Ausgabe 
19.2.1901
 
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lasse«, vorausgesetzt, daß sie wie ehrliche -Seeleute ihre Pflicht thäten. Was kann man sonst machen, Richard? Die Leute sind alle gegen Dich, und wenn Du ihnen nicht etwas entgegen kommst, müssen sie Dich ja zuletzt bewältigen. Und was wird dann aus uns?"

Diese Worte machten mehr Eindruck ans ihn, als alle meine Gründe. Er glaubte, daß ich- um meine eigene Sicherheit besorgt sei, und das hatte ich auch beabsichtigt. .Ich- wußte wohl, daß ich sonst wenig Aussicht hatte, ihn umzustimmen.

Er sah mich gütig an, und sagte:Ja, Jeß, das darf ich freilich nicht vergessen, daß ich auch für Dein teures Leben Verantwortliche bin." Damit ging er einige Schritte nach vorne und rief der'Mannschaft zu:

Da ihr meint, daß mein Versprechen sich ebenso auf Quill, tote auf euch bezieht, so soll es so sein. Ich will euch entgegenkommen, tote ihr mir. Seid ihr vernünftig, so lasse td)- auch mit mir reden; seid ihr es nicht, so bin ich der leibhaftige Teufel. Dies ist nicht meine erste Reise als Schiffer, und bis jetzt habe ich als Steuermann tote als Schiffer noch keinen Mann an Bord gehabt, der nicht gern mist mir zur See gegangen wäre.

Was euch zur Meuterei veranlaßt hat", fuhr Richard fort,das weiß ich- nicht. Ich bin kein Panker, kein roher Tyrann, sondern ein englischer Seemann, der Matrose gewesen ist, wie ihr, ttnd ich wäre der erste, der etwaige wirkliche Uebelstände abstellen würde. Was ich aber nicht sehen kann, das glaube ich nicht. Eure Beschwerde ivar nicht ehrlich, und das wißt ihr. Die Leute, die als Voll­matrosen angemustert sind, können Matrosenarbeit ver­richten, raetirt sie nur wollen. Wenn sie sich weigern, und ihre Pflichten andern Letiten aufbürden wollen, werde ich sie wegen Betrug bestrafen, und ihre Heuer herabsetzen. Ihr wißt, daß ich das thun kann, und nötigenfalls thun werde. Das ist's, was ich end)- zu sagen hätte, und nun, Herr Heron", schloß er, indem er dem Steuermann den Schlüssel übergab,können Sie nach achtern gehen, und Quill in Freiheit setzen."

Es verging eine ziemlich lange Zeit, ehe Heron wieder an Deck erschien. Endlich kam er, und hinter ihm Quill, der noch die Handschellen trug. Es schien mir ein großer Fehler, bett Mann mit gefesselten Händen der ganzen Mannschaft vorzuführen. Das wär jedenfalls nichts als Bosheit des Steuermanns. Auch- Richard schien es so anf- ztlfassen. Wütend rief er:

Nehmen Sie ihm die Handschellen ab! Was meinen Sie eigentlich damit, den Mann hier gefesselt vorzuführen? Sagte ich Ihnen nicht, Sie sollten ihn in Freiheit setzen?"

Von den Handschellen habett Sie nichts erwähnt", antwortete Heron.

Nehmen Sie sie ihm ab!" donnerte Richard, ttnd stampfte heftig mit dem Fuße.

Der Steuermann gehorchte mit ganz überflüssiger Um­ständlichkeit, so daß jeder genau sehen konnte, was vor­ging. Dann warf er die Eisen zu Boden, daß sie klirrten. Dabei machte er eine taschenspielerartige Bewegung, als wollte er sagen:Seht ihr, es sind wirkliche Eisen".

Richurds Gesicht ivar dnnkelrot vor Zorn geworden, tür konnte seine Absicht, einige Worte an Quill zu richten, nicht ausführen, fottbertt winkte nur mit der Hand und sagte:Geht jetzt nach vorne, und an die Arbeit!" Dann befahl er dem Steuermann, die Eisen aufznnehmen, und ttt hie Kajüte zu tragen. Dieser that es, indem er sie, während er längs Teck ging, hin und her schwang.

Richard wartete, bis er seine Selbstbeherrschung wieder gewonnen hatte. Dann rief er Herrn Short heran.

Wessen Wache ist es?"

Herrn Herons, Sir", antwortete der Zimmermann.

Nun, da Sie an Deck sind, können Sie die Leute gleich- zntörnen; Hann schicken Sie jemand nach- achtern, um die Flagge 'runter zu holen".

Der Zimmermann ging scheinbar sehr diensteifrig nach tzorne, und erteilte seine Befehle.

Komm mit in die Kajüte, Jeß, damit wir etwas zu essen bekommen", sagte Richard.Wenn der Koch nicht etwa auch streikt, sollte das Mitlagesseti jetzt ungefähr fertig sein. Ich möchte mir nicht den Anschein geben, als beobachte ich die Leute. Wenn ich von Deck gehe, si*Ht es f» aus, Ms ob ich Vertrauen zu ihnen hätte,"

Ich wollte Richard meine niedergeschlagene Stimmung verbergen, und trat deshalb mit einem Lächeln in die Kajüte, wo er bereits am Tische saß, und auf mich toarteie.

Die Steuerleute haben mehr Schuld daran, als die Matrosen", sagte ichWirklich unterstützt haben sie Dich gar nicht. Sicherlich hat dieser Herr Short die Mann­schaft anfgereizt."

So toirb es wohl sein", sagte Richard.Schufte sind sie aber trotzdem. Und so schlimm auch Short ist, Heron halte ich für zehnmal schlimmer." '

Mir scheint Short", versetzte ich,ein von Natur nörgelnder, meuterischer Seemann, der nicht leben kann, ohne Ränke zu spinnen, auf welchem Schiffe er auch sei. Heron aber handelt, meiner Meinung nach, nur aus Rache. Er kann Dich nicht leiden, uitb möchte gerne Deine Interessen durchkreuzen und gefährden. Hoffentlich wirst Du sie in Sierra Leone alle beide, los."

Darauf kannst Du Dich verlassen, vielleicht schon vorher."

Vorher?"

Ich werde sie nicht über Bord werfen", rief er lachend, indem fein natürlicher Frohsinn wieder zum Durchbruch, kam.Aber ich vermute, daß Heron über kurz ober lang in dieselbe Lage kommen toirb, wie vorhin Quill."

Das Spiel, bas Heron spielt", fuhr mein Mann fort, kann nichts anderes bebeuten, als dies: Wem: die Mannschaft mich wirklich zum Umkehren zwänge, so würde er zu den Reedern gehen und erzählen, ich hätte keine Gewalt über die Mannschaft, und würde verlacht: über­haupt wäre ich keine geeignete Persönlichkeit, ein Schiff zu kommandieren. Wenn man auf diese Weise mit Schmutz beworfen wird, bleibt stets etwas davon Heben; denn be­denke, die Rückkehr des Schiffes würde den Reedern doppelte Kosten verurfacheir, und wer Geldverlust erleidet, ist stets geneigt, Klagen über den Mann anzuhören, bem man die Schuld daran aufbürden könnte. Vielleicht hofft der Bursche auch-, meine Stelle zu erhalten. Solchen Charakter ganz zu durchschauen, ist unmöglich. Aber meine Zeit toirb schon kommen. Einmal wird er mir schon Gelegenheit geben, ihn zu fassen. Und nun", meinte er lächelnd,wie denkst Du jetzt über Seeleute? Stehen sie noch immer so hoch in Deiner Achtung, wie bisher?"

Du redest zu einer Seemannsfrau", sagte ich.

Ja", versetzte er,zu einer Seemannsfrau, die gesehen hat, wie eine Mannschaft wegen Meuterei eingekerkert und mit Hungersnot bedroht ist; die gesehen hat, wie ihr Manu eiit Pistol auf dem Herzen trug, um die Janmaateu mit Blut und Tod zu schrecken, und das alles in den ersten acht Tagen der Reise."

Ich würde den Seemann ebensowenig nach- diesen Leuten beurteilen, tote etwa die Bewohner von Newcastle nach den Insassen des Polizeigefängnisses. Aber bitte, Richard, sieh, daß Dn all diese Leute in Sierra Leone los wirst. Von dort nach den: Kap ist's ebenso weit, wie von England nach Sierra Leone, und diese ganze Zeit .über mit den Stenerleuten und mit dieser Mannschaft zusammen zu fein, das würde idj nicht ertragen können."

Jeß", erwiderte er,Du stehst unter meinem Schutz; überlast mir getrost die ganze Angelegenheit. Weder die Mannschaft, noch die Steuerleute, noch Orange sollen Dir ein haar krümmen."

Eine ganze Woche hindurch ging alles ruhig seinen Gang. Ich beobachtete die Leute so genau es mir möglich war, wenn ich mich an Deck befand. Ich gedachte vielleicht, irgend etwas zu entdecken, was Richard übersehen könnte, fand aber nicht dei: geringsten Grund zur Besorgnis, und auch Richard hatte sich über nichts zu befiagen. Den Zimmermann sah ich- selten, und redete ihn niemals an. Wenn er die Wache hatte, hielt er sich in der Nähe des Fallreep auf. In dieser Woche hatte er meist keinen Dienst, wenn ich an Deck war, so hatte ich!, tote gesagt, nur wenig Gelegenheit ihn zu beobachten.

Herrn Heron traf ich natürlich- häufig. Sein Wesen war noch immer ebenso abstoßend und ungesellig, tote bisher. Da er jedoch seine Pflicht that, und im stände war, bei einem etwaigen Wechsel des Windes die nötigen Befehle zu geben, wenn er ba» Kontmando hatte, und ein sehr ge-