Stile sollte das möglich sein, Herr Stadtrat? Heut­zutage geschehen keine Wunder mehr. Und da es doch keine Rettung giebt, wäre es nur eine nutzlose Grausamkeit, das Unvermeidliche um Wochen oder Monate hinaus zu schieben."

So? Sie mochten also Ihren Vater bestimmen, un­verzüglich hinzugehen und sein Verbrechen zur Anzeige zu bringen?"

Ja. Ich halte es so für das Beste-"

Nun, das mag sehr heroisch sein, besonders liebevoll und kindlich aber ist es 'gerade nicht. Denn wenn idj auch! vorhin von einem Wunder sprach, das sich ereignen müßte, um das Aenßerste abzuwenden, so ist das doch vielleicht nicht ganz buchstäblich zu nehmen. Ihr Vater freilich kann die unterschlagene Summe so wenig in einigen Monaten aufbringen, als er es in zehn Jahren könnte. Ich aber werde dazu möglicherweise int stände sein, wenn es auch, bei Gott, keine leichte Aufgabe feilt wird."

Sie, Herr Stadtrat? Nein, das ist unmöglich. Ein solches Opfer wird mein Vater nimmermehr von Ihnen annehmen."

Nun, was das Annehmen betrifft, so dürfen Sie, wie ich glaube, ganz ruhig sein. Und schließlich bin ich jn auch einigermaßen bei der Sache interessiert, da man mir int Fall eines öffentlichen Skandals mit Recht meine blinde Vertrauensseligkeit zum Borwurfe machen würde. Ich werde mich also, wie gesagt, bemühen, das Geld zu beschaffen. Gelingt es, so braucht tiiemaud außer uns dreien etwas von der Schuld Ihres Vaters zu erfahren, und er kann in den Augen der Welt ein ehrlicher Manu bleiben bis an sein Ende."

Und Herbert?" warf Margarete leise ein,dürfte ich auch ihm die Wahrheit verschweigen?"

Da sind wir bei dem kritischen Punkt. In Ihren Be­ziehungen zu meinem Sohne liegt für den Augenblick die wesentlichste Schivierigkeit, und hier vor allem bin ich auf Ihre Mitwirkung angewiesen. Daß ich unter bett obwalten­den Umständen leider nicht mehr daran denken darf, ein Familienband zwischen Ihrem Vater und mir zu knüpfen, haben Sie sicherlich bereits eingesehen, liebe Margarete! Tausend schwerwiegende Gründe machen es ganz und gar unmöglich."

Margaretens blondes Köpfchen war tief herabgesunken, sodaß Ludwig Ignatius nicht mehr hätte in ihren Zügen lesen können, selbst wenn sein Blick auf ihr Antlitz ge­richtet gewesen wäre statt auf die Muster des Teppichs. Es gab eirie kurze Pause, ehe zur nicht geringen Erleichterung des Stadtrats in scheinbar ruhigem Tone ihre Antwort erfolgte:

Ja, ich sehe es ein. Sagen Sie dem Herrn Assessor, daß er keine Verpflichtung mehr gegen mich hat."

Wie brav sie sich hält!" dachte der Kämmerer.Es steckt doch mehr in dem Mädel, als ich geglaubt hatte."

Laut aber sagte er:

Ich versichere Ihnen, liebes Kind, daß ich diese un­selige Wendung der Dinge nicht nur Ihretwegen, sondern auch um Herberts willen aufrichtig beklage. Sie wissen, daß ich ursprünglich einige Bedenken gegen die Verbindung hatte. Wer sie waren längst geschwunden, und ich hatte mich so daran gewöhnt, Sie als ein Mitglied meiner Familie zu betrachten, daß"

Ich danke Ihnen, Herr Stadtrat", fiel Margarete ein, aber nachdem ich Ihnen diese Erklärung abgegeben habe, brauchen wir wohl nicht weiter darüber zu sprechen."-

Hm! Es wird sich doch nicht vermeiden lassen, so gern ich auch jede nur mögliche Rücksicht auf Ihre Empfindungen nehmen möchte. Es ist nämlich ganz und gar ausgeschlossen, daß ich den Ueberbringer Ihrer Er­klärung an meinen Sohn mache, wie Sie es da soeben vor mir verlangten. Wenn Ihnen daran gelegen ist, Ihren Vater zu retten, müssen Sie selbst die Auflösung des Ver­löbnisses herbeiführen, und zwar unter Verschweigung der eigentlichen Ursache."

Ich weiß nicht, ob ich Sie recht verstehe Sie ver­langen, daß ich den ersten Schritt thun und daß W mich obendrein eines Vorwandes bedienen soll?"

Tie Rücksicht auf Ihren Vater verlangt es so nicht ich. Sie wissen, daß Herbert augenblicklich die Funktionen eines Staatsanwalts-Stellvertreters versieht. Wenn er von den Unterschlagungen Ihres Vaters Kenntnis erhielte, gleich­viel, ob auf privatem oder auf amtlichem Wege, so würde

er dadurch in einen furchtbaren Zwist zwischen seine« Pflicht und seinem Herzen gebracht werden. Denn seine! Pflicht geböte ihm, unverzüglich gegen den Verbrecher ein--, zuschreiten. Und wie ich meinen Sohn kenne, fürchte ich,- daß er nicht zögern würde, dem höheren Gesetz alle per­sönlichen Empfiiidungen und Rücksichten zu opfern. Aber! ob er nun das eine oder das andere thun würde, in jeden- Falle müßte ihn sein Entschluß sehr unglücklich machen.- Und ich meine, es wäre an dem durch Ihren Vater herauf­beschworenen Unglück ohnedies genug."

Margarete kannte die Pflichten eines bei der Staats-, auwaltschaft beschäftigten Assessors nickst hinlänglich, uni die Darlegung des Stadtrats auf ihre innere Wahrhaftigkeit! prüfen zu können. Aber sie hatte von der Seelengröße! ihres Verlobten und von der Lauterkeit seines CharaktersI eine so hohe Meinung, daß sie den eben gehörten Worten! ohne weiteres Glauben schenkte. Und vielleicht begriff siej erst in diesem Augenblick die ganze Furchtbarkeit der Sage,; in die sie durch ihres Vaters unselige Schuld versetz- worden war.

Für einen Moment barg sie das Gesicht in den Händen^ und es schüttelte ihren Körper wie mühsam unterdrücktes! Schluchzen. Auch ihre Kraft hatte eine Grenze, und was da über sie hereinbrach, war fürwahr schwer genug, um! alle Tapferkeit und Selbstbeherrschung zu Schanden zu! machen.

Ludwig Ignatius trat an das Fenster und wartete. Abe« er blickte dabei verstohlen auf seine Uhr. Denn wenn e« nicht zu einem Ergebnis gekommen war, bevor Herber- nach Hause zurückkehrte, so konnte er seinen Rettungsplan,- der ihm ja noch immer nur in ganz unbestimmten Um-, riffelt vorschwebte, von vornherein als gescheitert betrachten.! Die beiden durften einander unter keinen Umständen be­gegnen, ehe Margarete sich seinen Ansichten anbequemt und den entscheidenden Schritt nach seinem Willen gethan! hatte. Darum wandte er sich nach Verlauf von zwei schier unerträglich langen Minuten wieder ins Zimmer zurück und sagte in eindringlich ernstem Don:

Ueberlegen Sie wohl, mein Kind, wie viel hier in! Ihre Hand gelegt ist. Und bedenken Sie auch, daß wir nicht Zeit haben, lange zu zaudern und zu überlegen! Denn dir Umstände drängen gebieterisch zu einer raschen Entscheidung.! Nnr wenn die Verhältnisse völlig geklärt sind, darf ich daran denken, den schweren Kampf zu Ihres Vaters Rettung! aufzunehmen. Und um keinen Preis will ich daneben auch noch einen Kampf in meinem eigenen Hause zu führen haben.- Aber vielleicht ist -es gerade das, worauf Sie hoffen. Viel-f leicht rechnen Sie mit dem Großmut und der leideuschaft- lichen Liebe meines Sohnes, von der er Ihnen ja allerdings! schon hinlängliche Beweise gegeben hat. Sie erwarten viel-i leicht, daß er das Opfer nicht annehmen und Sie trotz alle­dem zu feiner Frau machen werde, gleichviel ob es ihn seine Ehre und feine gesellschaftliche Stellung, seine ganze Zukunft kostet. So nur könnte ich mir Ihr Widerstreben! gegen meinen wohlgemeinten Borfchlag erklären. Und ich bin aufrichtig genug, Ihnen zu sagen, daß Sie den thörichtett! Idealisten damit möglicherweise ganz richtig beurteilen würden."

Halten Sie ein!" rief Margarete, und eine hoheits-. volle Würde lag in dem Klang ihrer Worte.Wodurch habe ich Ihnen das Recht gegeben, so niedrig von mir zN denken? Nein, ich will Herbert ebenso wenig in einen Kamp-tz zwischen feiner Pflicht und seinem Herzen drängen, als ich gesonnen bin, das Opfer seiner Zukunft anzunehmen. Sagen! Sie mir, was ich thun soll, es zu verhüten aber sagen Sie! es mir schnell; denn ich weiß nicht, wie lange ich noch im stände sein werde, dies Entsetzliche zu ertragen."

Nun denn Sie müssen ihm brieflich das Verlöbnis! aufkkündigen unter irgend einem Vorwande, der ihn dick Wahrheit nicht ahnen läßt und der gleichzeitig so ge­schaffen ist, daß er alle weiteren Auseinandersetzungen^ schriftliche wie mündliche, ausfchließt. Verstehen Sie, wie ich oas meine?"

Margarete hatte die Hand an die Stirn gelegt. Sie! empfand hort feit einigen Minuten einen so rasenden Schmerz, daß sie meinte, der Kopf müsse ihr zerspringen.!

Nein, noch nicht ganz. Und vielleicht ist es am besten,! wenn Sie mir gleich einen solchen Vorwand nennen.")!

Mein Gott, das liegt doch so nahe. Wenn Sie zum! Beispiel erklären, daß Sie sich in der Stärke und Beständig­keit Ihrer Liebe zu ihm getäuscht hätten wenn Sie