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Von der hohen See habe ich genug. Aber Du mußt auch zu Hause bleiben. Du bist und bleibst ein Seemann. Deshalb brauchst Du aber doch nicht wieder in See zu gehen."
Er lächelte, sah aber gleich wieder ernst aus. Schließlich rief er: „Na, darüber können wir reden, wenn wir wieder zu Hause sind."
Als ich abends halb zehn Uhr wieder an Deck kam, war der schöne, steife Wind, der uns bis an den Anfang des Kanals getrieben hatte, ganz abgeflaut. Es herrschte völlige Stille an Deck, die durch die Schatten der Nacht mit den unzähligen, strahlenlosen Sternen noch mehr her- vorgehoben wurde.
Etwas unbeschreiblich Feierliches lag in der Meeresstille. Das leise klagende Geräusch des längsseit plätschernden Wassers, das Flattern der leichten Segel hoch oben, das waren alles Töne, die die Stille nicht unterbrachen.' Im Gegenteil, sie erhöhten sie noch. Gerade durch den Gegensatz wird das tiefe Schweigen der Meeresstille noch fühlbarer.
Wenn ich an den hohen Masten empor, und über das Meer blickte, das wie ein zweiter Himmel auf seiner spiegelglatten Fläche die Gestirne zurückstrahlte, so spürte ich eine solche Ruhe, solchen Frieden, wie ich es in dem Maße an Land nie empfunden habe. Nur in einer sternklaren, stillen Nacht auf See, wo der Blick unbehindert an die fernsten Grenzen des Gesichtskreises dringt, nur da erkennt man die Gegenwart Gottes, und empfindet jene Seelenruhe, die eben nur möglich, wenn das Land mit seinen Sorgen und Kämpfen weit entfernt ist.
Plötzlich, schlugen die Royals back, und rechts voraus wurde das Wasser dunkler. Scharf abgegrenzt und sich schnell verbreiternd kam der Wind heran wie ein Rauchx- gewölk.
„Backbord Großbrassen!" rief Snow.
Das Klappern von Tritten war vernehmbar, und wie Schatten kamen die Leute längs Deck. Tauwerk wurde dröhnend niedergeworfen. Die Stille war gebrochen. Ein heiserer Gesang wurde angestimmt, Scheiben quiekten in den Blöcken, Ketten rasselten, und die Schwanenhälse an den Raaen kreischten, als die Unterraaen herumgeholt wurden.
Alle Segel standen nun wieder voll. Schon begann die Brigg das Wasser zu durchschneiden, und ein dünnes Kielwasser verlor sich in der Dunkelheit, während die Matrosen den Großhals zu Bord holten, und ihr Gesang durch die stille Nacht schallte:
Nach Hause segeln wir jetzt hin
Mit frohem Mut und heitrem Sinm
Siebenundzwanzigstes Kapitel.
Zu Hause.
Am 22. Mai abends befanden wir uns querab von der Küste von Yorkshire, etwa zwischen Flainboro Head und Whitby, und Richard sagte, er hoffe, Sunderland am folgenden Morgen ganz früh in Sicht zu bekommen.
Nie werde ich das Gefühl vergessen, mit dem ich in meine Kammer ging, um zum letzten Male in der Koje zu schlafen, die meine Lagerstatt war, seit ich mich an Bord der „Bolama" befand. Ich kniete nieder, und sandte ein heißes Dankgebet zu Gott.
Seit wir in den Kanal gekommen waren, war Richard fast fortwährend an Deck, da er in diesen gefährlichen Gewässern die Brigg nicht Herrn Short anvertrauen wollte. Es ging mit Hilfe der Krücken auch ganz gut. Er meinte, daß er die kommende Nacht überhaupt nicht schlafen wolle, und ich versuchte auch nicht, ihm dies auszureden, erstens, weil es mir doch nicht gelingen würde, und zweitens, weil ich einsah, daß es in der Nähe des Landes nicht anging, die Führung der Brigg Leuten wie Short und Snow zu überlassen, die beide kein Patent besaßen. Bis elf Uhr blieb ich bei meinem Manne, dann mußte er mir versprechen, mich zu wecken, sobald die Küste von Sunderland in Sicht käme. Darauf ging ich zu Bett.
Ich lag noch lange wach, und lauschte auf das Klappern von Richards Krücken über meinem Kopfe. Höchstens eine Stunde konnte ich geschlafen haben, als ich davon erwachte, daß sich eine Hand auf meine Schulter legte. Es war Richard, der mir nritteilte, daß die Uhr halb acht, und Sunderland kaum noch fünf Seemeilen entfernt sei.
Kein Matrose ist wohl je auf den Ruf: „Alle Mann an Deck!" mit größerer Hast aus dem Bette gesprungen, als ich an diesem Morgen. Kaum ließ ich mir Zeit, mich anzukleiden. In fünf Minuten war ich fix und fertig an Deck. Querab an Backbord zogen sich die dunkeln Felsen von Durham entlang, und achteraus zu Luward waren die Verschwimmenden Umrisse der Küste von Borkshire noch eben erkennbar.
Ich stand damit gefalteten Händen, und schaute darauf hin. Was kann man wohl mit dem Gefühl vergleichen, das der Anblick der heimatlichen Küste nach einer langen Reise hervorruft? Und wie erhöht sich dieses Gefühl, wenn man schwere Gefahren durchgemacht, und nur mit Seufzern und Thränen an die Heimat gedacht hatte wie ein Sterbender an etwas Liebes, das er nie Wiedersehen sollte.
„Ach, Richard", ries ich. „Ob der Vater uns wohl erwartet?"
„Wenn er es nicht thut", antwortete er sanft, „so wird es doch nicht lange dauern, bis wir ihn treffen." '
Der Wind war leicht und ablandig, so daß wir mit scharf angebraßten Raaen kaum auf den Hafen zu liegen konnten. Im Nordwesten unter einer bräunlichen Rauchwolke lag Sunderland. Es war ein herrlicher Maimorgen, so warm wie ein Tag im Juni. Der Himmel war ganz klar, nur im Osten erhob sich eine perlfarbene Wolkenwand. Dort war auch die See glatt und blau, während sie näher an der Küste eine leuchtend grüne Farbe hatte.
„Du thust am besten, jetzt hinunterzugehen, Jeß", sagte Richard, „Du mußt doch packen."
„Ja, wie werden wir aber nur unser vieles Gepäck an Land schaffen?"
„Thut nichts", fuhr er fort. „Wenn wir auch ohne Kisten und Kasten heimkehren, so birgt dieser alte Kahn doch auch für uns Geld genug, daß ich Dich von Kopf bis zu Fuß in Sammet und Seide kleiden kann, und noch genug übrig behalte."
In dieser schneckenartigen Weise krochen wir weiter, bis der Steward meldete, daß das Frühstück angerichtet fei. Wir brauchten zu dieser letzten Mahlzeit an Bord nicht viel Zeit. Ein Schleppdampfer kam auf uns zu, so schnell ihn die Räder treiben konnten. In zwanzig Minuten befand er sich längsseit, und fragte, nach welchem Hafen er uns schleppen sollte. Ich hätte den rauhen Seemann auf der Brücke umarmen mögen. Sein breiter, nordenglischer Dialekt war die schönste Musik für meine Ohren.
Ich war aber zu aufgeregt, um irgend welche Vorgänge besonders zu beachten, und hatte daher ein kleines Boot gar nicht bemerkt, das herangekommen war, und war sehr überrascht, als der Lotse an Bord stieg. Er kannte meinen Mann, und starrte ihn, als er die Krücken erblickte, ganz verwundert an.
„Nanu, Kapitän Fowler",, ries er aus, „wie kommen Sie hier an Bord? Bill sagte mir doch Sie führten die „Aurora", und wären auf acht Monate — oder war's ein Jahr — ausgegangen?"
„Ja", sagte Richard, „Bill hatte' ganz recht; also werden Sie sich wohl denken können, daß ich ein kleines Garn zu spinnen habe."
„Aber was haben Sie mit der Bark gemacht, Kapitän?" rief der Lotse.
„Die habe ich nordwestlich vom Golf von Guinea gelassen; es ist kein Lotungsgrund dort, ich kann Ihnen also auch nicht sagen, in wieviel Faden Wasser."
„Na, das ist ja 'ne schöne Bescherung", meinte der Lotse. „Die Geschichte müssen Sie mir noch erzählen". Dann wandte er sich seinen Pflichten zu.
Im Augenblick wurde der Befehl erteilt, alle Segel aufzugeien oder niederzuhvlen, und währende der Dampfer die Schlepptrosse manöverierte, sprang die Mannschaft herum, holte an Geitauen unb Gordings, und stimmte laut an verschiedenen Stellen des Decks ihre Gesänge an. Ein Segel nach dem andern wurde zusammengeschnürt, und als die Leute nach! oben gingen, um alles festzumachen, holte der Dampfer die Bucht der Trosse aus dem Wasser. Die Brigg folgte ihm, indem sie mit ihrem breiten Bug den aufgerührten Schaum auf beiden Seiten zurückwars, während das an einer Leine hinterher geschleppte Lotsenboot auf dem geglätteten, breiten Kielwasser mit einem zischenden Geräusch, die Fluten durchschritt.


