Donnerstag den 19. September.
Nr. 133.
1901.
ÜQ
mi
WD
st ■le 7/A E
ir machen keine neuen Erfahrungen; aber eS sind immer neue Menschen, die alte Erfahrungen machen. Rahel.
(Nachdruck verboten.)
Prüfung.
Kriminalerzählung von E. H a i n b e r g.
(Schluß.)
Gegen Mittag des nächsten Tages saß! Werner, in trübe Gedanken verloren, in seiner Zelle. Bon Tag zu Tag hatte er gehofft, daß man ihm sagen würde: „Der abscheuliche Verdacht ist von Dir genommen, wir haben endlich den Schuldigen entdeckt." Doch nicht einmal eine Nachricht über b'CTt Gang der Untersuchung war ihm geworden. Waren die Bemühungen des Privatdetektivs von Erfolg? War er überhaupt eingetroffen? Ach, er sah es ivohl ein, seine Ungeduld hatte ihn der Zeit vorauseilen lassen, er erwartete von wenigen Tagen, was bisher in Wochen nicht gelungen war. Konnte der von Held Berufene nicht auch Abhaltung gehabt, mit dem Verfolg einer anderen Angelegenheit be-- schäftigt sein, die er erst zu Ende führen mußte, ehe er Den neuen Auftrag übernahm? Unzählige Mille konnten da hindernd in den Weg treten, das hatte er nicht bedacht, als tzr so sehnsüchtig Tag um Tag eine Befreiung aus seiner peinlichen Lage erwartete. Er mußte erst noch lernen, sich in Geduld zu fügen und ruhig warten, was das Schicksal ihm bringen würde. Ach, dem Glücklichen toitrbe das ja leicht, unzählig anderes lenkte ihn ab und verkürzte Tage tund Stunden. Aber ihm, dem Einsamen, in enge Zelle Gebannten? Wie kummervoll schlichen ihm die Stunden, dahin, die Zeit schien in ihrem Lauf still zu stehen, nur um seine Qual zu vermehren.
Da kamen Schritte den Korridor entlang, Das war immer ein Wechsel in dem öden Einerlei der Ereignisse. Nun wurde gelauscht, welche Thür dem ungewöhnlichen Besucher .Einlaß gewähren würde. Vielleicht ein Besuch der Freundschaft oder Liebe, die sich auch im Unglück nicht verleugnet, der Gefängnisgeistliche, oder Untersuchungsrichter, was es auch war, es lenkte doch für Augenblicke die Gedanken der .Unglücklichen, die hier eingeschlossen waren, von ihrem eigenen Geschick ah.
Die Schritte standen setzt vor Werners Thür still, der Schlüssel wurde in das Schloß gesteckt, und die Thür öffnete sich. Werner war aufgesprungen, sein Gesichtsausdruck, seine ganze Haltung drückte die höchste Spannung aus..
Held war eingetreten, der Schließer hatte sich entfernt, und die Thür wurde nicht wieder verschlossen, „(sch komme, -Ihnen Freiheit anzukündigen, Herr Forstmes—ster —" Helds Stimme brach in einem inneren, unterdrückten Schluchzen,,
Werner war totenbleich geworden, in gewaltiger Bewegung war er auf seinen Sitz zurückgesunken; die Botschaft, auf die er so lange gehofft, von Tag zu Tag sehnlichst ,gewartet hatte, fand ihn schwach Dieser Augenblick erst zeigte ihm, daß er oie Hoffnung auf diese Botschaft anfgegeben hatte, und der gewaltige Umschwung von zagender Unge- wißheit der nun verwirklichten Thatsache gegenüber machte ihn schwindeln.
„Kommen Sie, Herr Forstmeister", tönte wieder Helds Stimme an sein Ohr, „unten wartet der Wagen; erlauben Sie, daß ich Sie hinausbegleite zu den Ihren, die in Sehnsucht Ihrer warten."
Da raffte Werner sich auf, aber wie eilt Trunkener wankte er über die Schwelle und ergriff gern Helds dargereichten Arm, um an ihm eine Stütze zu haben.
Unterwegs erzählte Held ihm den Verlauf der Ereignisse, und tote der Tank für den raschen Erfolg und die erzielte Ueberführung der Verbrecher seiner, des Forstmeisters Gattin gebühre, die durch ihre mutige Handlung das alles herbeigeführt habe. Dem Detektiv, welcher ander- weit beschäftigt gewesen, und deshalb noch nicht eingetroffen sei, habe er, als überflüssig geworden, abgeschrieben:. Es würde nun alles seinen regelrechten Gang gehen. Schwarz sei der That so gut wie überführt, da sich nicht allein des Forstmeisters vermißte Jagdjvppe in seinem Besitz befunden habe, sondern außerdem eine blonde und rote Perrücke mit zwei gleichfarbigen Vollbärten. Dem Staatsanwalt sei Schwarz, angethan mit der erwähnten Jagdjoppe, der blonden Perrücke und dito Vollbart, vorgeführt, und derselbe habe, im höchsten Grade betroffen, das Eingeständnis gethan, daß diese Persönlichkeit zum Verwechseln seinem Angreifer in jener Nacht gleiche. Und wie Böses, sowie Gutes fast nie allein kommt, sprach Held weiter, so hat sich heute morgen, wahrscheinlich infolge der Haussuchung bei Karsten eilt Mann gemeldet, welcher in jener Nacht einen Menschen mit blondem Vollbart und in der beschriebenen Kleidung in Karstens Haus habe schleichen sehen; es sei ihm dies zwar schon damals aufgefallen, aber er habe geglaubt, daß es sich um Wilddieberei handle, und da habe er nicht gern den Verräter spielen wollen. Am nächsten Tage schon habe er einer mehr- wöchentlichen militärischen Hebung sich unterziehen müssen und habe daher von den Vorfällen Hierselbst so gut wie nichts gehört. Erst gestern spät sei er zurückgekehrt. Heute morgen aber sei Karsten und Schwarz in jedermanns Munde, und da habe er es dann für seine Pflicht gehalten, seine Wahrnehmung in jener Nacht zu gerichtlicher Kenntnis zu bringen. Da hätten wir nun also das vollständige Beweismaterial zusammen. Es ivar eine Zeit schwerer Prüfung für Sie, mein Freund, doch auch solche soll ja zu unserem Besten dienen. Jetzt aber hat sich das Dunkel gelichtet, und die Sonne strahlt wieder in reinem Glanz, vielleicht klarer denn vorher", setzte er noch hinzu, und Werner schien ihn zu verstehen, indem er an seine Gattin dachte. Ihre letzte mutige That um seinetwillen zeigte ihm, daß ihre Liebe zu


