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ihm rein und echt kor, und daß die Zeit schwerer Prüfung vielleicht einen Läuterungsprozeß an ihr vollzogen und sie gereinigt und befreit hatte von alledem, was bis dahin ihren Charakter verdunkelte.
„Ta wären wir", unterbrach Held den stillen Gedankengang Werners. Dieser blickte auf. Er hatte in der That ganz vergessen, Ausschau zu halten, und doch hätte es sich wohl der Mühe gelohnt, die zwei Paar Frmlenaugen zu sehen, die mit zagendem Hoffen dem schon längst wahrgenommenen Wagen entgegenblickten. Jetzt mochten sie ihn wohl erblickt haben; denn ehe er noch Zeit fand, den Wagen völlig zu verlassen, wurde er auch schon von zlvei weichen Frauenarmen stürmisch empfangen. „Robert, Bruder! Gott sei .Dank, daß Du wieder da bist!"
Werner erwiderte herzlich die Begrüßung, dann aber befreite er sich sanft aus Hannas ihn noch immer umfangenden Armen und eilte seiner Gattin entgegen, die thränenden Auges, von den verschiedenartigsten Empfindungen bewegt, am Eingang des Hauses seiner harrte. Er begriff ihre scheue Zurückhaltung und ehrte sie, doch in seiner alten herzlichen Weise legte er seinen Arm um ihre schlanker gewordene Gestalt und betrat, so mit ihr vereint, das trauliche Wohn- gemach. .
„Laß mich Dir vor allem danken", sagte er mit bewegter Stimme, „Held hat mir eben erzählt, was Tu meinetwegen unternommen."
O, nicht danken!" sagte sie, während eine heiße Blutwelle für Minutendauer ihr bleiches Gesicht übergoß; „Was ich that, war meine Pflicht, doppelte Pflicht, nachdem ich durch meine Unbedachtsamkeit und Leichtsinn, — ja, laß mich das rechte Wort nur aussprechen, es war Leichtsinn", unterbrach sie sich, als Werner bei ihren sich anklagenden Worten eine abwehrende Bewegung machte, „Veranlassung zu dem aus Dich fallenden Verdachte gegeben, der Dich tagelang der Freiheit beraubte und vielleicht noch schlimmer hätte enden können." , r „
„Wenn ich nicht eine so mutige Frau gehabt hatte, vollendete Werner auf seine Weife liebreich diesen Satz.
„Nein", sagte sie, „ich bin und bleibe in Deiner Schuld und nur Dein Herz kann mich freisprechen. Wer das soll nicht heute geschehen in dieser, Stunde mächtiger Erregung, erst laß mich sühnen, durch jahrelange, treue Liebe Dar zeigen, daß Tu, trotz aller Fehler, die an mir hafteten, doch immer das höchste Gut meines Lebens wärest."
„Tas hast Du bereits gezeigt, mein liebes Weib. Und nun kein Wort weiter über die Vergangenheit. Wir sind vereint, die böse Zeit liegt hinter uns, und vielleicht war dieselbe uns nötig, um unsere Liebe aus Schlacken und Asche neu erstehen zu lassen."
„Nicht die Deine", entgegnete sie, „die war immer echt und rein." t o r
Hanna hatte dem davonschreitenden Paare etwas beschämt nachgeschaut. Sie war etwas unbescheiden gewesen. Der Schwägerin hätte die erste Begrüßung des heimkehrenden Gatten gebührt. Aber warum blieb Bertha auch so zaghaft im Hintergründe, während sie doch alles trieb, ihrer Freude über die Wiederkehr des geliebten Bruders Ausdruck zu verleihen. , t
Und während sie noch nachdenklich dastand, tonte eme gar wohlbekannte Stimme neben ihr: „Ihr Bruder kann Sie jetzt entbehren, Fräulein Hanna, desto sehnlicher aber wünsche ich, daß Sie mir einmal Ihr liebes Gesicht zuwenden."
Sie fuhr herum und sah in Helds strahlende, zu ihr niederblickende Augen. Sie hatte thii noch gar nicht gesehen; wahrscheinlich war er, um die erste Begrüßung Nicht zu stören, im Wagen geblieben. Er reichte ihr die Hand, und ' der Druck, mit dem er die ihre nach einer kleinen Weile wieder freigab, zeigte ihr, daß sie bei ihm noch unvergessen war. „Darf ich Sie bitten, mit in das Haus zu treten?" sagte sie einigermaßen befangen.
„Ich denke, wir benutzen die uns gelassene Freiheit und durchstreifen ein wenig den Garten. Ich hätte Ihnen so viel zu sagen, Fräulein Hanna!" Wie schön ihr Name von fernen Lippen klang! ...
Sie hatte nur stumme Gewährung für ferne Bitte. Erne Weile schritten sie, ohne zu sprechen, Seite an ©eite dahrn; dann sagte Hanna, um bent beklommenen Schweigen em Ende zu machen: „Sie waren so lange nicht hier, Herr Amtsrichter."^
„Die Vorsicht forderte das; ich hielt es rm Interesse Ihres Bruders für geböten, eher eine Entfremdung zwischen
uns ahnen zu lassen, als bas nahe Interesse, das mich in Wirklichkeit mit allem, was Ihnen zugehört, verknüpft. Tenn e weniger Freunde anscheinend Ihr Bruder hatte, die an eine Unschuld glaubten, je leichter würde sich der unbekannte Thäter einmal durch eine Unvorsichtigkeit verraten haben.: Glauben Sie mir, Fräulein Hanna, meine Gedanken waren immer bei Ihnen."
Sie waren jetzt in die Nähe einer dicht mit Pfeifenkraut bewachsenen Laube gekommen; nun faßte er abermals ihre! Hände und zog sie da hinein. Auch da drinnen in dem lausch^ igen Halbdümmer ließ er diese nicht frei. „Das' war es,- Hanna, was ich Ihnen sagen wollte, daß meine Gedanken Sie stets umgaben; Sie waren der erste Gedanke, mit dem ich den jungen Tag begrüßte, und der letzte, mit dem ich den Tag beschloß!."
Er hielt einen Augenblick inne und sah forschend in ihr gesenktes Gesicht. „Hanna! Ich habe Sie lieb, von Herzen lieb! Können Sie mich ein wenig, nein nicht nur ein wenig, andern so recht von Herzen wieder lieben, so lieben, daß Sie mein sein wollen fürs Leben — Hanna, können Sie das?" Jetzt endlich hob sie die gesenkten Augen zu ihm empor., „Ja", hauchte leise ihr Münd. Aber so verschwindend leise das Wort auch gewesen war, er hatte es doch! vernommen., Voller Jubel giog er sie an sich, fest an seine Brust, küßte ihre rosigen Lippen und sah ihr, strahlend vor Glück, in die verschämten Augen.
„Also Tu hast mich lieb. Tu, meine herzige Braut/ meine geliebte Hanna! O, welch ein Leben wollen wir führen! So von Liebe gehoben und von Glück durchdrungen, daß uns die Welt da draußen nichts anhaben kann!"
Jetzt fah sie leuchtenden Blickes zu ihm aus. „O, Tu guter, Tu geliebter Mann, wie selig bin ich, daß! ich, Tein sein darf!"
Er zog sie abermals stürmisch in seine Arme. „Tank,, Tank! Geliebte, für dieses Bekenntnis! Doch nun komm, daß wir den andern beiden Glücklichen unsere Seligkeit verkünden."
Sie gingen hinein in das Zimmer, wohin das Ge-, schwisterpaar sich mit seinem neugewonnen Glück geflüchtet., Tas Paar sprang nun auf, als Held und Hanna über ©cf)Wette txciteTt.
Tiefbewegt schloß Frau Bertha ihre junge Schwägerin in die Arme, während die beiden Männer ebenfalls eine Umarmung tauschten.
Tie glücklichen Gesichter der beiden jungen Leute hatten das ältere Paar sofort erraten lassen, was beide herführte/ „Sei glücklich, liebe Hanna", flüsterte Fran Bertha dep jungen Braut zu. „Dein reiner Sinn und Deine Selbstlosigkeit wird Dir eine Zeit der Reue und Buße, wie ich sie, eben durchgemacht habe, ersparen."
„Ja, glücklich fein und glücklich machen, das ist Wohl das allerschönste Ziel unseres Erdendaseins. Aber auch Tu wirst nun glücklich fein und anch Robert glücklich mach,en —; ich weih das jetzt", entgegnete Hanna voll freudiger Zu^ verficht. _______________
Bob und Dolly.
Eine Manövergeschichte von Alwin Römer.
(Nachdruck verboten.) (Fortfetzung.)
Tas Herz stand ihm still vor wonnigem Schreck und schlug ihm dann fast beängstigend bis unter die enge Halsbinde hinaus, als er am anderen Mittag mit seinem Zug nette Quartiere bezog und ans einem verwitterten Stein-: balkon des grauen Gutsgebäudes, das ein bischen abseits! von den übrigen Quartieren seines Regiments lag, ein paar- junge Damen mit wehenden Tüchern ihnen „Willkommen"- zuwinken sah, von denen die eine, jüngere, ihn mit den bethörend schönen Augen, die ihn auch in den Träumen der letzten Nacht nicht verlassen hatten, anblickte. Ein inniges! Gefühl von Dankbarkeit gegen die Vorsehung, mit der er es doch noch nicht ganz verdorben Haben konnte, wallte in ihm aus. So geschahen also doch noch Zeichen und Wunder! aus diesem langweiligen Erdball? Entzückt grüßte er hinaus zu den gastlichen Hüterinnen des grauen Hetmwesens/ sprang hurtig vom Pferde, gab seine letzten Anweisungen für die Mannschaften und folgte dann erwartungsvoll etnetrt alten Diener, der ihm zunächst ein paar Zimmer überwies! und nach kurzer Toilette ihn in den Salon führte, wo ihn die Hausfrau mit bezaubernder Liebenswürdigkeit empfing..


