Ausgabe 
19.5.1901
 
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Ich denke es mir ganz hübsch, ihn zum Manne zu haben!"

O und das ist alles? Glaubst Tu wirklich, daß es genug sei zu einem Bunde für das ganze Leben?"

Ich denke ja."

Nun, so bleibt mir Wohl nichts anderes übrig, als Dir und ihm vom Herzen alles Glück der Erde zu wünschen. Einen ehrlicheren und treueren Gefährten als er es Dir sein wird, hättest Tu wahrlich nicht finden können, Hanna!"

(Fortsetzung folgt.)

Das Brillen der Vögel.

Von F. Clemens.

(Nachdruck verboten.)

Wenn der holde Wai die Zweige der Bäume und Hecken, die wie durchsichtige feine Gespinnste herabhängen, mit zartem Grün überzieht, wenn die Sonne einen Blütenteppich! auf den Fluren hervorzaubert und der Himmel der Erde den keuschen Brautkuß giebt, als welchen der Dichter den Wonnemonat so sinnig empfindet, so erschallt aus Wald und Feld der Jubelsang der lieblichen Sänger. Tie Lerche, hoch im blauen Raum verloren, schmettert ihre Triumph­hymnen, die Nachtigall flötet aus der Hecke, die Amsel ruft aus dem Garten, der lustige Fink vom Blütenbaum. Während aber die Vogelmännchen uns mit ihren fröh­lichen, schmelzenden, süßtönenden Melodien poetisch stimmen, liegen die kleinen zärtlichen Weibchen im traulichen Neste dem anstrengenden Brutgeschäfte ob; geduldig und treu hocken sie auf den zierlichen, schöngezeichineten Eiern und bieten mutig den Feinden Trotz, welche zu frevelhafter Störung herannahen.

Der Anblick eines brütenden Vogels ist eins der lieb­lichsten Naturbilder. Nicht allen Menschen ist solcher freilich! vergönnt; denn die intelligenten Waldsänger verstehen es, die Wiegen jhrer Kinder den zudringlichen Blicken der Neugier zu entziehen, ein gar geübtes Äuge und eine nicht geringe Kenntnis der Lebensgewohnheiten, sowie ein tiefes, vor Dornen und Hindernissen nicht ohne weiteres zurück­schreckendes Eindringen in die Geheimnisse der Hecken und Waldungen ist in den meisten Fällen erforderlich!. Oft hab' ich! mich! im Winter, wenn Sturm und Kälte Bäume und Gesträuch! entlaubt haben, über die zahlreichen Nester gewundert, die ich an Stellen fand, an denen ich während der schönen Jahreszeit hundert Mal vorübergegangen, ohne ohne auch nur eine Ahnung vom Dasein der klugen Tiere zu hegen. Noch mehr bekundet sich die schlaue Vorsicht der­selben jedoch in der Wahl des ersten Nistplatzes im April, wo den Bäumen und Hecken noch das schützende, bergende Grün fehlt. Man sollte meinen, diese Nester müßten jedem suchenden Auge zur Beute fallen, und doch entziehen sie sich den Blicken fast besser, als die für die späteren Bruten bestimmten, die der Vogel, dem deckenden Blättertzickicht vertrauend, mit weniger Vorsicht anlegt. Für die April- brnt dagegen wählt das Tierchen den Ort so ge­schickt, daß wir vielleicht tagtäglich vorbeischreiten und ihn nicht wahrnehmen umsoweniger, als die Nestbesitzer bei dem Aus- und Einfliegen die größte Vorsicht und Scheu an den Tag legen, und das Männchen selbst seinen Gesang von einem andern Platze aus erschallen läßt, der den Verdacht nicht auf die Niststätte hinlenkt.

Ist es uns aber doch gelungen, ein Nest mit einem brütenden Weibchen zu finden, so bewundern wir den Mut des Vogels, der uns ruhig nahe kommen läßt, während er sonst so scheu jede Annäherung vermeidet. Erst tnt letzten Augenblicke fliegt er mit ängstlichem Gekreisch! davon. Indessen dürfte es ntcht Mut allein sein, was den Vogel zu diesem Verhalten veranlaßt. Tie Vorsicht hat daran sicher ebensoviel Teil. Der Vogel weiß noch nicht, daß sein Nest entdeckt ist, er hofft bis zum letzten Augenblick, der Suchende werde das gut verborgene nicht finden, und unverrichteter Sache abziehen. Durch, vorzeitiges Auffliegen würde er ja gerade herbeiführen, was er vermeiden will, er würde die Aufmerksamkeit des Suchenden erwecken. Daher trotzt er, im Vertrauen auf seine Flugkraft, die ihn selbst ja vollkommen sichert, der Gefahr, und es gelingt ihm, sie auf diese Weise in den meisten Fällen abzuwenden.

Weiter kommt auch der Brütezustand an sich in Betracht. T!er Brüteakt beim Vogel ist kein freiwilliger, er ist der Ausfluß eines Naturtriebes, bei dessen Ausübung in kemer Weise von einer Liebe zur Nachkommenschaft in dem Sinne die Rede ist, in welchem wir das Wort Liebe gewöhnlich deuten; denn das Vogelweibchen brütet, wenn man seine Eier durch andere runde Gegenstände ersetzt, ebenso ruhig auf diesen, und kennt weder seine eigenen Eier noch deren Zahl, so wenig wie es eine Wahrnehmung davon hat, wenn ihm ein Junges genommen wird. Unter fünf jungen Kanarienvögeln, die ich besaß, befand sich ein in dev Enttvickelung zurückgebliebenes Tierchen. Obwohl es im Neste von den Alten gefüttert wurde, gleich! seinen Ge­schwistern, blieb es doch unansehnlich und fast nackend, während die andern sich! mit einem schönen Federgewand bedeckten. Trotzdem ließ sich die kleine Mißgeburt es nicht nehmen, am 18. Tage mit den übrigen auszuflregen. Tie Entwickelung seines kleinen Gehirns war jedenfalls bis zu dem Akte des Nestverlassens vorgeschritten, die körperliche Unfähigkeit blieb ohne Einfluß. Natürlich- plumpste es auf den Boden des Raumes herab, trotzdem wiederholte es den Versuch, als ich es ins Nest zurück-, versetzte, mehrmals; ich mußte es schließlich gewahren lassen. Ta stellte es sich! denn heraus, daß die Alten ibr eigenes Fleisch und Blut gar nicht mehr kannten; während sie die anderen eifrig fütterten, sperrte der Arme vergeblich den Schnabel auf; fremd starrten sie ihn an; und schienen ihn gar nicht für ihresgleichen anzusehen. Ich mußte den Hungernden selbst speisen, wenn er nicht verkommen sollte, leider rettete ihm auch dies das Leben nur um wenige Tage, trotz aller Fürsorge und Mühe.

Der Vogel übt mit dem Brüten also einen Akt der Notwendigkeit aus, dem er sich unter normalen Verhält­nissen nicht zu entziehen vermag, er muß ebenso brüten, wie er Eier legen muß, nachdem diese Thätigkeit einmal, ausgelöst ist. Aus welche Weise die physischen Veränder­ungen, welche der Brütezustand im Organismus des Vogels hervorbringt, zustande kommen, darüber kann man nur Vermutungen anstellen. Tie hauptsächlichste Physische Wirkung besteht jedenfalls in starkem Blutandrang nach dem Unterleibe, wodurch die hohe Wärme entsteht, welche der hauptsächlichste Zweck des ganzen Aktes genannt werden inuß; denn die Wärme wesentlich allein ist es, welche die Entwickelung der Eier bedingt, wie das Beispiel der Wallnister, und die künstlichen Brutöfen beweisen. Der brütende Vogel gerät also in einen förmlich fieberhaften, beinahe krankhaften Zustand, welcher vielleicht nicht wenig zur Herbeiführung des geduldigen Ausharrens im Neste beiträgt. Wird er plötzlich verscheucht, so befindet er sich manchmal förmlich, in einem Verwirrungsstadium, er hockt wie krank am Boden, und starrt wie betrunken um sich. Erst nach einer Weile scheint seine Besinnung zurück­zukehren, und er beeilt sich dann, seinen Platz im Neste wieder einzunehmen.

Ob auch, eine Art Genuß mit dem Brüteakt verbunden ist, wage ich nicht zu entscheiden. Fast möchte man es an­nehmen, wenn man den Brüteeifer des Weibchens be­denkt. Es gönnt sich kaum Heit, Nahrung einzunehmen, und die Anhänglichkeit an seine Eier oder Jungen ist so groß, daß es manchmal freiwillig in die Gefangenschaft folgt. Wenn uns eine solche Treue an sich rührend und erhaben dünkt, so dürfen wir doch auch nicht übersehen, daß der Vogelhahn, der eben noch die im Neste befind­lichen Jungen zärtlich hat füttern helfen, einen oder zwei Tage später, wie ich es in der Kanarienhecke so häufig beobachtet habe,' über die aus geflogen en Hähnchen eifer­süchtig herfällt, sie wütend hackt und zerzaust, und auch das Weibchen seine Jungen nicht mehr kennt, wie diese die Mutter nicht, sobald beide Teile einander nicht mehr nötig haben. Hier sind große Mätsel und Widersprüche vorhanden, deren Lösung wohl sobald nicht gelingen wird. Bei einzelnen Vogelarten brüten die Männchen allein, bei anderen wieder sind die Männchen die erbittertsten Feinde ihrer Brut. Für gewöhnlich besorgt jedoch das Weibchen das Brutgeschäft, und wird nur vom Männchen zeitweise abgelöst. Doch geschieht letzteres nur selten, und meist nnr für so viel Zeit, als zur Nahrungsaufnahme erforder­lich! ist, während welcher das Weibchen das Männchen