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wiegtet Rechner war, ließ Richard ihn unbehelligt. Er war in allen Zweigen der Navigation so bewandert, und beherrschte die Geometrie, Trigonometrie, nautische Astronomie usw. so vollständig, daß Wohl nur wenig Leute gegen ihn hätten aufkommen können. Und doch bin ich überzeugt, was praktische Seemannschaft anbetrifft, hätte wohl jeder Ewerführer oder Knstensteuermann, der vielleicht von der Sonne nicht mehr wußte, als daß sie morgens auf» und abends nnterginge, diesen mathematischen Herrn Heron weit übertroffen. Man kann eben den Gebrauch des Sextanten aus dem Grunde verstehen, und doch nicht mehr dazu taugen, das Kommando eines Schiffes zu übernehmen, als sich vielleicht ein Kommis in einem Schnittwarengeschäft zu einem Lokomotivführer eignen würde.
Aber er füllte, wie Richard sagte, gut genug seinen Platz aus, bis wir ihn los werden konnten, hielt sich allein, und reizte die Leute nicht mehr zur Auflehnung. Sein mürrisches, finsteres Wesen war mir sehr willkommen. Wir konnten sehr gut ohne seine Unterhaltung auskommen, und ich für meine Person muß sagen, daß er mir während seiner Abwesenheit immer am besten gefiel.
So vergingen die Tage ohne eine Wiederholung der Meuterei, so daß wir sie fast vergessen hatten. Es schien nur ein plötzlicher Ausbruch von Aerger bei den Leuten gewesen zu sein, dessen sie sich nun schämten. Allerdings zeigten sie sich niemals sehr willig. Die Lust und Liebe zur Arbeit, woran man sofort eine zufriedene Schiffsmannschaft erkennen kann, fehlte. Die Leute betrugen sich, als ob sie sich zwar nicht von ihrem Aerger hinreißen lassen wollten, ihn aber auch nicht ganz unterdrücken konnten. Ich machte meinen Mann darauf anfmerksain, er hatte es aber auch schon bemerkt.
„Meiner Meinung nach", sagte er, „haben sie nur nachgegeben in der Absicht, mir in Sierra Leone auszukneifen. Sie haben etwas Vorschuß gehabt. Die Reise ist nur kurz; also verlieren sie nicht viel, wenn sie ablaufen. Indessen könnte es mir auch einfallen, sie daran zu verhindern. So ohne weiteres wird in Sierra Leone wohl keine Schiffsmannschaft zu bekommen sein."
„Wenn sie desertieren wollen, laß sie doch", sagte ich, „wir wollen keine Meuterei wieder haben."
„Was!" rief er lachend, „und uns lieber auf ein paar Monate in des „Europäers Grab" begraben lassen, so daß wir, wenn wir nach Hause kommen, Deinen Vater mit einem breiten Trauerflor um den Hut vorfinden, weil er uns schon lange tot glaubte. Aber wir werden ja sehen. Wenn die Dinge nur so weiter gehen, wie augenblicklich."
(Fortsetzung folgt.)
Jungfer Uebermnt.
Fafchings-Novellette von Paula Kaldcweh.
(Nachdruck verboten.)
Monatelang hatte man in dem kleinen Städtchen von nichts anderem gesprochen, als von der reizenden, mit allem Komfort der Neuzeit errichteten Villa, die fid} Kommerzienrat Olsdorf vor dem Thore erbauen ließ und die er zu Anfang des neuen Jahres bezogen hatte. Die schon seit lange geplante Einweihungsfestlichkeit mußte zum Leidwesen der vielen guten Freunde des Olsdorfschen Hauses wegen Krankheit der Kommerzienrätin immer von neuem verschoben werden, aber nun endlich hielt man die Einladungskarte in den Händen, in der man am Fastnachtsdienstag abends acht Uhr zu einem kleinen Maskenfeste freundlichst eingeladen wurde.
„Jungfer Uebermut, Du sollst auch mitkommen!"
Landgerichtsrat Wegner, der vertrauteste Freund Olsdorfs, legte die lithographierte Karte beiseite und sah seine Jüngste schmunzelnd an.
„Wirklich, liebster Vater? Das ist ja zu famos! Ich darf doch hin, nicht wahr; denn ich habe noch niemals einen Maskenball mitgemacht. Und gerade für so etwas laß ich mein Leben."
Dabei fühlte fick) der stattliche Herr von zwei jugend- llck)en Armen umschlungen, und verspürte einen schallenden Kuß auf seiner Wange.
„Eigentlich ist es ein Unsinn, ein Ding von sechzehn Zähren, dem noch der Zopf auf dem Rücken baumelt,
unter Erwachsene zu bringen, aber wenn Mutter nichts dagegen hat, will ich nicht den hartherzigen Vater spielen." „Mütterchen willigt ein, das weiß ich schon im voraus, nicht wahr, Du Süße."
Ein Kopfnicken der schönen Frau war ihr Antwort genug, und mit einem Jubelruf stürmte der Backfisch aus dem Zimmer, um der älteren Schwester das große Glück zu verkünden. '
Der Winter war mit verdoppelter Kraft ins Land gekommen, und eine prachtvolle Schneedecke lag auf den Wegen, sodaß von nah und fern die Schlittengespanne heranklingelten und vor per Olsdorfschen Villa hielten. Dort herrschte schon ein reges Leben und Treiben. Der Ballsaal war bereits ziemlich art gefüllt, und immer noch strömten neue Masken herein und konnten sich nicht satt sehen an all der Pracht und Herrlichkeit, die der weite Raum aufwies. Unzählige elektrische Lämpchen, farbig und weiß, wechselten zwischen Fahnen und Guirlanden ab; Pierrots und Harlekins vollführten kecke Luftsprünge, und diese jauchzende Lust wird übertönt von dem Schrillen der Geigen und Flöten.
Ellen Wegner in dem Kostüm einer neapolitanischen Fischerin bleibt einen Augenblick geblendet an der Thür stehen. So aufregend und sinnverwirrend hat sie sich einen Maskenball doch nicht gedacht; sie kennt ja keinen von all' den Menschen und kommt sich ordentlich fremd und verlassen in dem Gedränge vor. Wo nur wenigstens Hertha weilen mochte? An ihren Arm wollte sie sich hängen, bis das Fest vorüber war. Suchend blickte der geängstigte, sonst so kecke Backfisch umher, und richtig — ein Seufzer der Erleichterung entfuhr seinen Lippen — da hatte er die Schwester, eine zierliche und schlank gewachsene Erscheinung in das Gewand einer Colombine gehüllt, entdeckt.
Voll schwesterlicher Bewunderung glitt Ellens Blick über die Gestalt. Ja, sie war ohne Zweifel die Schönste im ganzen Ballsaal. Ein wundervoller Haarknoten von blau- schwarzer Farbe kam unter einem weißen, mit roten Poupons besetzten Dreispitz zum Vorschein. Das Gesichtchen war von einer neidischen Halbmaske bedeckt; ließ aber trotzdem genug von Stirn und Schläfen, dem Oval der pfirsichzarten, rosig angehauchten Wangen und dem entzückend geformten Kinn sehen, um zu dem berechtigten Schlüsse zu gelangen, daß ihr zweifellos auch nach der Demaskierung der Schön- heitspreis zuerkannt werden müsse.
Dieser Meinung schien ebenfalls ein arabischer Scheck! ju sein, der, das Haupt von einem Turban umwunden, immer von neuem die Colombine umkreiste und ihr gerade in dem Augenblick den Arm bot, als Ellen bei ihrer Schwester Rat und Hilfe erbitten wollte.
„Nein, das war denn auch zu arg! Wie hatte sie sich auf den Abend gefreut und nun kümmerte sich keine Menschenseele um sie; Papa und Mama glaubten ihre ^ungste gut aufgehoben und waren so vertieft in der Unter» Haltung, daß ihnen nichts ferner lag, als der Gedanke, Ellen konnte sich langweilen. Wenn sie nur wenigstens gewußt hätte, wer dieser gräßliche Salon-Araber, der Hertha keinen Augenblick verließ, eigentlich war? Den Beweg- ungen und der Gestalt nach zu urteilen, mußte es Ulrich DlSborf, ber Sohn des Hauses, sein, ber ihrer Schwester !N?n wahrenb bes ganzen Winters seine Hulbigungen so offenkunbig barbrachte. Ehrlich geftanben, gefiel ihr ber elegante, schneibige Assessor gleichfalls sehr gut, was sie in ihrer sechzehnjährigen Würbe zwar nur burch schnippische Antworten zu erkennen gab, bie aber trotzdem der gegen- fettigen Freundschaft keinen Abbruch thaten. Einzig und allein, daß er ihrer Hertha auf Leben und Tod den Hof machte, konnte sie ihm nicht verzeihen, und wehe dem Kecken, wenn es ihm eines Tages einfallen sollte, um deren Hand aiizuhalten. Für diesen Fall war ihr Racheplan schon fertig. Und jetzt beugte er sich — denn daß der weihe Burnus ihn barg, daran war für sie kein Zweifel mehr, — wieder zu der Colombine herab und flüsterte ihr zärtlich etwas zu. Gleich darauf flogen die Beiden im Tanze dahin.
»Nee, weiß ber Himmel, bie Geschichte war ihr wirklich zu langweilig! Ellen unterdrückte mühsam einen Gähnreiz Da ging sie lieber ein bischen in die Damengarderobe, um Uch mit Lisette, ber Jungfer ber Kommerzienrätin, zu


