Donnerstag den 19. Dezember.

1901

am'

M

WW

W

Steife

MB H»

in Narr macht mehre, doch gebt nur acht, Wie viele Thoren ein Weiser macht.

Paul Heyse.

(Nachdruck verboten.)

Gesprengte Fesseln.

Roman von Reinhold O r t m a n n.

(Fortsetzung.)

Daran, daß Felieia seinen Rat freudig befolgen würde, zweifelte Ludwig Ignatius keinen Augenblick. Nicht nur jene Szene mit dem Bilde des Affesfors, sondern noch mehr rhr Verhalten während des kurzen Brautstandes und vor allem die Glut ihres an Herbert gerichteten Briefes waren ihm Bürgschaft genug dafür, daß sie unbedenklich jedes, auch das schwerste Opfer bringen würde, wenn es ihrem heißen Liebes- Verlangen Erfüllung verhieß.

Die Schwierigkeit, über die er mit all seinen nächt-, lichen Grübeleien nicht hatte Hinwegkommen können, lag nur in der Herbeiführung einer heimlichen Unterredung, von der vor allem Herbert nichts erfahren durfte. Und er hatte sich schon mit dem abenteuerlichen Gedanken ver­traut gemacht, jedem Einspruch zum Trotz und ohne Rück­sicht auf seine Gesundheit nach N. zu fahren, als die Nach^ richt von der Verhaftring seines Sohnes diese Schwierig­keit mit einem Schlage zu beseitigen schien. Innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden war die Freilassung des Assessors kaum zu erwarten, und wenn Felicia nicht wie der Kämmerer es für das wahrscheinlichste hielt auf die erste Zeitungsnachricht hin freiwillig nach M. zurück­kehrte, so würde sie doch sicherlich aus einen Ruf des Stadt- rats kommen, vorausgesetzt, daß derselbe rechtzeitig in ihre Hände gelangte.

Die Chiffre, unter der sie Herberts pvstlagernde Briefe verlangt und empfangen hatte, bewahrte Ludwig Ignatius noch im Gedächtnis, und unter dieser Chiffre wollte er ihr unverzüglich schreiben. Sie hätte kein Weib sein müssen, wenn nicht die .Hoffnung, daß ein Wunder den Sinn des Geliebten dennoch geändert haben könnte, sie veranlaßt haben sollte, Tag für Tag auf dem Postamte nach einge- gangenen Briefen zu fragen. Und seine Aufforderung würde eine so verheißungsvolle Fassung haben, daß sie ihr wahr­lich nicht widerstehen sollte. ÄS

Während noch der Polizeikommissar mit aller Höflichi- keit und Schonung, die seine dienstlichen Pflichten ihm ge­statteten, im Jgnatins'schen Hause seines Amtes waltete, brachte bereits eines der Mädchen den mit Felicias Chiffre versehenen Brief des Stadtrates zur Post, und an der Hand des Fahrplanes rechnete der Kämmerer aus, daß er schon an: Nachmittage seinen Bestimmungsort erreicht haben würde.

Die Haussuchung, die vor allem auf die Auffindung des weichen Filzhutes und der vermuteten Schußwaffe ge­richtet war, verlief ebenso ergebnislos, wie die Vernehmung der Hausbewohner. Keiner vermochte über das Verschwinden des Mantels Auskunft zu geben, und keiner wollte etwas davon bemerkt haben, daß der Assessor am verflossenen Abende in der Zeit zwischen acht und zehn Uhr noch ein­mal nach Hause gekommen wäre. Auch bei seiner spateren Rückkehr hatte ihn niemand gesehen, und es ließ sich auf solche Art nicht feststellen, welche Kleidung er Bet dieser Heimkehr getragen. =

Mit einigen ironischen Worten hatte Ludwig Ignatius den Komtnissar verabschiedet, und seine vollkommene Ge­lassenheit übte einen wohlthätigen Einfluß, mich auf das bestürzte und geängstigte Gemüt seiner Gattin, die ja von jeher gewöhnt war, die Handlungen und Worte ihres ebenso sehr geliebten als gefürchteten Mannes zur Richtschnur für ihr eigenes Denken und Enlpfinden zu nehmen.

Eine aber gab es, die sich nicht beruhigen ließ, sondern die sich in der Stille ihres Zimmers einem geradezu ver­zweifelten Schmerze hingab. Seitdem sie die Schreckens­kunde von der wie man ihr sagte tätlichen Verwundung des Doktor Hermann Müller erfahren hatte, befand sich die arme Hilde in einem wahrhaft mitleidswürdigen Zustande. Bitterlich weinend lag sie auf dem Sopha ihres Stüb­chens und wünschte sich mit der ganzen Inbrunst thres reinen jungen Herzens, noch vor dem Doktor zu sterben. Denn daß sie die Nachricht von seinem Tode doch nvcht würde überleben könnet:, stand als unumstößliche Gewiß- heit in ihrer Seele fest. Sie fragte sich nicht, ob es Ltebe für den Gefährdeten sei, die ihr diese grausamen Qualen bereitete, sie fühlte nur, daß in einer Welt, aus der er ge­schieden war, auch für sie kein Platz mehr fein konnte; und sie hielt sich überdies für das schlechteste und herzloseste! Geschöpf, weil sie sich durch das Gebot ihres Bruders hatte hindern lassen, ihm zu zeigen, wie er ihr vor allen anderen Menschen so wert und teuer war. Nun war es zu spat, nun würde sie ihn nie mehr sehen nie nie mehr! Und der Himmel war vielleicht nicht einmal gnädig UQ,nnt

ihm zugleich hinwegzunehmen aus die,er schreckltchen Welt.

Was ihr die Mutter von der Verhaftung Herberts er­zählte, und von dem entsetzlichen Verdachte, in den er durch eine Verkettung von Zufällen geraten, war, horte ste nur wie im Traume. Sie wußte, daß er nicht der fluchwürdige Mörder sein konnte, und sie hatte auch d:e Empsindung, daß es etwas sehr Furchtbares sei, lvas ihm da widerfahren war. Aber neben dem großen heiligen Schmerze, der von ihrer ganzen Seele Besitz genommen hatte, konnte ntchr einmal das Mitleid für den Brmder bestehen. Er lebte za, und er war gesund! In einigen Tagen oder Wochen oder zu irgend einer Zeit-würde er von dem schlimmen Verdacht« gereinigt sein und dann würde er wieder lachen und fröh­lich sein und sich seines Daseins freuen wie andere glucknch^ Menschen. Er aber, der beste, edelste, herrlichste von allen/