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Rrchqrd unterhielt sich mit dem Lotsen, und erzählte ihm tue Einzelheiten über die Reise, und den Verlust der „Aurora". Er sprach auch! von mir, und ich bemerkte daß mir der Lotse erstaunte Blicke zuwarf. Ich kümmerte mich aber nicht darum; denn das Land, dem wir uns immer mehr näherten, nahm meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Jetzt waren schon Hafen, Docks und die ganze Stadt deutliche zu sehen, im Vordergrund ein Mastenwald, und dazwischen ab und zu die in der Sonne glitzernden Fenster von Häusern.
Vor mix, nur einen Steinwurf entfernt, lag die Heimat. Auf der Nordmole standen Leute. Im Vorüberfahren musterte ich klopfenden Herzens die Gesichter. Da am Ende der Mole stand jemand, der wie unsinnig seinen Hut schwenkte, und dazu soviel Platz brauchte, daß die Umstehenden zurücktreten mußten.
„Richard, Richard!" kreischte ich. „Das ist Vater!"
„Ja, das ist er", rief Richard, legte die Hand in den Mund, und schrie hinüber: „Wie geht's, Kapitän? Hrer sind wir — ganz munter. Auch! Jessies Befinden und Strmmung ist vorzüglich."
Ob die Leute auf der Mole etwas von unserer Geschichte wußten, weiß ich, nichts Wahrscheinlich! ist es; Vater hatte meinen Brief erhalten, und gewiß überall davon erzählt. Jedenfalls stimmten sie auf Richards Ruf ein solches „Hurra!" an, daß meines Vaters Antwort ganz davon übertönt wurde.
Gleich darauf waren wir auch schon vorüber, und lagen nun neben dem Quai der Zollbehörde. Die Zollbeamten kamen an Bord, der Dampfer warf unsere Trosse los, und Vertäuungen wurden an Land gebracht. Dazu kam ein Stimmengewirr an Land und an Deck, daß ich ganz verwirrt wurde. Ich weiß nur, daß ich plötzlich Vater und Kapitän Robinson, der aus meiner Hochzeit gewesen war, aus dem Quai stehen, und winken sah. Eine Planke wurde hinüber gelegt, und im nächsten Augenblicke lag ich in meines Vaters Armen.
„Vier Monate fort!" schrie mein Vater, hielt meine beiden Hände fest, und trat einen Schritt zurück. „Und in dieser Zeit hast Du Feuer und Schfsfbirüchj, und wer weiß was erlebt! Haben Sie schon 'mal so ein Mädel gesehen, Robinson? Und wie gut sie aussieht! Braun wie 'ne Kaffeebohne, und mit dem richtigen tropischen Glanz um die Augen! Man kann gleich sehen, wo sie gewesen ist! Und Dick! Auf Krücken!? Gott soll mich bewahren!" Hier folgte erneutes Händeschütteln und Küssen, Weinen und Lachen von meiner Seite, und Lachen und etwas, das fast wie Thränen aussah, auch bei meinem Vater.
Die Einbildungskraft des Lesers möge sich unser Wiedersehen ausmalen; beschreiben kann ich es nicht. Richard konnte uns nicht nach der Stadt begleiten, da er noch einige Förmlichkeiten in Betreff der Bergung der Brigg auf dem Seemannsamt erledigen mußte. Kapitän Robinson blieb bei ihm, während der Vater und ich uns nach dem Gasthaus „zum Sattel" in der Highstreet begaben. Dort, wo damals Frau Davison und ihre Tochter Lizzie das Regiment führten, wollten wir zu Mittag essen, und Richard nebst Kapitän Robinson erwarten.
„Hast Du kein Gepäck, Jessie?" fragte der Vater.
„Nicht die Bohne, Vater; nicht soviel, um es als Bündel im Taschentuch zu tragen", erklärte ich, „außer diesem kleinen Paket, das ich als Andenken an unsere Lerden aufbewahren will."
5.- toa§ es sei. Ich teilte ihm mit, daß es
dre Wasche sei, die ich mir notgedrungen hätte anfertigen müssen, da ich nur retten konnte, was ich aus dem Lerbe trug, als wir die „Aurora" verließen.
„Ach, mein armes Kind!" rief er. „Habe ich Dir nicht gesagt, was die See ist? Nun hast Du aber auch genug davon, mein Lamm. Einmal Schiffbruch ist genug für oas ganze Leben. Dick hat seinen Willen gehabt; jetzt komme ich wieder an die Reihe."
Der Weg vom Quai bis „zum Sattel" war glücklicherweise nicht weit; aber auch so genierte es mich etwas, mich in einem solchen Aufzuge auf der Straße zu zeigen. Mein Hut sah ganz verbeult und zerknittert aus; den Stiefeln hatte das Seewasser eine richtige Broncefarbe verliehen, und mein Zacket war über und über mit Flecken bedeckt, da die Farbe durch den Einfluß von Tau, Regen
und Seewasser verblichen war. Auch mein Kleid sah mehv wie ein Sack, als wie ein vom Schneider gefertigtes Kleidungsstück aus. Die Leute, besonders die Damen, blieben auf der Straße stehen, und sahen mir nach, und ich war herzlich froh, als wir endlich das Hotel „zum Sattel" erreichten, und in seinen gemütlichen, schmucken, altmodischen Räumen Schutz fanden.
(Schluß folgt.)
Die neue Yacht „Prinzeß Viktoria Luise".
Von W a l t e r E r w i n.
(Nachdruck verboten.)
Vor etwa zehn Jahren machte die Hamburg-Amerika- Linie den ersten Versuch, einen ihrer regelmäßigen Passagier- dampfer, die „Auguste Viktoria", auf eine Winterreise von Hamburg nach dem Mittelländischen Meer zu senden. Der Versuch wurde gewissermaßen als ein Experiment betrachtet und wohl auch unternommen, um das Schiff während der stillen Zeit des transatlantischen Handels zu nützen. Die Reise bildete einen glänzenden Erfolg, und man beschloß, New-York zum Abgangspunkt der nächsten Fahrt zu machen. Die Resultate waren so befriedigend, daß die Gesellschaft darauf hin einen regelmäßigen Winterverkehr dieser Art einrichtete.
Um das Interesse für dieses Unternehmen zu steigern, hat, nun die Gesellschaft ein für gedachten Zweck besonders geeignetes Schiff gebaut, welches alle maßgeblichen Faktoren der Eleganz und des Komforts, wie sie heute beansprucht werden, in sich vereinigt. Die „Prinzessin Viktoria Luise", die ihren Namen zu Ghren des jüngsten Kindes und der einzigen Tochter des deutschen Kaisers empfangen hat, entspricht, sowohl in ihrer Ausstattung wie in ihrer Fahrgeschwindigkeit und Seetüchtigkeit einer erstklassigen Kreuzer- Yacht. Mit Ausnahme der neuen, kürzlich in Großbritannien gebauten Queens-Yacht besitzt sie das größte Deplacement von allen Yachten der Welt, obgleich ihre Fahrgeschwindigkeit bedeutend geringer ist, als die der meisten russischen, englischen und deutschen kaiserlichen Yachten. Die „Queens-Yacht" ist 420 Fuß lang, hat 18 Fuß Tiefgang und besitzt eine Schnelligkeit von 20,5 Knoten, während ihr Deplacement 4700 Tons oder 200 Tons mehr als das der „Viktoria Luise beträgt. Diese ist 450 Fuß lang und erreicht eine Geschwindigkeit von 16 Knoten. Die „Prinzeß Viktoria Luise" wird durch Zwillingsschrauben-Maschinen von dreifacher Spannung getrieben, die 4000 Pferdekräfte entwickeln, wenn das Schiff mit einer Geschwindigkeit von 16 Knoten pro Stunde fährt. Die gewöhnliche Geschwindigkeit der Yacht ist indessen nur etwa 13 ein halber Knoten pro Stunde.
Das prächtige Schiff zeigt alle charakteristischen Kenn- zerchen der modernen Yacht, wie Schnellsegler-Bug, Bugspriet, langes überhängendes Hinterschiff und weiten Pro- menaden-Deckraum. Alles ist auf die Bequemlichkeit der Passagiere und der Besatzung berechnet. Es zeigt keinen spießbürgerlichen Komfort, und die Prachträume sind luftiger und geräumiger als man sie sonst auf transatlantischen Schiffen findet. Die Passagiere haben drei Decks zur Verfügung: das Salondeck, das obere Deck und das Promenadendeck. Zwischen den beiden Schloten auf dem Bootdeck in der Mitte des Schiffes befindet sich eine große Turnhalle. Der Speisesaal, der auf dem Salondeck vor dem Kesselraum liegt, faßt bequem etwas über 200 Personen; das ist die Zahl von Passagieren, die das Schiff tragen kann, wenn es vollständig besetzt ist. Besonders gefällig wirkt „in dem Saal eine Reihe vorzüglicher Gemälde, welche die Häfen von Konstantinopel und Sidney und verschiedene Landschaften Deutschlands und Nordamerikas darstellen. Das obere Deck ist vollständig den Prachträumen gewidmet, während auf dem Promenadendeck darüber sich die Wandelhalle, die Bibliothek und der Rauchsalon befinden. Die Ausstattung der Bibliothek ist vorzüglich in roten Tönen und sehr geschmackvoll gehalten. Die Wände zeigen reichen Schmuck an Gemälden, welche landschaftliche! Szenen des Mittelländischen Meeres und des Orients darstellen. Der Rauchsalon ist in geschnitztem Eichenholz ausgeführt, und die Wände tragen reiche Majolikamalereicn,


