Ausgabe 
19.1.1901
 
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ich ebensoviel allein tont, wie vorher, und womöglich noch weniger Neigung verspürte, Freundinnen zu besuchen, als je, so übte 'doch meine Einsamkeit jetzt nicht mehr de« niederschlagenden Eindruck auf mich wie früher.

Genau erinnere ich mich nicht mehr dieser ersten Reise meines Bräutigams als Schiffsführer. Er hatte eine Ladung Kohlen nach Kronstadt, dann eine Fracht nach irgend einem andern Hafen Ordre. Ms der erste Monat vorüber war, vergingen die Tage schnell genug. Ich hatte, während aus Frühling Sommer wurde, verschiedene Briefe von ihm er­halten; dann kam im August ein neuer Brief, der mich benachrichtigte, ihn gegen den achtundzwanzigsten zu er­warten. Er war nach Hüll bestimmt, und hoffte dort am zweiundzwanzigsten anzukommen. Er würde im Bestimm­ungshafen wohl einige Tage aufgehalten werden; jeden- ülls könnte ich ihn in Newcastle an dem angegebenen Tage erwarten. . ,

Kurz bevor dieser Brief ankam, hatten mein Vater und ich eine lange Unterredung wegen meiner Hochzeit gehabt.

Ich halte nichts von langen Verlobungen", meinte er. Warten ist ganz schön, wenn man warten muß, und es nicht ändern kann; aber wenn man es nicht nötig hat, dann ist das Warten entschieden nicht angebracht. Glaubst Du, daß Dick heiraten will, wenn er von dieser Reise zurückkommt?"

Er wäre ein komischer Liebhaber, wenn er nicht wollte", war meine Antwort.Darauf kommt es übrigens nicht an. Werde ich wollen?"

Na, na, Jeß", sagte er,entweder vernünftig reden oder gar nicht. Ich nehme an, daß ihr beide die Absicht habt, sofort zu heiraten, und in diesem Falle ist es am besten, wenn wir das Aufgebot bestellen, ehe Dick an Land steigt. Dann machen wir inzwischen etwasFahrt voraus" in der Angelegenheit."

Aber wer soll sich um Dich bekümmern, Vater, wenn ich fortgehe?"

Wer sagt, daß Du fortgehst?" antwortete er lächelnd. Ist in diesem Hause .nicht Platz genug für. Dich und Deinen Ehemann?"

Ich dachte, Du wolltest das alte Haus verkaufen, und nach Shields ziehen, wenn ich heirate."

Ja, das war ursprünglich meine Absicht", ries et aus, und schaute langsam mit rührendem Gesichtsausdru« im Zimmer umher.Ich habe mir aber die Sache überlegt und gefunden, daß ich es doch nicht über das Herz bringen würde, zu gehen, wenn es dazu käme. Es ich wahr, diese Raritäten würden in einer anderen Umgebung wohl besser aussehen. Ich würde das ausländische Thonzeug da ganz gerne auf einem anderen Kaminsims sehen. Du erhabene Arbeit, das Schönste an den Vasen, kann ma« so hoch oben gar nicht würdigen. Trotz alledem habe iq doch wohl nicht den Mut auszuziehen. Die Erinnerung ait Deine Mutter, mein Kind, ist mit diesem alten Hause ver­knüpft, und ich glaube, ich fände in der ganzen Welt keine zweite Wohnung, die micb so anheimelte wie gerabi diese alten Zimmer."

Es würde sehr hübsch sein, wenn wir drei zusamrn« wohnen könnten", bemerkte ich.Ich wäre stets in Deinä Nähe, und wenn Richard zu Hause ist, könnte er Dir Ge­sellschaft leisten."

Dann würdest Du also nicht mit ihm segeln wollen? fragte er eifrig.

Nein", antwortete ich. Ich könnte Dich nicht allein lassen." ,.

Er rief mich zu sich, und gab mir einen Kuß für diese Bemerkung. .... x

Immerhin", meinte er,können wir diese Dinge M später besprechen. Wann sagtest Du, will Richard hier sein.

Am achtundzwanzigsten."

Gut, sagen wir am achtundzwanzigsten. Dann schlag/ ich vor, ich gehe morgen zun^ Vikar, und melde das Aui- gebot für nächsten Sonntag an."

Nein, nein", rief ich lachend.Damit mußt warten, bis Richard angekommen ist." .

Unsinn", rief er.Du bist immer für's Warten, Wenn Dick Dich haben will, wird es ihn nur freuen, i hören, daß so weit alles klar ist. Will er Dich nicht haben- fo kannst Du Dich trotz des Aufgebots bis ans Ende Deine Tage Snowdon schreiben."

Weine nicht, Jessie!" sagte Richard, meine Hand drückend.Daß ich morgen in See gehe, hat weiter nichts iu bedeuten, als eine Art Probereife, um zu sehen, wie sch mich als Schiffer anstelle. Denke Dir, Dein Vater hätte sich die Fahrt ausbedungen, ehe ich Dir mein Herz anbieten durste. Du wirst sehen, wie schnell die Zeit vergeht."

Als die Stunde herankam, wo mein Schatz mich ver­lassen mußte, konnte ich kaum sprechen. Jetzt hielt ich noch seine Hand, sah seine dunkeln Augen zärtlich auf mich gerichtet, wußte, daß ich fein Liebstes war, und in kurzer Zeit sollte all dieses Glück vorbei sein, monate­lang. würden wir gerade so getrennt fein, als ob er ober ich tot wäre.

Ehe er ging, bat er mich, ihm ein Paar Handschuhe zu geben. Ich glaubte, er wolle irgend ein Erinnerungs­zeichen an mich haben, und holte statt der Handschuhe ein . herzförmiges Medaillon, zog ein Stück Band durch den Ring, küßte es und drückte es ihm in die Hand. Mein Vater that, als sähe er nichts und starrte, den Kopf in die Hand gestützt, ins Feuer.

Das ist mehr, als ich gewagt hätte, zu erbitten", sagte Richard und betrachtete das Geschenk mit kindlichem Vergnügen.Die Handschuhe muß ich aber auch haben." Gwas verwundert, daß ihm das Medaillon nicht genügte, holte ich die Handschuhe. Er legte sie sorgfältig zusammen und steckte sie in die Tasche. Dann erhob er sich, um zu gehen. In diesem Augenblick verließ mein Vater das Zimmer mit der Bemerkung, daß er gleich wiederkommen werde. Dadurch ward uns Gelegenheit gegeben, so von einander Abschied nehmen, wie es einem verlobten Paare zukommt, und das hatte der Vater auch beabsichtigt. Als er zurückkam, lag ich weinend in Richards Armen.

Nun, Jeß", rief er, indem er sich bemühte, einen scherzhaften Ton anzunehmen, der aber durch den Klang von Teilnahme abgeschwächt wurde,brauchst Du denn fünf Minuten, um Lebewohl zu sagen? Na, Dick, Gott segne Dich! Laß es Dir gut gehen, mein Junge, und halt' die Ohren steif! Jessie und ich werden Dich erwarten. Sie wird schon wieder Mut fassen. Es ist für sie die erste Prüfung dieser Art; Gott gebe, daß sie nie schwerere zu bestehen haben möge."

Richard küßte mich noch einmal und trat dann mit dem Vater hinaus auf den Flur, wo ich sie noch sprechen hörte. Gleich daraus wurde die Hansthür geöffnet, und wieder geschlossen.

Nun, Jessie", sagte der Vater, indem er eintrat, und feine Hand auf meine Schultern legte,nimm Dir das nicht so zu Herzen, Kind. Gestern um diese Zeit warst Du nur verliebt, aber noch nicht verlobt. Jetzt hast Du einen Bräutigam und bald einen Ehemann. Wenn das für Dich noch nicht schnell genug gesegelt ist, bann kann ich Ar sagen, daß Deine Gebuld für biese Welt wohl kaum ausreichend ist."

Ich fühlte, baß es meinem Vater gegenüber unrecht - sei, meiner Trauer zu sehr nachzuhängen; so trocknete ich denn meine Thränen, unb versuchte ein heiteres Gespräch. Aber bie ganze Zett über lauschte ich ben Hagenben Tonen des Winbes und dachte darüber nach, ob ich meinen Richard wohl jemals Wiedersehen würde.

" Achtes Kapitel.

Meine Hochzeit wird festgesetzt.

Am folgenden Vormittag stellte es sich heraus, wes­halb Richard meine Handschuhe gewünscht hatte. Kurz vor zwölf Uhr ertönte die Hausklingel, unb bas Dienstmäbchen brachte mir ein Paket. Es war eine kleine Schachtel; barm befand sich ein Brief von meinem Schatz und ein Brillant­ring.

Der Brief erfreute mich sehr. Alles, was ein treues Herz von Liebe zu Papier bringen kann, war darin gesagt. Ich durchlas ihn wohl zwanzigmal, ehe ich mich überwinden konnte, dies Heiligtum wegzulegen.

In den ersten Tagen grämte ich mich sehr um Richard, wenn auch im geheimen. Dann tröstete ich mich über seine Abwesenheit, und fing an, die Tage zu zählen, bie bis zu seiner Rückkehr vergehen mußten. Das Leben hatte einen ganz neuen Reiz für mich gewonnen. Jetzt konnte ich aus dem Fenster schauen, ohne daß der Anblick immer derselben alten Straßen unb Häuser mich langweilte, unb obgleich