Ausgabe 
19.5.1901
 
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Weißt Du, Bernhard, was ich an Deiner Stelle thun würde?"

Nun?"

Ich würde mich mit diesem Regierungsassessor Wede- king zu vergleichen suchen. Er kann doch schließlich an der Echtheit des Briefes so wenig zweifeln wie an dem für ihn ungünstigen Ausgang des Prozesses. Und wenn man sich zu einigem Entgegenkommen bereit zeigte"

Freilich, es wäre das Vernünftigste. Und ich werde selbstverständlich schon ans Gründen des kollegialischen An­standes seinem Anwalt sofort unter Beifügung einer Ab­schrift Nachricht von der Auffindung des Briefes geben. Vielleicht wird er selbst dann den ersten Schritt zur An­bahnung einer gütlichen Uebereinkunft thun."

Immerhin würde es nichts schaden, wenn Du von vornherein eine gewisse Geneigtheit Uw Verhandlungen durchblicken ließest. Auf ein Opfer von hundert oder hundertfünfzigtausend Mark kann es ja nicht cmkommen, sobald dadurch alle Kosten und Weitläufigkeiten eines lang­wierigen Prozesses vermieden werden."

Wie leichtherzig Tu mit den Tausenden umherwirfst, Hanna!" sagte er lächelnd.Aber wir dürfen wohl vor allem nicht vergessen, daß die hunderttausend, die Tu dem Regierungsassessor so bereitwillig schenken willst, weder Tir noch mir gehören. Georg von Restorp allein ist es, der hier zu entscheiden hat."

Ah, bah, er wird thun, was Tu ihm vorschlägst."

Vielleicht, aber vielleicht auch nicht. Er kann sehr eigensinnig sein, der gute Restorp. "

Nun, so wird er thun, was ich ihm Vorschläge. Dafür kann ich jede Bürgschaft übernehmen. Am Ende wäre es doch auch offenbare Narrheit, wenn er nicht so schnell als möglich aus seinem kümmerlich übertünchten Elend heraus­zukommen suchte."

Bernhard Sylvander blickte wieder in den Brief, den er noch immer in der Hand hielt, und wieder schüttelte er wie vor etwas Unbegreiflichem den Kopf.

Ich kann mich noch gar nicht in diese Veränderung finden, Hanna! Zu denken, daß dies armselige, kleine Blatt die Restorps mit einem Schlage wieder zu reichen Leuten macht"

Und daß es Dir eine Mitgist von dreimalhundert- tausend Mark sichert. Auch daran hast Tu hoffentlich ge- dacht, Bernhard!"

Ah, das ist Thorheit! Jcy habe diesem Gerede meines künftigen Schwiegervaters niemals eine Bedeutung bei­gelegt, und es würde mir nicht einsallen, ihn beim Wort zu nehmen."

Ich aber verlange von Dir, daß Tu ihn beim Wort nimmst, Deinetwegen nicht allein, sondern auch um Inges und nicht zuletzt um seiner selbst willen. Er ist nun einmal zum Verschwender veranlagt und er würde ohne allen Zweifel die neue Million innerhalb weniger Jahre verwirtschaftet haben wie sein früheres Vermögen. Wenn Tu ihn davor bewahren willst, noch einmal zum Bettler zu werden, so mußt Tu jetzt unbedingt darauf bestehen, daß er sein als Edelmann gegebenes Versprechen einlöst."

Nun, darüber zu reden, ist es wohl auch später noch früh genug. Aber weißt Tu auch, Hanna, daß dieser Brief für Harro Boysen genau dieselbe Wichtigkeit hat wie für Georg von Restorp? Wie sonderbar, daß wir daran bis­her noch gar niicht gedacht haben!"

O doch, ich habe daran gedacht, Bernhard!"

Natürlich muß auch er sogleich davon in Kenntnis gesetzt werden. Ah, wie ich mich darauf freue, das verdutzte Gesicht des guten Jungen zu sehen, wenn er die uner­wartete Kunde erfährt!"

Tu wirst aus dies Vergnügen verzichten müssen; denn ich möchte Dich bitten, seine Benachrichtigung und die Wahl des geeigneten Zeitpunktes sür dieselbe mir zu über­lassen."

Dir, Hanna? Hast Tu für dies Verlangen einen besonderen Grund?"

Ja, und einen sehr triftigen. Ich stehe im Begriff, mich mit Harro zu verloben."

Ter Rechtsanwalt sprang auf.

Also doch! Er hat sich Dir schon erklärt?"

Ja."

",Und Du? Du liebst ihn, Hanna?"

nach außen hin als alleiniger Besitzer Auftreten sollte. In Anbetracht der veränderten Verhältnisse aber, ine durch das Scheitern unseres Projekts herbeigeführt worden sind, und da Sie an jene Ländereien ja in wer That genau dieselben Eigentumsrechte haben wie ich, erkläre ich mich trotzdem gern bereit, Ihrem Verlangen zu willfahren. Augenblicklich mit dringenden Arbeiten überhäuft, werde ich an einem der nächsten Tage die Ihrem Wunsche ent­sprechende Aenderung bei dem zuständigen Grundbuchamte beantragen und wird Ihnen dann ohne Zweifel von dort aus eine direkte Benachrichtigung zugehen.

In der Hoffnung, daß Ihr Gesundheitszustand sich rn- zwischen gebessert habe und daß Sie bald ein Mittel finden werden, Ihre augenblicklichen Verlegenheiten zu beseitigen, begrüße ich Sie

in bekannter Hochachtung

Julius Wedeking.""

Hanna liebe Hanna sage mir, ob ich träume oder- wache ! Dies ist ja ein Anerkenntnis in aller Form. Wenn wir den verstorbenen Wedeking heute als Zeugen vor Ge­richt zitieren könnten, er würde nicht deutlicher zu Gunsten unseres Anspruches aussagen können, als es hier aus diesem Blatte geschieht." '

So meine ich auch, Bernhard! Glaubst Tu jetzt daran, daß Dietrich von Restorps Erben den Prozeß gewinnen werden?" . c _ r

Und ob ich daran glaube! Aber freilich das Datum des Briefes auf das Datum wird am Ende alles an­kommen."

Er trägt das Datum desselben Tages, an dem nach Deinen Aufzeichnungen Julius Wedeking vom Schlage ge­troffen wurde und starb."

Dann ist es entschieden! Denn daraus erklärt es sich zur Genüge, weshalb die hier erwähnte Aenderung im Grundbuch nicht erfolgt ist. Aber es ist ein Wunder ein offenbares Wunder! Sage mir Hanna: wo hast Tu den unschätzbaren Brief gesunden?"

Hier in diesem Bündel. Ich, begreife nicht, daß er der Aufmerksamkeit Inges hat entgehen können. Gar zu sorgfältig scheint sie bei ihren Nachforschungen doch nicht verfahren zu fein."

Sie legte ein Päckchen von Papieren, das sie bis dahin noch in der Hand gehalten, vor ihn auf den Tisch. Es waren Schriftstücke und Notizen der mannigfachsten Art, aber auch eine Anzahl von Briefen in der markanten und charakteristischen Handschrift Julius Wedckings befand sich unter ihnen. Ter Rechtsanwalt legte sie alle nebenein­ander auf die Schreibtischplatte, um sie mit dem inhalts­schweren Dokument zu vergleichen. Und er empfand offen­bar eine fast kindliche Freude an der zweifellosen Ueber- einstimmung aller äußeren Merkmale.

Es ist dasselbe Briefpapier da, sieh selbst, Hanna! Tie vorgedruckte Firma, die eigentümliche Liniierung, das. Wasserzeichen alles haargenau dasselbe! Ten möchte ich sehen, der da noch an der Echtheit unseres Beweis­dokumentes zweifeln könnte?"

Ja, glaubst Du denn, daß man es als eine Fälschung verdächtigen könnte?"

Man wird es natürlich nicht ohne weiteres anerkennen. Wo Millionen auf dem Spiele stehen, wie es hier der Fall ist, giebt man sich nicht so leicht besiegt. Man wird die späte und zufällige Auffindung des Briefes als einen bedenklichen Umstand bezeichnen, wird seine Untersuchung durch Schreibsachverständige und andere kluge Leute ver­langen, und die Gerichte werden selbstverständlich allen der­artigen Anträgen stattgeben. Wir aber können dem Er­gebnis in aller Gemütsruhe entgegensehen; denn da die Papiere sich seit Dietrich von Restorps Tode im Gewahr­sam seines Bruders befanden und aus seinen Händen un­mittelbar in die meinigen übergegangen sind"

Ist jede Möglichkeit eines Betruges ausgeschlossen natürlich! Aber wenn wirklich alles das geschieht, was Tu da eben in Aussicht stellst, so kann sich ja trotz dieses über­zeugenden Beweisstückes der Prozeß immerhin in die Länge ziehen." , ,

Daraus müssen wir uns gefaßt machen, liebe Hanna! Es sei denn daß auch unser Gegner irgend welches In­teresse an einer raschen Entscheidung hätte."