Ausgabe 
19.10.1901
 
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und ein Stündchen mit dem alten Breymann loder Else verplaudert. Ein harmlos-freundschaftlicher Verkehr hatte sich wieder zwischen ihnen herausgebildet, wie er früher geherrscht, als Eitel Fritz als Jüngling in dem Inspektor- Hause auf Detershagen verkehrte, und wenn auch sein Auge öfter mit innigem Wohlgefallen auf Elses schlank- kräftiger Gestalt und ihrem schönen, ruhigen Antlitz ruhte, so begegnete sie ihm doch mit solcher herzlichen, harmlosen Freundschaft und edlen Offenheit, daß kein unrechter Gedanke in seinem Herzen erwachen konnte.

Ich fühle mich! bei Ihnen, wie bei lieben Verwandten", sagte er,und nirgends fitze ich lieber als in Ihrer weimlmrankten Laube".

Wenn Sie erst wieder mit Ihren Gutsnachbaren in näheren Verkehr gekommen sind, wird das schon anders werden", meinte der alte Breymann lachend.

4 . (Fortsetzung folgt.) ~ M .

, - Der Redner.

Bon An ton Tschechow..

Aus' dem Russischen von Stefania Goldenring.

(Nachdruck verboten.)

An einem schönen Morgen fand die Beerdigung des Kdllegien-Assessors Kyrill Iwanowitschi Wawilonow statt, der zwei in seiner Heimat so verbreiteten Nebeln erlag: dem bösen Weib und dem Alkohvlismus. Als sich der Leichen­zug von der Kirche nach, dem Kirchhof bewegte, da setzte sich einer der Kollegen des Verstorbenen, ein gewisser Poplawski, in eine Droschke und eilte zu seinem Freund Gregor Petrowitsch Sapoikin, einem jungen, aber schon ziemlich populären Mann. Sapoikin besitzt, wie die Leser wissen müssen, das seltene Talent, Hochzeits-, Jubiläums- und Leichenreden aus dem Stegreif halten zu können. Er kann zu jeder beliebigen Zeit sprechen: im Halbschlaf, nüchtern, in völlig trunkenem Zustande, im Fieber. Sein Redefluß ist glatt, gleichmäßig, wie das Wasser aus einer Dachrinne und unerschöpflich, in seinem Sprachschatz gießt es mehr sentimentale Worte als Würmer in der Kneipe. Er redet stets fließend und lang, so daß man zuweilen, besonders zu Hochzeiten in kaufmännischen Kreisen gezwungen ist, die Mitwirkung der Polizei in An­spruch zu nehmen, um ihn still zu kriegen.

Ich .habe eine Bitte an Dich, lieber Freund!" begann Poplawski, als er ihn in seinen! Zimmer antraf. Zieh Dich sofort an, und komm mit. Es ist einer von den Unseren gestorben; wir sind eben dabei, ihn nach jener Welt zu geleiten, da muß doch zum Abschied irgend ein Unsinn gesagt werden. . . Auf Dir ruht alle Hoff­nung . ... Wäre einer von den Unbedeutenden gestorben, so würden wir Dich nicht belästigen, aber es ist der Se­kretär . . . gewissermaßen eine Stütze der Kanzlei. Es schickt sich! doch nicht, eine Person von diesem Rang ohne Rede zu beerdigen.

Ach, der Sekretär!" sagte Sapoikin gähnend, >,dieser Trunkenbold?"

Ja, der Säufer. Es wird frischen Kuchen und Appetit­brötchen geben . .; Die Droschke wird man Dir auch be­zahlen. Komm' mit, Liebster! Gieß 'mal Deinem ciceroni- schen Redefluß freien Lauf; Dank sollst Du haben."

Sapoikin willigte gern ein. Er fuhr mit der Hand durch's Haar, nahm einen melancholischen Gesichtsausdruck !an, und ging nkit Poplawski fort.Ich kannte Euren Sekretär",. sagte er, als er die Droschke bestieg.Das war ein Lumpenkerl, wie es wenige gießt, Gott habe ihn selig."

Nun, GriseßÄ, man soll auf Tote nicht schimpfen." Natürlich,Ueßer Verstorbene nichts als gutes"!

über ein Schurke war er doch!."

Die Freunde holten den Leichenzug ein, und schlossen sich ihm an. Der Leichenwagen bewegte sich langsam, so daß; sie auf dem Wege nach dem Kirchhofe noch in etwa drei Kneipen einkehren konnten, um für das Heil des Verstorbenen ein Gläschen zu leeren.

Aus dem Kirchhof wurde eine Messe gelesen. Schwieger­mutter, Frau und Schwägerin weinten nach altem Brauch sehr. Als der Sarg in die Gruft versenkt wurde, rief die Frau des Verstorbenen sogar laut:Legt mich zu ihm!", über schließlich! folgte sie ihrem Mann doch nicht ins Grab, dq sie wcchrscheinliM an die Pension dachte, die sie zu

erwarten hatte. Als endlich alles sttll wurde, trat Sapoikin hervor, umfaßte alle Versammelten mit einem Blick und begann:

Darf man seinen Augen und Ohren glauben? Ist Mer Sarg, sind diese verweinten Gesichter, die Seufzer und Klagen vielleicht nur ein Traum? O, weh, es ist leider kein Traum, unser Auge täuscht uns nicht! Dorf Mann, den wir noch jüngst so tapfer, jugendfrisch und makellos sahen, der noch jüngst vor unseren Augen gleich einer emsigen Biene seinen Honig in den allgemeinen Bienenstock der staatlichen Einrichtung trug, er, der . . dieser selbe Mann ist jetzt zu Staub, zu einem Spiel der Phantasie geworden. Der nnerbittliche Tod hat ihn mit seiner steifen Hand berührt, zu einer Zeit, wo er trotz seines vorgerückten Alters noch voll üppiger Kraft und strahlender Hoffnungen war. Ein unersetzlicher Verlust! Wer könnte ihn uns ersetzen? Gute Beamte haben wir viel, aber Prokosi Ossipitsch war ein Anserwählter. Er war in tiefster Seele seinem ehrenvollen Amte ergeben, schonte seine Kräfte nicht, gönnte sich keine Pachtruhe, er war nie auf seinen Vorteil bedacht und unbestechlich... Wie ver­achtete er diejenigen, die ihn zum Schaden der allgemeinen Interessen bestechen wollten, die ihn durch verlockend« Lebensgüter zum Verräter an seiner Pflicht machen wollten! Ja, Prokosi Ossipitsch verteilte vor unseren Augen fein geringes Gehalt seinen ärmeren Kollegen, und soeben haben Sie selber die Klagen der Witwen und Waisen vernommen, die von seinen Unterstützungen lebten. Seiner Dienstpflicht und dem Wohlthun ganz ergeben, kannte er im Leben keine Freuden und gönnte sich nicht einmal das Glück des Familienlebens; es ist Ihnen bekannt, daß er bis an das Ende feiner Tage Junggeselle war. Und wer konnte ihn uns als Kollegen ersetzen? Noch steht mir sein rasiertes, freundliches Gesicht, das stets ein gutmütiges Lächeln für uns hatte, vor Augen! Ich höre seine weiche, zärtlich- freundschaftliche Stimme. Friede Deiner Asche, Prokofi Ossi­pitsch! Ruhe sanft, Tu ehrlicher, edler Kämpfer!"

Sapoikin fuhr in seiner Rede fort, doch die Hörer begannen zu tuscheln. Der Nachruf hatte allen gefallen, einige Thrünen herausgepreßt, doch manches erschien darin eigentümlich. Erstens war es unverständlich!, weshalb der Redner den Verstorbenen Prokofi Ossipowitsch nannte, wäh- rend er doch Kyrill Iwanowitsch hieß. Zweitens war es allen bekannt, daß 'der Entschlafene sein ganzes Leben hindurch sich! mit seiner legitimen Frau herumzankte, folg­lich auch! nicht Junggeselle genannt werden konnte; drittens hatte er einen dichten, roten Vollbart, rasierte sich nie im Leben, drum war es unverständlich, weshalb der Redner sein Gesicht ein rasiertes nannte. Tie Zuhörer wurden stutzig, sahen sich gegenseitig an, und zuckten die Achseln.

Pvokofi Ossipitsch!" fuhr der Redner fort, indem er bewegt in die Gruft blickte,Dein Gesicht war nicht schön, sogar recht häßlich- Tu warst schroff und ftreng, doch wußten wir alle, daß unter dieser sichtbaren Hülle ein ehrliches Freundesherz schlug."

Nun bemerkten die Zuhörer etwas Seltsames, das .in dem Redner selbst ßorging. Er blickte starr nach einem Punkt, machte eine unruhige Bewegung, Und zuckte selber die Achseln. Plötzlich schwieg er, öffnete erstaunt den Mund, und wendete sich an Poplawski.

Höre mal, er lebt doch!" sagte er mit einem Blick des Entsetzens.

Nun, Pvokofi Ossipitsch! Da steht er doch am Denk­mal!"

Ter ist auch gar nicht gestorben! Kyrill Iwanowitsch ist der Tote!"

Tu hast ipir doch selber gefugt, daß Euer Sekretär gestorben ist!"

Kyrill Iwanowitsch war ja auch unser Sekretär. Tu hast es verwechselt, komischer Kauz. Prokosi Ossipitsch ist früher bei uns Sekretär gewesen, das ftimmt, aber vor zwei Jahren ist er als Bureauvvrsteher in die zweite Abteilung versetzt worden."

Aus Euch mag der Teufel klug werden!"

Warum sprichst Tu denn nicht weiter? Rede weites es ist peinlich!"

Sapoikin kehrte sich wieder zur Gruft um, und setzte die unterbvocheue Rede mit aller Beredsamkeit fort. Ach Denkmal stand thatsächlich Pvokofi Ossipitsch- der alte Be^