Dienstag den 19. November.
Nr. 166.
1901.
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icr nicht fortgcht, geht zurücke. Uns're schnellen Augenblicke Geh'n vor sich, nie hinter sich. Das ist mein, was ich besitze,
Diese Stunde, die ich nütze; Die ich hoff', ist die für mich?
Jeder Tag, ist er vergebens, Ist int Buche meines Lebens Nichts, ein nnbeschrieb'nes Blatt. Wohl denn! morgen so wie heute Steh' darin auf jeder Seite Bon mir eine gute That. Chr. Felix Weiße.
(Nachdruck verboten.)
Gesprengte Fesseln.
Roman von Reinhold Ortmann.
(Fortsetzung.)
Trotz ihres Versprechens hatte er gefürchtet, daß Margarete bei dieser grausamen Enthüllung laut aufschreien oder vielleicht gar von einer Ohnmacht heimgesucht werden würde. Wer sie war entweder in der That ein ungewöhnlich tapferes Mädchen, oder sie vermochte nicht sogleich die ganze Bedeutung dessen zu erfassen, was sie da vernahm. Denn es kam kein Laut des Schreckens über rhre Lippen Ihre Hände nur hatten sich krampfhaft zusammengepreßt, und mit starren, unnatürlich weit geöffneten Augen blickte sie auf den Sprechenden.
„Bestohlen?" wiederholte sie. „Und das ist die Wahrheit? Mein Vater hat Ihnen selbst zugestanden, daß er es gethan?" . r r , , r
„Mehr als das — er hat es mtr unaufgefordert bekannt, als ein Zusammentreffen widriger Umstände ihm die Möglichkeit abschnitt, die Entdeckung länger zu verzögern. Es thut mir herzlich leid, Ihnen diese peinliche Mitteilung machen zu müssen, liebe Margarete, aber am Ende erfahren Sie es immer noch besser aus meinem Munde als aus dem seinigen. Die. Beschämung wenigstens, sein Geständnis vor Ihnen zu wiederholen, können Sie ihm nun ersparen."
„Ja", nickte sie, und ihre Fassung begann dem Kammerer nachgerade fast unheimlich zu werden, „es ist besser so. Und jetzt, da die Entdeckung erfolgt ist- jetzt werden Sie ihn zur Anzeige bringen — nicht wahr?"
„Es wäre allerdings meine Pflicht, das zu thun. Aber ich bin kein alter Römer. Und mein gutes Herz ist wieder einmal im Begriff, mir einen vielleicht recht üblen Streich, zu spielen. Ich habe zwar nicht die Macht, das Verbrechen des unglückseligen Mannes einfach ungeschehen zu machen.
Und ich sehe in diesem Augenblick kaum noch eine Möglich leit, ihn vor den strafrechtlichen Folgen seiner unredliches Handlungen zu bewahren; trotzdem aber will ichalle; versuchen, was in meinen Kräften steht, um die Katastropy- wenigstens für jetzt abzuwenden und ein paar Monate Zer. zu gewinnen. Vielleicht ereignet sich inzwischen boo)' nofl ein rettendes Wunder, wie gering auch in diesem Moment» die Aussichten dazu, sein mögen." /
„Sie sagten, daß es sich um eine große Summ h ein bett ?/z *
„Ich habe noch nicht Gelegenheit gehabt, sie durch eigene Untersuchung festzustelleu. Aber nach Lindemanns. Angaben sind cs mindestens vierundachtztgtausend Mark.
„O mein Gott, das ist ja ein ganzes Vermögen. Aber ich kann es noch nicht fassen. Wozu könnte mein Bäte-' eine solche Riesensumme verwendet haben — er, der be scheidenste und anspruchsloseste aller Menschen?"
, Ja, das ist eine lange Geschichte, mein Krnd, unk wenn Sie durchaus Aufklärung darüber haben wollen müssen Sie sie sich schon von ihm selbst geben lassen. E scheint ja, daß ein verschlagener Schurke seine erste Ver irrung und seine nachherige Schwäche gemißbraucht hat um ihn ganz in seine Gewalt zu bringen. Aber das wurd ihm vor Gericht selbstverständlich nicht als Entschuldigung dienen. Wenn es nicht gelingt, bis zur nächsten Kassent rcvision den ganzen Fehlbetrag aufzubringen, so kann nichts mehr Ihren Vater vor einer vieljährigen Gefängnis- ode gar Zuchthausstrafe bewahren."
Margarete hatte sich erhoben. Noch immer netzte kein Throne ihre völlig farblos gewordenen Wangen.
„Ich danke Ihnen für Ihre Aufrichtigkeit, Herr Stadt rat ! Leben Sie wohl!" r ,
Doch auch der Kämmerer war blitzschnell aufgesprunger und vertrat ihr den Weg.
„Was haben Sie vor, Margarete? Wohin wollen Sr eichen u *
„Dahin, wo mein Platz ist — zu meinem unglücklicher 95 eiter/z
„Und was gedenken Sie zu thun? Wodurch wollet Sie ihn ermutigen oder trösten?"
„Dadurch, daß ich mit ihm trage, was getragen Werder muß — die Schande oder den Tod." .
„Na ja, etwas derartiges habe ich mtr wohl gedacht Aber das ist nicht die richtige Gemütsverfassung, m des ich Sie zu ihm zurückschicken kann. Nehmen Sie also go fälligst noch einmal Platz und hören Sie mich recht ruhi^ und verständig an. Sie werden mir doch wohl glauben daß ich Ihnen nicht das alles so offen gesagt hatte,, Wern, ich nicht ein wenig auf Ihre Mitwirkung rechnete bet den Versuch, die Sache zu einem guten Ende zu fuhren. ,
Er hatte die schwach Widerstrebende abermals auf 0G Sopha niedergedrückt und begann nun, mit auf den Rucker gelegten Händen im Zimmer auf und nieder zu gehen Margarete aber schüttelte mutlos den Kopf und sagte:


