Ausgabe 
19.9.1901
 
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Wie nett, daß man- unseren kleinen Wunsch noch! in letzter Minute berücksichtigt hat!" sagte sie. Sem Antlitz drückte natürlich ein ungeheucheltes Erstaunen aus, da er keine Ahnung hatte, was die schöne Hausfrau mit diesen Worten meinen konnte.

Wir haben uns nämlich gestern, nachdem Sie uns in so ritterlicher Weise zu einem wohl eigentliche für das Publi­kum nicht bestimmten Aussichtspunkt verhalfen, bei den Offiziersburschen, die wir nachher trafen, nach Ihrem Namen erkundigt und gleich Bei unserer Rückkunft gebeten, daß man uns, tvenn möglich, den Herrn von Eschenbvrn nach Kleinkoberstedt senden möchte. Und siehe da, unsere Bitte !hat Erhörung gefunden. Also herzlich willkommen aus Kleinkoberstedt, Herr von Eschenborn! Mein Gatte hält noch! einen Umritt, ist aber in einer halben Stunde sicher auch» da. Er erwartete Sie nicht vor zwei Uhr! Sind Ihnen Ihre Zimmer recht? Oder wünschen Sie"

Aber, gnädige Frau", stotterte Arno, ganz überwältigt von so viel Glück,wie int Paradiese komme ich mir vor . ."

Na, werm's im Paradiese nicht lieblicher ausgesehen hat, als aus unserem grauen Gutshof, bann haben unsere Uaschigen Stammeltern damals nicht gerade viel verloren!"

Sagen Sie das nicht, gnädige Frau!" erwiderte er eifrig.Herrlicher kann es im Paradiese auch nicht ge­wesen sein. . -"

Wenu's Ihnen Vergnügen macht, Herr von Eschendorn, so streiten Sie sich darüber mit meiner Schwester herum, Die intmer behauptet, Kleinkoberstedt wäre das gräßlichste älte Eulennest, das ihr je vorgekommen wäre! Habe ich recht?"

Und damit wandte sie sich dem eben eintretenden Mäd­chen zu, das mit einer leisen Verlegenheit kämpfend, an­mutig errötete und mit niedergeschlagenen Augen näher kam.

Herr von Eschenbvrn meine Schwester: Dora Mal­den! Entschuldigen Sie mich, bitte, aus ein paar Minuten. Ich habe nämlich noch Hausfrauen-Pflichten!"

So blieb er mit ihr allein, die es ihm gestern aus den ersten Blick angethan hatte. Aber das Herz war ihm so voll, daß er zunächst nicht vermochte, die gleichgiltigen Dinge, die sich Menschen bei einer ersten Begegnung zu er­zählen pflegen, über die Lippen zu bringen. Und da auch sie nicht wußte, worüber sie mit diesem stolzen und eleganten Husaren-Offizier wohl plaudern könnte, entstand eine artige kleine Verlegenheitspause, die indes keinem von beiden pein­lich wurde, weil sie doch gegenseitig großes Wohlgefallen aneinander hatten, wenn das bei ihr auch noch unter der Schwelle des Bewußtseins schlummerte.

Lange dauerte es aber nicht, so bewahrheitete sich die alte Erfahrung wieder, daß Leute, die gut miteinander zu schweigen wissen, auch die schönsten Gespräche zu führen vermögen, wenn sie nur erst einmal den Anfang finden.

Ist Ihnen wirklich dieser idyllische alte Schloßbau mit seiner herrlichen Umgebung so zuwider?" hatte er gefragt.

Nur mitunter, wenn mich die Sehnsucht nach..... nach .... ja, ich weiß nicht, was, packt!" hatte sie lächelnd erwidert, und ihre großen, tiefen, unschuldigen Augen dazu ausgeschlagen, in deren klarem Grunde auch nicht ein Hmrch von koketter Absicht schimmerte. Und dann hatte sie ihm erzählt von den köstlichen Wanderungen in den seierlich stillen Buchenwäldern, die sie so gern unternahm, von dem fröhlichen Treiben bei der Waldbeeren-Ernte, von der ver­schneiten Einsamkeit des Winters, wo sie Jensen und Storm gelesen, nicht zu vergessen den Meister Raabe, der so alte Nester wie Kleinkoberstedt mit geradezu spukhafter Treue zu zeichnen im stände sei. Und immer lebendiger und jauch­zender war die leise Stimme in seiner Seele geworden, die ihm schon gestern ganz heimlich zugerusen hatte:Das ist sie! Die oder keine!"

Wie verzaubert kam er sich vor, und ganz verträumt führte er Beim Mittagessen die leere GaBcl mehr als ein­mal an den Mund, sodaß ihn der Hausherr, der sonst kein Freund vom Nötigen war, schließlich doch fragte, ob ihm der Braten in dieser Art nicht zusage.

Natürlich war er rot dabei geworden, weil er glaubte, der noch etwas zugeknöpfte Gutsbesitzer sehe ihm ferne ver­liebten Gedanken von der Stirne leuchten, und hatte nun, um sich und die Hausfrau zu rechtfertigen, einen wahren Vernichtungskampf gegen die Bratenschüssel eröffnet, was ihm nach den Strapazen des Vormittags übrigens ganz gut bekam.

®er Kaffee wurde im Park eingenommen, und da die schönen, alten Bäume Herrn Arnos Interesse erweckten, so ergab sich ein kleiner Spaziergang von selbst. Wie maje­stätisch die alten Linden rauschten! Wie fröhlich die jungen Vögel darin zwitscherten! Bei jedem Stamm von einiger­maßen ausfallendem Umfange blieb der Schalk stehen und gab seiner Freude über den alten Riesen Ausdruck, bis die Entfernung zwischen dem Ehepaar und ihm, der die liebliche Schwester der Wirtin am Arme hatte, groß genug geworden war, um ein wenig von seinem lodernden Herzen verraten zu können. Aber das rechte Wort fand er zunächst doch nicht. Alle die flachen Phrasen, die ihm entfielen, schienen ihm eine Entweihung der schönen Viertelstunde. Das holde Mlldchenwunder da an seinem Arme sollte nicht von ihm glauben, daß- er so ein Schablonen-Leutnant sei, der nichts weiter wisse, als die abgenutzten, parfürmierten Salon- Redensarten, mit denen in Sedeuheim die Garnisons-Damen vom Schlage der Mühlenbrechers gefüttert wurden. Schlicht und einfach wollte er reden, ihr feine Zukunft schildern und d-as Leben, das sie an seiner Seite führen würde, und dann fragen, gerade heraus und ohne Umschweife, ob sie ihn ein klein wenig lieb haben könne und es mit ihm versuchen wolle.

Aber dafür in ar jetzt denn doch wohl nicht der richtige Augenblick gekommen, wiewohl er aus der leisen Sprache ihres lieben, unschuldigen Antlitzes einen goldenen Schimmer von Hoffnung herauslesen zu dürfen glaubte. Er konnte sich da eben so gut täuschen! Und eine Abweisung von ihr schien ihm unmöglich zu ertragen! Ein Paar Tage noch, während der sie sich gegenseitig näher treten würden, wollte er ab warten. Das Quartier war ja für fünf Tage be- ssimmt in Aussicht genommen. Und so schwieg er denn zu­nächst von der Leidenschaft, die ihn durchtobte, und nur der heiße Druck seiner Hand, die lodernde Sprache seiner Augen, gaben ihr ahnungsvolle Zeichen von dem Zustande seines Herzens. Ach, und wie erfüllten ihr diese verstohlenen Boten der heimlichen Liebe die jungfräuliche Seele mit zagender Wonne und freudigem Leben! Wie eine Rofenknospe in linder Mainacht war ihr keusches Herz erwacht. Und ob sich ihre Gefühle auch! in mädchenhafter Scheu nicht durch die leuchtende Klarheit der Gedanken zum Bewußtsein wach- küssen ließen, ihre Träume waren von ihm erfüllt, der ihr so plötzlich in den Weg getreten war, und sie mit seinem fröhlichen, offenen Angesicht schon am ersten Tag wie ein alter, lieber Bekannter angemutet hatte, sodaß sie am Morgen Beim Erwachen jäh in Glut getaucht erschien, als sie sich darauf Besann, was für thörichte Tinge sie diese Nacht im Traum gehört und gesprochen! ....

Arno startete am anderen Morgen den Briefträger , der aber trotz eines gestern aufgegeßenen Telegramms noch immer nicht mit dem vom Photographen zu liefern­den Bilde erschien. Sein Mißmut barüber verschwanb jedoch schnell, als er Beim Betreten des Gutshofs Tora traf, die gerabe bamit Beschäftigt war, bie Tauben unb Hühner zu füttern, und babei unb zu einem schönen, großen Hühnerhunde einen tätschelnben Klaps gab. Es war ein ent» zückenbes Bilb, bas er ba genoß Aber es schien, als ob sie seinen Blick sühle, .wiewohl sie ihm bas Antlitz nicht zukehrte. Sie drehte sich auf einmal um unb begrüßte ihn errötend.

Haben Sie Hunde so gern?" fragte er sie, unb als sie es bejahte, erfüllte ihn bas mit großer Freude. Sie paßten eben in.allen Dingen zu einander.

Ich auch!" erklärte er nun und fing an, bem mächtigen Kerl die Ohren zärtlich zu zausen.

Wie heißt denn ber gute Bursche?" fragte er dabei.

Bummel!" sagte sie.Ein drolliger Name, nicht?" Sehr!" gab- er zu und dachte an seine Engländer, bie Menschennamen trugen.

Wie ihn mein Schwager kaufte, hieß er Seo. Wer bas klang uns abscheulich, weil wir einen alten, guten Onkel haben, der auch Leo heißt! Ta haben wir ihn einfach um- getauft! UndBummel" kann ein anWnbiger Mensch bvch Wohl kaum heißen!" lachte sie.

Er war rot geworden, und in seinem Herzen stand bev Entschluß fest, daß bei ihm daheim auch Umläufe stattfinden müsse.Phylax und Moppel" wollte er sie nennen, oder ,Tipps und Tapps", aber nie mehr Bob und Tolly ! Dieser Engel sollte ihn in Zukunft nicht wieder an Menschenfreund­lichkeit beschämen, ==