich von tiefem abendlichem Dunkel umhüllt sah, wurde ihr das Alleinsein und die Ungewißheit mit einem Male unerträglich. Sie sprang auf, badete ihr heißes Gesicht in kaltem Wasser und machte sich, ganz von ihrem plötzlich gefaßten Entschlüsse beherrscht, zum Ausgehen fertig.
Niemand merkte etwas davon, daß sie das Haus verließ, und ohne aufgehalten zu werden, gelangte sie auf die Straße. Sie hatte sich sonst immer gefürchtet, zu später Strinde allein über die Gasse zu gehen; heute aber empfand sie nichts von einer solchen Furcht. Und nicht einmal in den menschenleeren, halb dunklen Parkanlagen der Heilstätte wandelte sie auch nur das leiseste Bangen an.
Sie wußte, wo sich die Wohnung des Doktor Müller befand. Noch am Tage vor dem unglücklichen Polterabend war sie mit ihrem Vater und Felicia hier vorübergefahren, Und der Stadtrat hatte ihnen alle Einzelheiten der großartigen Wohlthätigkeitsschöpfung erläutert. Sie sah die Feuster erleuchtet, und der Pförtner, dem sie sagte, daß sie hinaufgehen und sich nach dem Befinden des Doktors erkundigen wollte, legte ihr keine Hindernisse in den Weg. Mit klopfendem Herzen und fast versagender Stimme hatte sie jene Worte angebracht; denn sie fürchtete ja, daß ihr der Mann antworten würde, sie könne sich die Mühe ersparen, weil der Verwundete bereits ausgelitten habe. Daß er nichts derartiges erwidert hatte, ließ sie wieder etwas freier aufatmen, und ein unnennbar wonniges Gefühl durchzitterte ihre Brust, als sie bei ihrer Ankunft im ersten Stockwerk von drinnen den Klang mehrerer Männerstimmen vernahm, die in lebhafter und, wie es schien, fast heiterer Unterhaltung begriffen waren.
Hilde wagte es nicht, die elektrische Klingel in Bewegung zu setzen, aus Furcht, den Patienten zu stören. Und sie mußte ihr schüchternes Klopfen zweimal wiederholen, ehe man es drinnen vernahm.
Ter flachsblonde Pining war es, der ihr öffnete. Sein breites, ehrliches Gesicht war wunderbar überglänzt von einem Schimmer der Freude, die sein Herz erfüllte, -und er schien es ganz und gar nicht befremdlich zu finden, daß eine schöne junge Dame noch in so später Abendstunde kam, um sich nach dem Befinden seines Herrn zu erkundigen. Wegen der verlangten Auskunft aber verwies er sie an die drei Herren, die in eifrigem Gespräch etwas abseits standen, und deren einen Hilde als einen jungen Arzt erkannte, dem sie schon wiederholt in befreundeten Häusern begegnet war. Er war ihrer denn mich kaum ansichtig geworden, als er auf sie zu kam, um sie achtungsvoll zu begrüßen.
„Wünschen Sie den Patienten zu sehen, mein gnädiges Fräulein? Das wird sich leider für heute abend kaum ermöglichen lassen, denn er bedarf zunächst noch dringend der Ruhe."
Hilde, die sich plötzlich von einer großen Verlegenheit ergriffen fühlte, schüttelte den Kopf.
„Ich wollte ihn nicht sehen, Herr Doktor; ich kam nur. Um zu fragen, wie es ihm geht."
„Er ist außer aller Gefahr. Unsere Befürchtung, daß durch den Schuß ein wichtiges Lebensorgan schwer verletzt worden sei, hat sich glücklicherweise als grundlos erwiesen. Wir hatten einigen anfänglich zu Tage tretenden bedrohlichen Erscheinungen eine irrige Deutung gegeben, während der Verwundete selbst seinen Zustand von vornherein vollkommen richtig beurteilte. Er bestand darauf, daß wir den zuerst vergeblich gebliebenen Versuch, die Kugel zu finden und zu entfernen, noch einmal wiederholten. Und wir hatten damit dann auch heute nachmittag den gewünschten Erfolg. Mit gutem Gewissen kann ich Ihnen versichern, daß mein verehrter Kollege binnen kurzem völlig wiederhergestellt sein wird."
Bor den Augen des jungen Mädchens flimmerte es
wie von Millionen kreisender Feuerfunken, und für einen Moment fühlte sie sich einer Ohnmacht nahe. Was das Uebermaß des Schmerzes nicht vermocht hatte, das drohte nun das Uebermaß der Freude zu bewirken, und sie mußte ihre ganze Willenskraft aufbieten, nm Herrin der peinlichen Schwäche zu werden, ehe sie von dem Arzte bemerkt wor-, den war.
Mit einigen mehr gestammelten als vernehmlich gesprochenen Dankestvorten wandte sie sich zum Gehen, und sie hatte keine Erwiderung, als ihr der junge Doktor, während er sie bis zur Thür geleitete, in freundlichster Absicht versicherte, es werde aller Wahrscheinlichkeit nach kein Bedenken dagegen vorliegen, daß der Patient morgen; bereits den Besuch seiner nächsten Freunde empfange.
Davon, wie sie nach Hause gekommen war, hatte Hilde später nicht einmal eine dunkle Vorstellung. Es war ihr, als sei sie auf Engelsflügeln heimwärts getragen worden, und sie glaubte sich zu erinnern, daß ein wunderbares! Klingen und Singen um sie her gewesen sei, wie luenm unsichtbare Musikanten sie geleiteten ober alle Glocken der Stadt auf einmal geläutet würden. In ihrem Zimmer angelangt, sank sie neben den: Ruhebett, das ihren Schmerz und ihre Verzweiflung gesehen hatte, in die Kniee, und nimmer mochte der Himmel ein heißeres Dankgebet vernommen haben, als es aus ihrem reinen, frommen Kinder-, herzen zu dem Lenker aller irdischen Geschicke emporstieg., Zwanzigstes Kapitel.
Als es um die zehnte Vormittagsstunde des folgenden Tages an der Wohnung des Stadtrates klingelte, war das- öffnende Hausmädchen nicht wenig erstaunt, die Tochter des Rendanten Lindemann vor sich zu sehen. Und ihre Verwunderung war gewiß eine sehr begreifliche, denn seit der Aufhebung ihres Verlöbnisses war die ehemalige Braut des Assessors selbstverständlich nicht mehr im Ignatius- scheu Hause erschienen. Margarethe kümmerte sich wenig um die verdutzte Miene des Mädchens, sondern äußerte! in ruhigem Tone den Wunsch, Fräulein Hilde zu sprechen. Mit einem freudigen Ausruf wurde sie von dem jungen Mädchen empfangen; denn Hilde hatte niemals aufgehört, in herzlicher Freundschaft ihrer zu gedenken, und fie hatte trotz ihrer Schwärmerei für Felicia schmerzlich unter dem Abbruch des ihr so lieb gewordenen Verkehrs gelitten.
Gar zu gern hätte das Hausmädchen erfahren, ivas die beiden jungen Damen mit einander zu sprechen hatten; aber obgleich sie sich noch eine Viertelstunde lang unter allerlei Vorwänden im Nebenzimmer zu schaffen machte, vernahm sie doch nichts anderes als einen halblauten Aufschrei, den ein Schrecken oder höchste Ueberrafchung erpreßt zu haben schien, und gleich nachher den Ausruf Hildes:
„Nein, es ist unmöglich! — Du mußt Dich getäuscht haben. Ich kann es nicht glauben."
Dann mußten die beiden ihre Stimmen wohl bis zu leisem Flüstern gedämpft haben, denn es drang kein Laut mehr an das Ohr der Lauschenden, und als sie vernahm, daß drinnen ein Stuhl gerückt wurde, hielt sie es für angezeigt, sich schleunigst zurückzuziehen.
Hilde und Margarethe aber verließen wenige Minuten später gemeinsam das Haus; die Tochter des Rendanten! mit bleichem, aber ruhigem Gesicht, während ihre jüngere Freundin sich unverkennbar in einer gewaltigen Aufregung befand. Nnr ein paar Straßen weit gingen sie zusammen, dann blieb Margarethe stehen:
„Ich muß mich jetzt von Dir verabschieden. Tu wirst mich von dem Erfolge Deiner Bemühungen unterrichten, nicht wahr? — damit ich weiß, ob ich mich bei dem Gericht mit meinem Zeugnis zu melden oder ob ich zu schweigen! habe."
„Gewiß! Wenn es mir gelingt, den Doktor zu sprechen, so wird er sich unter solchen Umständen sicherlich nicht weigern, mir alles zu sagen, was er über Felicia weiß. Daß er sie gekannt hat und daß irgend welche geheimnisvolle; Beziehungen zwischen ihm und ihr bestanden haben müssen, halte ich jetzt für ganz ausgemacht, wenn ich auch noch immer nicht daran glauben kann, daß sie selbst diese schreckliche Thai begangen haben sollte."
„Ich beschuldige sie dessen nicht, Hilde!, Und niemals würde es mir eingefallen sein, sie damit in Verbindung zu bringen, wenn ich nicht heute üt der Zeitung gelesen hätte, daß es die Auffindung jenes Mantels ist, die man als einen Beweis für die Schuld Deines Bruders auslegt."
„Es ist ganz unbegreiflich. Irgend ein fürchterliches


